Fromm auch im Suff

Rumänien Auf der Suche nach dem „Corona-Patienten 0“ kommt man an den Pfingstkirchen nicht vorbei
Ausgabe 41/2020
Eine rumänische Frau grüßt einen Osterumzug
Eine rumänische Frau grüßt einen Osterumzug

Foto: Daniel Mihailescu/AFP/Getty Images

Dieser Tage fuhr ich in die nordrumänische Bukowina. Das Kreisspital Suceava hatte für Rumänien die Rolle des Heinsberger Karnevals in Deutschland gespielt – es war im März das erste Epizentrum der Pandemie, Dutzende Patienten starben. Hatte eine von einer Mauritius-Kreuzfahrt zurückgekehrte Frau das Virus eingeschleppt oder ein von einem Pfingstler-Gottesdienst kommender Arzt? Eigentlich war das Kreisspital ein Leuchtturm: für 50 Millionen Euro modernisiert, das Management mit der Spitze der rechtsliberalen Partei PNL vernetzt, von Präsident Klaus Johannis (PNL) prämiert. Der Kreis Suceava zählt nur 3,1 Prozent der rumänischen Bevölkerung, aber 8,4 Prozent der Corona-Toten. Das Problem hat System: In Rumänien werden dreimal so viele Corona-Kranke hospitalisiert wie im EU-Schnitt, gerade wurden 44 „Brandherde“ in Spitälern entdeckt.

Meine Fahrt streift zwei geschlossene Staaten. Die an Nordrumänien grenzende Ukraine weist alle Ausländer einen Monat lang ab, und mein Transitland Ungarn lässt Fremde nur ausnahmsweise ein. Dort gibt es für Transitreisende, und das heißt wirklich so: einen „Humanitären Korridor“. Der Grenzpolizist wirft mir einen auffällig großen Aufkleber ins Auto, der dazu berechtigt, die Autobahnen zu benutzen und einige wenige Tankstellen (die teuren). Bis zur nächsten sind es oft hundert Kilometer. Ich fahre bei Nacht, Müdigkeit überfällt mich. Um bis zur Mol Rekettyés, gut 100 Kilometer östlich von Budapest, durchzuhalten, muss ich mich ohrfeigen.

In Rumänien, wo die Neuinfektionen hochschnellen und die Sterberate bis zu 30-mal höher ist als in Italien, ergibt mir die Praxis der Schutzmaßnahmen wenig Sinn: Auch auf dem Korridor eines Ärztezentrums haben Senioren ihre gut eingespeichelten Masken unter Nase oder Mund hängen, aber Grundschüler spielen vollmaskiert im Garten ihrer Schule.

Ich fahre ins Moldaukloster-Dorf Sucevița, wo die mögliche „Patientin 0“ gelebt hat, die nach ihrer Rückkehr aus Mauritius ins Kreisspital kam und dort an Corona starb. Der Witwer ist überzeugt, dass sie im Krankenhaus angesteckt wurde. Ich fahre zur Ferienanlage des Hotelierpaars, zum „Popas Bucovina“. 49 Zimmer und ein Mühlrad. Der Witwer will nicht reden. Meine Sucevițer Zimmerwirtin, seine billigste Konkurrentin, zischelt mir zu: „Sie hatte seit Jahren eine kranke Lunge, musste Insulin spritzen. Es ist nicht wahr, dass sie an Corona starb.“ – „Warum hätten sie lügen sollen?“ – „Um berühmt zu werden.“ Manche gönnen anderen nicht einmal ein Virus.

Ohne Scherben

Um mehr über den möglichen „Patienten 0“ aus Pfingstlerkreisen zu hören, komme ich ins Großdorf Bosanci. Rumänien ist ein religiöses Land, die sonst in Lateinamerika verbreiteten Pfingstkirchen haben hier Zulauf, doch gerade ihr gemeinschaftliches „Zungenreden“ löst leicht CoV-Cluster aus. Der Kreis Suceava ist mit sechs Prozent Gläubigen eine rumänische Hochburg der Pfingstler, Bosanci hat 22. Der Bürgermeister wurde soeben bei den Kommunalwahlen wiedergewählt, und ich stehe am Abend vor einer nüchternen weißen Villa mit roten Balkonblumen. Pastor Jeremia, ein ernst gediegener Herr, bittet mich auf die weiße Sitzgruppe eines sonst leeren Vorraums und hört sich mein Anliegen misstrauisch forschend an. „Wer Patient 0 war“, lacht er gequält, „das wissen wir nicht“, und Interviews gebe seine Gemeinde generell nicht, „wir sind eben konservativ.“ Ich beschließe den Abend auf der Terrasse der Kneipe von Bosanci und sehe torkelnde Männer, einer schlägt den Boden seiner Bierflasche an einer Tischplatte aus Waschbeton ab, sauber, ohne Scherben. Bosanci ist ehrlich fromm, auch im Vollsuff strecken sie Finger himmelwärts und preisen Jesus Christus.

Es ist wieder Nacht, als ich neuerlich Orbáns humanitären Korridor in Anspruch nehme. Um bis zur Likoil Jakabpusztai, 24 Kilometer östlich von Budapest, durchzuhalten, schütte ich mir Wasser auf die Stirn. Dann das: Die Tanke hat zu. Zu Hause angekommen, beschließe ich, den großen gelben Aufkleber draufzulassen. Die Aufschrift ist einfach zu schön: „ONLY FOR TRANSIT“ – ein Motto fürs Leben.

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