Frivolität und Moral

Julian Barnes neuer Roman scheint wie für sie gemacht: Michael Angele über einen Autor, den auch romanmüde Leser mögen
Michael Angele | Ausgabe 08/2017 1

Seit einiger Zeit debattiert die Literaturkritik über einen möglicherweise sinkenden Wert der Fiktion. Auch ich ertappte mich öfter dabei, statt eines Romans lieber die Biografie des Schriftstellers, der den Roman geschrieben hat, in die Hand zu nehmen, es geht auch anderen so.

Das neue Buch von Julian Barnes scheint wie für uns Fiktionsmüde gemacht, erzählt es doch aus dem Leben eines real existierenden Künstlers, Schostakowitsch, um an diesem Leben große moralische Fragen aufzuwerfen. Was will man mehr?

Der Lärm der Zeit ist glänzend geschrieben, aber eben auch, siehe unsere Kritik, in einer recht behaglichen Form. Ist dieses leichte Unbehagen, das auch mich beim Lesen befallen hat, gleichsam als moralische Sollbruchstelle im welthaltigen Gefüge des biografischen Ansatzes zu verbuchen? Oder ginge es auch anders, irgendwie doch ... literarischer?

Skeptisch bleiben

Nun verbindet man mit dem 1946 in Leicester geborenen Barnes gewiss keinen Schriftsteller, der sich in der Erfindung eines Helden, einer Heldin so unsterblich gemacht hat wie, sagen wir, Gustave Flaubert mit Madame Bovary. Und doch ist Vom Ende einer Geschichte, Julian Barnes’ Bestseller von 2011, ein klassischer, wenngleich etwas kurzer Roman.

Und er verhandelt im Medium der Fiktion zentrale Fragen der Biografie, genauer der Autobiografie: Was weiß ich eigentlich von meinem Leben? Was erzähle ich mir? Was erzählen mir die anderen? Wie passt es zusammen? Indem der 60-jährige Geschichtslehrer Tony Webster den Leser an seiner Recherche teilhaben lässt, lehrt er ihn eine Skepsis, die sich auch gegen einen selbst richtet: Die letzte Wendung, die die Geschichte nimmt, dürfte sich keiner ausgemalt haben.

Nicht nur die Natur macht Sprünge, auch die Geschichte in all ihren Bedeutungen ist sprunghaft, will Barnes uns sagen, und: Das Gegenteil von Fiktion ist nicht einfach eine Biografie. Nun wird man vielleicht einwenden, dass das sicher richtig ist, eine Binse fast, aber doch nicht erklären kann, warum es den Leser mehr fesselt, wenn Thomas Melle von seiner manisch-depressiven Erkrankung erzählt, als wenn er einen Helden erfindet, der manisch-depressiv ist, selbst wenn genau das Gleiche erzählt würde. Eine Frage, die Literaturwissenschaftler immer etwas in Verlegenheit bringt. Auch ich weiß darauf keine andere Antwort, als selbst einen kleinen Sprung zu machen:

Zwei Varianten einer Biografie

2008 starb die Literaturagentin Pat Kavanagh, mit der Julian Barnes 30 Jahren zusammengelebt hatte, an Krebs. In seinem Buch Lebensstufen versucht er ihren Tod schreibend zu verwinden. Das ist mit einem grandiosen Pathos der Nüchternheit beschrieben, aber es würde seine Wirkung nicht entfalten, wenn diesem zweiten Teil des Buchs nicht die Geschichte des Fotografen und Luftfahrtpioniers Nadar (1820–1910) sowie eine (erfundene?) Briefaffäre zwischen der Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844 – 1923) und dem Offizier und Schriftsteller Frederick Burnaby (1842 – 1885) vorangingen. Erst durch eine raffinierte Parallelisierung auf unterschiedlichen Ebenen und ein pathetisches Spiel mit der paradoxen Semantik des Aufstiegs (im Ballon schweben, das Leben zelebrieren, zum Himmel fahren, sterben) kann der autobiografische Part, man traut es sich kaum zu sagen, sein Lesevergnügen entfalten.

Nun wird man als Leser dieser Glosse vielleicht sagen: „Dass Nadar nur da ist, weil Pat nicht mehr da ist, habe ich wohl begriffen, aber wenn der Mensch interessant ist, lese ich eine Biografie auch ohne einen solchen rhetorischen Budenzauber. Über Schostakowitsch. Oder meinetwegen über Gustave Flaubert, der in dieser Glosse übrigens recht durchschaubar als Beispiel eingeführt wurde.“

Nun, dann lesen Sie Flauberts Papagei, das Werk, das Barnes zu Recht berühmt gemacht hat, und lesen Sie es genau. Es zeigt die fremde Biografie als Spiel – Spuren verfolgen, Listen erstellen, ein Quiz ausfüllen –, ein Heidenspaß, aber Julian Barnes wäre nicht der, den wir verehren, wenn er nicht noch in der Frivolität eine Moral und in der Moral das Frivole herausstellte. So stirbt Gustave Flaubert in Barnes’ Papagei einmal „vereinsamt, arm und erschöpft“ und einmal „hochgeehrt, allseits beliebt und bis zuletzt hart arbeitend“.

Eigentlich kann nur eines sein, aber durch die Hand des Schrifstellers erscheint beides plausibel, it’s literature, stupid!

06:00 08.03.2017

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