Frisurenversteher

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Gestern habe ich geträumt, ich bin ein mittelmäßig begabter Maler aus der Neuen Leipziger Schule. Ich glaube noch immer an die Freiheit der Kunst und habe gerade ein Ölbild gemalt mit dem Titel: "Beim Barte des Propheten". Darauf ist ein Gewirr aus dicken schwarzen Strichen zu sehen. Es soll den Bart des Propheten Mohammed darstellen. Aus dem Bart ragen explodierende Flugzeuge und Fernsehbildschirme mit einstürzenden Hochhäusern, Atombomben-Attrappen und Fotos von Selbstmordattentätern mit Osama-Bin-Laden-T-Shirts. Am rechten unteren Bildrand sieht man eine kleine Figur, die von Ferne an Condoleezza Rice erinnert und gerade dabei ist, zwei bluttriefende Kalaschnikows ins dunkle Barthaar des Propheten einzuflechten. Das Bild zitiert ironisch alle mediengestützten islamophobischen Ängste unseres kollektiven Unbewussten und soll den interkulturellen Dialog befördern.

Zur ersten öffentlichen Ausstellung des Bildes habe ich den Imam meiner Heimatstadt eingeladen. Der jedoch missversteht mein Gemälde völlig. Entrüstet faucht er mich an, dass es gegen die Gebote des Koran verstößt, wenn man den Körper des Propheten - oder auch nur einzelne Teile seines Körpers, wie zum Beispiel den Bart - bildlich darstellt. Das Ganze klingt bedrohlich nach Fatwa, und tatsächlich erhalte ich eine Woche später Post von einer lokalen Islamistengruppe. Man rät mir, mein neues Gemälde zu vernichten, da es die religiösen Gefühle aller rechtgläubigen Muslime verletzen würde. Jetzt keimt auch in mir eine diffuse Angst vor dem Islam auf. - Wie komme ich da nur wieder raus?!

Angespannt und mit fragendem Blick liege ich bei meiner Therapeutin Natascha-Lou Salomé auf der Behandlungscouch. Natascha-Lou ist Spezialistin für interkulturelle Psychoanalyse, sie schüttelt bedächtig den Kopf und prophezeit mir: "Rein kopfmäßig kommen Sie da gar nicht mehr raus, Herr Mondaugen! Angst überwindet man nur durch Verstehen, und Verstehen geht nur über Beziehung. Sie werden erst dann keine Angst mehr vor dem Islam haben, wenn Sie sich ganz auf ihn einlassen - existenziell meine ich, mit Leib und Seele. Ich kann Ihnen da einen guten muslimischen Körpertherapeuten und Sufimeister empfehlen, Scheich Ibn Arabi Kara Ben Nemsi. Man nennt ihn auch den Barbier von Istanbul. Hier ist seine Visitenkarte!"

Auf der Karte steht mit grüner Schrift: Istanbul - Westöstlicher Dönerladen und Frisörsalon, Sigmund-Freud-Allee 2a, gleich an der Hauptmoschee. Ich höre von draußen den Muezzin rufen und eile zu meinem nächsten Therapietermin.

Sufimeister Ibn Arabi Kara Ben Nemsi erwartet mich bereits. Er trägt einen mit traditionellen psychedelischen Mustern bestickten Kaftan, hält eine diamantenbesetzte Schere in Händen und hat wunderbar ziseliertes Haupt- und Barthaar.

"Ich begrüße Sie zu unserer dreistufigen Sufi-Frisier-Meditation und freue mich darauf, Ihrem Leben eine neue spirituelle Frisur zu geben!"

Schon hat der Meister mich auf den Therapiestuhl geschnallt und fängt an, meinen ungeordneten Haarwust zu formatieren. Dabei überschütten mich seine Lippen unaufhörlich mit einem Remix der tiefsinnigsten muslimischen Frisörgespräche aus den letzten 14 Jahrhunderten.

Er beginnt mit den langwierigen Sentenzen, mit denen der Prophet Mohammed Anfang des siebten Jahrhunderts seinen Leibfrisör zuzutexten pflegte, während dieser ihm Bart- und Haupthaar stutzte. Der Frisör ließ damals unbemerkt ein frühmittelalterliches Diktiergerät mitlaufen, schrieb das Ganze heimlich ab und veröffentlichte die Frisörgespräche des Propheten später als Buch unter dem mittlerweile recht bekannt gewordenen Titel "Koran". Der Frisör unterteilte den Koran dabei entsprechend der einzelnen Barbiergespräche in einzelne Frisuren. Weil aber in der altarabischen Schrift die Vorsilbe "Fri" in der Regel nicht mitgeschrieben wurde, machten spätere Übersetzer daraus die Kurzform: die Suren.

Je länger meine Frisiersitzung dauert, umso tiefer, emotionaler und nachhaltiger wird mein Verständnis des Islam. Ich spüre, wie sich diese innere Wandlung auch in meinem äußeren Erscheinungsbild auszudrücken beginnt. Schon implantiert Ibn Arabi mir eine Reihe langer dunkler Barthaare. Gegen Mitternacht ist die Operation beendet, und ich darf in einen goldverzierten Spiegel schauen: Mit gekürztem Haupthaar und dunklem Vollbart sehe ich aus wie eine Mischung aus Sigmund Freud und Mahmud Ahmadinedschad. Mir wird schwindlig.

"Ist Ihnen nicht gut, Herr Mondaugen? - Keine Sorge, das ist ganz normal nach der ersten Meditationsstufe." Der Sufimeister schaut mich tröstend an. "Für die zweite Stufe müssen Sie sich nun Ihrer Beinkleider entledigen und den Behandlungsraum dort hinten aufsuchen. Dort erwartet Sie bereits meine Kollegin!"

Zögernd ziehe ich meine Hose aus und, nach einem dezent auffordernden Nicken Ibn Arabis, auch meiner Unterhose. Dann stolpere ich mit zitternden Knien ins Hinterzimmer, wo mich eine mit traditionellem schwarzen Ganzkörperschleier verhüllte Muslimin empfängt. Ihre diskrete äußere Erscheinung lässt mich die Peinlichkeit der Situation vergessen, und ich nehme ungezwungen auf einem kissenübersäten Therapie-Divan Platz.

"Salam alaikum, Herr Mondaugen! - Nach der frisiertechnischen Behandlung von Bart- und Haupthaar wollen wir uns nun Ihrer Intimfrisur zuwenden. Bitte lehnen Sie sich zurück und entspannen Sie sich!"

Schon hält die Sufimeisterin ein altertümliches Rasiermesser in der Hand. Ich schließe die Augen und ahne jetzt, was Freud gemeint hat, als er seine berühmte Abhandlung über frühkindliche Kastrationsängste schrieb. Als würden meine Gefühle erraten, legt die Meisterin ihre warme linke Hand beruhigend auf meinen Bauch. Ich atme tief hinein und spüre, wie mein Schamhaar auf magische Weise onduliert und spirituell neu ausgerichtet wird.

"Fertig, Herr Mondaugen!"

Ich öffne zögernd die Augen, schaue an mir herunter - und tatsächlich: Dort, wo früher mein krudes Schamhaar ästhetisch nutzlos vor sich hin vegetierte, prangt jetzt ein islamischer Halbmond aus grün gefärbten Locken.

"Sie können jetzt die Hose wieder anziehen. Und dann geht´s auf zur dritten Übung!"

Mit hastigen und ungelenken Bewegungen bedecke ich meine frisch frisierte Scham. Da wirft die schwarze Sufimeisterin unvermittelt ihren Körperschleier ab und steht jetzt in einem sehr kurzen roten Kleid mit hundert glitzernden Mondsicheln vor mir. Nun erkenne ich sie: Es ist meine Therapeutin Natascha-Lou. Sie lächelt mir aufmunternd zu und sagt: "Herr Mondaugen, Sie sind jetzt schon tief in das Wesen des Koran eingedrungen. Um ihre Islamophobie aber endgültig zu heilen, müssen wir uns jetzt noch Ihrer ganz persönlichen Angstbiografie zuwenden. Genau dafür ist die dritte Meditationsstufe zuständig. Sie richtet sich - statt auf die äußere - ausschließlich und direkt auf Ihre verborgene innere Frisur. Wir nennen sie auch: die Herzchakra-Frisur."

Natascha-Lou schaltet ihren elektroakustischen Freischneider an. Wie hypnotisiert sinke ich erneut auf den therapeutischen Divan. Von dort aus schickt meine Meisterin mich auf Traumreise - zurück durch alle bisherigen Frisuren meines Lebens. Ich gleite sanft durch die unverstandenen Dauerwellen-Haarschnitte meiner letzten Jahre, durch die tragischen Frisuren einer trostlosen Pubertät im Spätkommunismus und gelange schließlich zurück bis zum ersten, von Panikattacken begleiteten Fassonschnitt meines Lebens - für eine Ostmark fünfundsiebzig. Es ist Mittwochabend im November, irgendwann in den Siebzigern. Ich bin ungefähr vier Jahre alt und sitze, während mir meine Mutter die Arme nach hinten verdreht, wild zuckend im Schaufenster-Frisierstuhl der PGH Scherenschnitt meiner Heimatstadt. Über mir das Lächeln einer korpulenten Friseuse, die vor meinen Augen eine martialische Schere zu meinem verwirrten Haarschopf führt. "Rundschnitt mit oder ohne Scheitel?"

Mit letzter Widerstandskraft winde ich meinen Kopf zur Seite und erblicke draußen vor dem Schaufenster am Abendhimmel einen roten Halbmond. Aus dem tiefsten Inneren meines Körpers gellt ein langgezogener existenzialistischer Schrei... - Die dritte Stufe der Sufimeditation ist erreicht! Ich bin soeben meiner ganz persönlichen Urfrisur begegnet - der wahren Frisur meines Selbst. Alles um mich herum beginnt zu leuchten! Wie erlöst kehre ich von meiner Traumreise zurück in die reale Welt ...

Ein Schatten über mir! - Natascha-Lou Salomé hat sich besorgt über mich gebeugt: "Sind Sie wieder da, Kurt?"

Ich öffne die Augen. Die ersten Strahlen der Morgensonne gleiten durchs Fenster und verfangen sich im zart-dunklen Haarflaum über den Lippen meiner west-östlichen Sufimeisterin. Ich versuche, sie anzulächeln. Wenn ich ein halbwegs begabter Maler aus der Neuen Leipziger Schule wäre, würde ich genau diese Szene hier für immer auf ein Ölbild bannen. Es trüge den sibyllinischen Titel: Kurt Mondaugen - beim Barte seiner Prophetin!

Kurt Mondaugen lebt und arbeitet in Leipzig, und gelegentlich sind er und seine Therapeutin Natascha-Lou Salomé mit interaktiven Leseshows auf Weltrettungsmission unterwegs.


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00:00 17.11.2006

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