Frohes neues Geld

China An diesem Montag beginnt im chinesischen Kalender das Jahr des Ochsen. Die Neujahrsbräuche bieten auch Europäern Regeln für das Leben in finanziell unsicheren Zeiten

Gōngxi Fācái - Herzlichen Glückwunsch und werden sie wohlhabend! Mit diesem Gruß beginnt an diesem Montag für viele Chinesen das drei Tage dauernde Neujahrsfest, das das Jahr des Ochsen einläutet - und was durchaus zur Finanzkrise passt. Denn das Rindvieh gilt in der chinesischen Astrologie als Symbol für soliden Wohlstand, der durch harte, klaglose Arbeit ohne riskante Spekulationen und Kredite verdient wird.

Da Chinesen möglichst unbelastet das neue Jahr beginnen wollen, zahlen viele vor dem Neujahrstag Schulden aus dem Vorjahr zurück und verleihen an den Neujahrstagen kein Geld; fürs Super-Rezessionsjahr 2009 vielleicht nicht der schlechteste Beginn. Andererseits ist das chinesische Neujahr traditionell kein Fest für Knickerer, sondern bringt die Geldströme unter Chinesen weltweit zum Fließen - was ja manche ebenfalls als eine Lösung für die Finanzkrise sehen.

Zum traditionellen Start ins neue Jahr gehört in China die Entsorgung von Altem. Also weg mit den unmodisch gewordenen Flatterteilchen des letzten Jahres! Die Einkaufszentren locken mit Sonderangeboten, damit sich die Käufer mit neuen Schuhen, Kleidern und manchmal auch Frisuren eindecken können. So zumindest in der Finanz- und Shoppingmetropole Hong Kong. Die Stadt hat wohl die elaboriertesten Bräuche rund um den Themenkomplex „Glück und Geld“ entwickelt. Zustande kommen diese aufgrund des kantonesischen Dialekts: Weil eine Silbe auf neun verschiedene Arten ausgesprochen werden kann, gibt es zahlreiche Worte, die dem Wort für Reichtum ähneln.

Kumquat- und Orangenbäumchen sind ein Symbol für Wohlstand

In Vorbereitung auf das neue Jahr schmücken die Hong Konger ihre Wohnungen mit glücks- bzw. geldbringenden Symbolen: Narzissen sowie Kumquat- und Orangenbäumchen sind aufgrund ihres Wortklangs und ihrer goldenen Früchte ein Symbol für Wohlstand und sollen diesen anziehen.

Bei gemeinsamen Festessen werden symbolische Gerichte serviert: Süße Teigröllchen, die Goldbarren ähneln sollen; teure Meeresschnecken, deren kantonesischer Name soviel wie “Sicherer Zuwachs” bedeutet oder rohen Salat alias “Wachsendes Geld”.

Zumindest für die ledigen Chinesen beginnt dieses Geldwachstum bereits am Fest selbst. Jeder verheiratete Mensch ist verpflichtet, jüngeren Unverheirateten auf ein fröhliches Gōngxi Fācái ein rotes, mit Geldscheinen gefülltes Tütchen auszuhändigen - egal ob es sich beim Gratulanten um Kinder aus dem eigenen Familien- und Bekanntenkreis, Kollegen oder sogar Kunden handelt.

Diese Pflege sozialer Beziehungen ist für die Geber teuer, für die Empfänger jedoch ein echter Anreiz für Abstecher auch bei wenig beliebten Tanten – am Ende locken das lang ersehnte I-Phone oder ein neues Netbook.

Für eine Handvoll Dollar kleben Mönche Wünsche an die Wand

Nach zwei Tagen Familienfeiern dient der dritte Tag des Festes, um sich mental und spirituell auf das kommende Jahr einzustimmen. Die zahlreichen Tempel Hong Kongs bieten hierfür jede Menge Gelegenheiten: Für wenige Dollar kleben Mönche Wünsche an Wände und verlesen sie im Anschluss laut; Glücksräder werden gedreht, Wahrsager konsultiert, Räucherstäbchen erworben und vor Schreinen verbrannt - was oft ebenfalls Reichtum verheißen soll.

Im Dorf Lam Tsuen vor Hong Kong steht gar ein Wunschbaum für Reichtum, der zum Neujahrsfest mit Geschossen aus Orangen und Papier beworfen wird (man erinnere sich: Orangen = Gold = Glück). Die Geschosse bleiben im Baum hängen, weswegen der Reichtums-Baum stets unter dem Gewicht zugrunde gehen droht. Dagegen ist der zweite Wunschbaum ums Eck vergleichsweise spärlich besucht und kaum halb so groß. Dort kann man sich eben nur Glück in der Liebe wünschen.

So fördert das chinesische Neujahrsfest den Arbeitsethos und bringt die Wirtschaft in Schwung. Nun mögen Europäer einwenden, dass man für diese Zwecke ja bereits Weihnachten habe. Stimmt. Aber dieses Fest feiern die Menschen in Hong Kong einfach zusätzlich.

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12:45 26.01.2009

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