Friss Ananas, Burger und Haselhuhn

Ukraine Unterwegs auf der längsten Trolleybus-Strecke der Welt

Der BGS-Beamte wünscht ob des Reiseziels Ukraine "Herzliches Beileid", und schon geht es weiter über Wroclaw nach Przemysl. Die Fahrt im Liegewagen ist auf polnischen Gleisen recht angenehm. Am nächsten Morgen bietet das sonntägliche Przemysl schon einen Hauch habsburgischen Lebens fern von Wien. Obwohl die Stadt selbst noch einige Kilometer von der Grenze entfernt liegt, ist die Nähe der Ukraine unverkennbar. Riesige Märkte mit allerlei östlichen Produkten. Händler, die in karierten Welthandelstaschen Wodka und Zigaretten aus der Ukraine bringen und im Gegenzug Konserven und Mehl in Züge, Busse und auf Anhänger hieven. Die schmalen Gesichter der Ukrainer und der Umstand, dass Grundnahrungsmittel in ihr Land gebracht werden, irritieren zunächst; es wird sich aber zeigen, dass etwaige Bedenken unangebracht sind.

Die polnische Staatsbahn bietet hier täglich zwei Zugverbindungen nach Chirow, die sich unter Händlern größter Beliebtheit erfreuen. Im Wartesaal blitzen die unvermeidlichen sowjetischen Zahngoldreihen, kunstvoll werden Sonnenblumenkerne gekaut und auf den kaum vorhandenen Perrons zusehends mehr Taschen deponiert. Läuft der Zug ein, müssen in kürzester Zeit alle Waren verstaut sein und schon geht es mit gerade einmal 30 Stundenkilometern zur Grenze. Welche Kreativität das ewige Spiel zwischen Schmugglern und Zoll auslösen kann, bezeugt - ansatzweise - das Innenleben dieser Züge: Die Sitzpolster sind ausgehöhlt, alle Verkleidungen tausendmal auf- und zugeschraubt, und doch gibt es immer wieder neue Verstecke - oder Möglichkeiten, das Wohlwollen eines Zöllners zu erlangen, um alles unbeschadet bis zur Grenzpassage in Medyka zu bringen. Dort offenbart sich das polnisch-ukrainische Wohlstandgefälle recht krass: Überladene Pkw, uralte Busse des Typs LAS (mit diesem Typ wurde Juri Gagarin 1961 zur Rakete gebracht), unendliche Fußgängerströme, ausnahmslos mit karierten Taschen der chinesischen Marke Friendship. Das Visum ist schnell gestempelt, die Zwangsversicherung bei UKRAINMEDSTRACH glücklicherweise abgeschafft - so steht der Fahrt in die Hauptstadt Galiziens nichts mehr im Wege.

Lemberg und die Zeiten des Nikita Sergejewitsch Chrustschow

Lemberg empfängt zunächst mit einem Busbahnhof sowjetischer Dimension und einer Herberge an der Ringstraße, die zuvörderst auf die Bedürfnisse von Fernfahrern ausgerichtet scheint. So darf es nicht verwundern, dass man neben Reifen, Benzin, Zigaretten und einem Zimmer auch noch eine Frau bekommen kann. Im Stadtzentrum selbst zeigt sich die ganze Schönheit der alten Metropole: Die prächtigen Wohnhäuser am Markt werden von Kirchen überragt und von Geschichte aus fernen Tagen. Straßenbahnen stolpern durch natursteingepflasterte Straßen, Cafés laden zum Besuch, Frischvermählte legen Blumen am Denkmal des Nationaldichters Taras Schevschenko nieder.

Auf dem Boulevard der Freiheit toben trotz der winterlichen Temperaturen Wettkämpfe der Schach- und Dominospieler. Viele Gebäude, darunter die Oper, sind gut erhalten, verströmen einen morbiden Charme, beklagenswerter Verfall ist nirgends zu beobachten. Eine "gewisse gastronomische Kultur", die als typisch sowjetisch gilt, hat sich in den preiswerten Stolowajas erhalten. Diese kleinen Bistros, die etwas mehr als einen Imbiss, doch weniger als ein komplettes Menü anbieten, leben von Interieur und Personal, das gewiss schon zu Zeiten des Nikita Sergejewitsch Chrustschow Dienst tat und Pelmeni, Borschtsch, Sosiskij und natürlich sto gramm bereit hielt.

Auf der Fahrt von Lemberg nach Kiew begegne ich Roman, mit 23 schon Absolvent der Biochemie. In der Ukraine gäbe es für ihn keine Perspektive, erzählt er, das Geld für eine eigene Wohnung könne er mit den üblichen Gehältern sowieso nicht erarbeiten, so fahre er zur tschechischen Botschaft, um ein Visum zu beantragen, das ihm den Weg in das "Hochlohnland" Tschechien ebnen soll. Ja, er sei als potenzieller Auswanderer trotzdem ein überzeugter Nationalist. Das Bekenntnis ist in der Ukraine kaum zu umgehen. Nach Jahrhunderten eines mehr oder weniger hingebungsvollen russischen Patronats war die Lösung von der 1991 zerfallenden Sowjetunion für viele Ukrainer ein Schritt der Würde und Selbstbestimmung. Seither verbindet sich das erwachte Nationalgefühl oft mit intensiver Hinwendung zu Kirche. Allerdings wirkt der Eifer beim Reanimieren religiöser Stätten angesichts einer extremen Altersarmut von Millionen Menschen eher befremdlich. Viele Ukrainer scheinen aber bereit, dies - ebenso wie die miserable ökonomische Lage oder die ewige Energiekrise - zu akzeptieren, wenn sie im Gegenzug auf eine Zukunft im Herzen Europas hoffen dürfen.

In Kiew erinnert besonders der Wladimirhügel am Dnepr-Ufer an die Christianisierung der Slawen im 10. Jahrhundert. Das gewaltige Denkmal zur 300-Jahr-Feier der Vereinigung Russlands und der Ukraine steht am Anfang eines Höhenweges, der bis zu den Monumenten für die Verteidiger Kiews im Zweiten Weltkrieg mit der gewaltigen Mutter-Heimat-Statue führt. Hier unterwegs zu sein, heißt, den Blick nicht vom malerischen, bewaldeten linken Ufer des Dnepr losreißen zu können oder von der Flussmitte mit den vielen Inseln, deren eine den Gidropark mit seinen typisch östlich-lauten Bespaßungseinrichtungen trägt.

Am Dnepr-Abend verführt die untergehende Sonne die goldenen Kuppeln des nahen Höhlenklosters zu immer neuen Farbspielen. Dieser Sakralbau galt einmal als religiös-politische Kultstätte der Kiewer Rus. Nur die Sophien-Kathedrale vermag von ihrer Bedeutung her das Höhlenkloster noch zu übertreffen: Gelegen im Zentrum der Hauptstadt, ist sie das geistige Zentrum der Christianisierung und Ruhestätte mehrerer bedeutender Führer der Rus.

Jalta wird bis auf weiteres durch den Genossen Lenin beaufsichtigt

Da Simferopol Ausgangspunkt der wohl längsten Trolleybusstrecke der Welt ist (86,5 Kilometer mit einem höchsten Punkt von 750 Metern), empfiehlt es sich, auf den Zug zu verzichten und mit einem der eigentümlichen Skoda-Busse das Krimgebirge zu überwinden, um dem Traumziel aller Werktätigen entgegen zu schaukeln, dem einstigen Unionssanatorium. Eingezwängt zwischen einem schroff aufsteigenden Küstengebirge und dem Schwarzen Meer liegt Jalta mit seinen berühmt grobkiesigen Stränden und weitläufigen Promenaden, auf denen zu jeder Jahreszeit der Fremdenverkehr floriert: In einer Mischung aus unbekümmerter Bodenständigkeit und postsowjetischem Schmelz bietet das Stilleben kreischende Achterbahnen und dickbäuchige Ukrainer (oder Russen), die sich für das Gruppenbild mit junger Dame auf einer Harley räkeln, Afghanistan-Veteranen und schwermütige Lieder oder eine der unvermeidlichen Filialen McDonalds, in der sich die Fast-Food-Gemeinde vorerst - bis auf weiteres - durch den Genossen Wladimir Iljitsch an weißer Wand beaufsichtigt findet. "Zwei sind im Zimmer. Ich und Lenin - er als Foto an weißer Wand", hatte der Dichter Wladimir Majakowski Ende der zwanziger Jahren geschrieben. Hier gilt es weiter, wenn auch mehr auf das Kollektiv bezogen, dessen bürgerlicher Spielart derselbe Majakowski einst hinterher rief: "Friss Ananas, Bürger, und Haselhuhn ..."

Auf der Krim leben nach wie vor mehrheitlich russische Bürger, die im Gegensatz zum ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma auch nachträglich kein Ukrainisch lernen und lieber auf ihre Weise um einen Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft ringen. In Jalta stehen ihnen dafür vorzugsweise die Neubaugebiete am Ortsrand zur Verfügung, in denen es nur stundenweise Wasser gibt. Auf den Kollaps der zentralen Warmwasserversorgung im Winter ist Verlass.

Meine russische Vermieterin, die sonst vornehmlich polnische Jugendliche in ihrem Wohnzimmer beherbergt, wie sie erzählt, kommt so gern auf besserer Zeiten zu sprechen: Heute hätten sich überall Ukrainer, Juden und Huzulen (Bewohner Transkarpatiens - A.W.) ausgebreitet - "schlechte Menschen" und außerdem "an allem Schuld" ...

Czernowitz lebt in den Gedichten Paul Celans und Rose Ausländers

Tatsache ist auf jeden Fall, dass sich die Huzulen als äußerst wortgeizig erweisen und meinem Vorhaben, den 2.061 Meter hohen Berg Hoverla zu besteigen, eher desinteressiert begegnen. Ihr Leben in der Abgeschiedenheit der Berge ist mühsam und monoton. Offenbar existieren die meisten Huzulen von Erträgen aus Hof und Garten, denn die örtlichen Läden bieten (neben wenigen Lebensmitteln) eigentlich nur Schnaps und einige Industriewaren.

Aber es sind auch Witterungsverhältnisse, die helfen, eine Besteigung des Hoverla zu verhindern. Erhebliche Regenfälle im Januar haben der Theiß die Kraft gegeben, die Bahnstrecke nach Rumänien wegzuspülen und die Straßen in elende Schotterpisten zu verwandeln. So bleibt nur der Ausweg, Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, und dort den Verein Wiedergeburt als Heimstatt des noch nicht ausgewanderten Deutschtums zu besuchen, das sich selbstredend im Deutschen Haus trifft, um eine Theateraufführung zum Deutschen Tag einzustudieren. Ausreisen sei kein Thema mehr - so der Vereinsvorsitzende - eigentlich seien doch fast alle auf und davon. Olga, eine junge Ukrainerin mit deutschen Vorfahren, streut während der Führung durch die historische Altstadt ein, dass auch sie wenigstens zeitweise in Deutschland arbeiten wolle, sobald sie das Studium in der erdrückenden Schwere von Granit und Marmor an der Universität von Czernowitz beendet habe.

Über den Dächern der Stadt liegt der jüdische Friedhof - 50.000 Gräber zeugen davon, welche Größe die Gemeinde einmal hatte. 50.000 Grabsteine geben, vornehmlich auf deutsch, Auskunft über Familien und Schicksale - größtenteils Schicksale toter Familien. Paul Celan und Rose Ausländer wurden in Czernowitz geboren, in ihren Gedichten lebt die Erinnerung an das verlorene Schtetl Osteuropas.

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00:00 08.02.2002

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