Fromm wie die Jünger Jesu

USA Die Republikaner veranstalten eine Casting Show mit Rick, Mitt und Michele. Doch die großen Wahlspenden aus der amerikanischen Wirtschaft bleiben bisher aus

Auch wenn es noch fünf Monate sind bis zu den ersten Vorwahlen und eine politische Ewigkeit bis zum November 2012: Bei Casting Shows zwischen Iowa und New Hampshire suchen die Republikaner ihr nächstes Top-Model. Grund zum Lachen gibt es nicht über die Hochradfahrer im Politzirkus. Sichtbar wird eine weit rechtslastige Strömung, die bereits im republikanisch kontrollierten Repräsentantenhaus Trainingseinheiten absolviert hat. Regierungsfeindliches vermischt mit Thesen von der Auserwähltheit der USA. Nicht besonders relevant, um Amerikas Talfahrt zu stoppen.

Da ist zum Beispiel Rick Perry, Gouverneur von Texas. Seit seinem Einstieg in den Wahlkampf Mitte August gilt er im Kommentariat als Frontrunner. Der Mann hat gutes Haar, sieht jünger aus als seine 61 Jahre und wirkt wie eine Mischung aus Casanova und John Wayne. In der Zeitung Austin Chronicle schaltete ein politischer Gegner eine Anzeige, Frauen sollten sich melden, die mit Perry geschlafen hätten, um dessen „Scheinheiligkeit“ beim Thema Familienwerte zu entlarven. Perry macht auf ganz volksnah und setzt auf sein Texas, wo die Kirche noch im Dorf stehe, einfach Gerechtigkeit herrsche und man auf die Vorschriften aus Washington sehr gut verzichten könne. Den Notenbankchef Ben Bernanke würde man in Texas „ziemlich übel behandeln“, sollte er „noch mehr Geld drucken“, sagt Perry. Präsident Obama sollte am besten ein Moratorium über „alle“ Regierungsvorschriften verhängen, denn die bremsten das Wirtschaftswachstum. Perry stellt selbst die Verfassungsmäßigkeit der staatlichen Rentenversicherung in Frage.

Der in Texas politisch erfolgreiche Mann hofiert die Gläubigen. Im April erst hat der Gouverneur zu drei Tagen des Gebets aufgerufen gegen die schwere Dürre. Geregnet hat es nicht. Das mit der Klimaerwärmung ist laut Perry ein Komplott der liberalen Elite. Die Daten seien „von einer beträchtlichen Zahl von Wissenschaftlern manipuliert worden“ auf der Suche nach Fördergeldern. Anfang August hat Perry eine Gebetsveranstaltung für Amerika mit 30.000 Gläubigen im Footballstadion von Houston organisierte. Eingeladen waren nur Christen, und der Tenor fiel eindeutig aus: Ein wahrer Mann Gottes müsse die USA führen.

In Houston wurde auch gebetet für die Bekehrung der Juden. Nach der Glaubenslehre endzeitlich orientierter Prediger, denen Perry offenbar nahe steht, ist dieser Schritt unerlässlich, soll Jesus Christus wiederkommen. Besonders bedankte sich Perry bei der konservativen Publizistin Alice Patterson. Sie hat in ihren Schriften von einem „unsichtbaren Netzwerk des Bösen“ gewarnt, das die Demokratische Partei kontrolliere. Bei ihren Recherchen will sie auch mehrere Dämonen gesehen haben, berichtet die Zeitung Texas Observer.

Obama will eine Milliarde

Perrys stärkste Rivalin im Kampf um rechtsreligiös motivierte Wähler ist die Kongressabgeordnete Michele Bachmann. Amerika müsse zu seinen Wurzeln zurückkehren, betont die Kandidatin, und fährt fort: „Früher haben wir uns nicht auf die Regierung verlassen, weil wir Gott vertraut haben und unseren Nachbarn.“ Bachmanns Ehemann Marcus leitet eine Beratungsstelle, die Schwule „behandelt“, um sie von der Homosexualität zu „heilen“. Bachmann versichert, Gott wolle, dass sie für das Weiße Haus kandidiere. Als Präsidentin würde sie die Umweltschutzbehörde abschaffen. Dem Kandidaten John Huntsman – Ex-Gouverneur von Utah und nach Ansicht publizistischer Türsteher nur ein Mann der zweiten Riege wie Newt Gingrich – ist das anscheinend zu viel geworden: „Ich glaube an die Evolution und an wissenschaftliche Erkenntnisse über die Klimaerwärmung. Halten Sie mich für verrückt“, verbreitete er dieser Tage via Twitter.

Im politischen Kontext von 2011 ergibt die Präsenz von Perry und Bachmann einen Sinn, obwohl der Glanz ein bisschen ab ist von den Tea-Party-Abgeordneten. Bei republikanischen Vorwahlen wählen die Hoch-Motivierten – besonders Wähler mit Wut im Bauch. Kandidaten passen die Rhetorik entsprechend an. Das tut selbst Mitt Romney, Ex-Gouverneur von Massachusetts, ein Managertyp mit einer Karriere im politischen Zentrum, der in seinem Staat eine Krankenversicherung einführte, die der Barack Obamas zum Verwechseln ähnelt. Romney hat unter den republikanischen Bewerbern bisher mit Abstand die meisten Wahlspenden kassiert. Er liegt damit noch vor Perry, der als Gouverneur von Texas der Energieindustrie und anderen Branchen das Leben erleichtert hat. Der texanische Transparency-Verband Citizens for Public Justice hat Perrys außerordentliches Fundraising-Talent dokumentiert. Von 2001 bis 2010 habe der Gouverneur 102 Millionen Dollar Spendengelder eingenommen.

Geld im Wahlkampf ist ein Barometer für das, was sich die wirtschaftliche Elite wünscht. Kandidaten müssen nicht nur bei den Wählern mehrheitsfähig sein. Der Zweikampf Obama gegen McCain hat das 2008 gezeigt. Seinerzeit hatte Obama mit rund 750 Millionen Dollar ein Budget, das im Vergleich zu dem seines republikanischer Rivale mehr als doppelt so groß war. Auch 2011 liege der Präsident klar vor den Republikanern, obwohl er gar keinen Vorwahlgegner hat. Angeblich will er es diesmal auf eine Milliarde Dollar bringen. Damit würde „das Geld“ eine deutliche Botschaft schicken. Die Casting Show der Republikaner ist da eher Nebenschauplatz.

Konrad Ege ist US-Korrespondent des Freitag

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11:10 29.08.2011

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