„Front muss sein“

Interview Regisseur Oliver Frljić lässt auf der Bühne Hühner schlachten und wurde schon mit Stalin verglichen

In Warschau leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Blasphemie und eines angeblichen Mordaufrufs ein. Auf seine Ernennung zum Intendanten des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka 2014 folgten Morddrohungen. Oliver Frljić sucht die Provokation und findet Provozierte. Jetzt inszeniert der „Theater-Terrorist“ das Kafka-Stück Ein Bericht für eine Akademie am Berliner Maxim Gorki Theater. Ein Gespräch über Macht und Ohnmacht der Bühne, den Affen Rotpeter und uns – und wie man Kafka eigentlich lesen soll.

der Freitag: Herr Frljić, wo ist für Sie zu Hause?

Oliver Frljić: Eigentlich Kroatien, obwohl ich dort nur selten bin. Ich habe vor, nach Deutschland zu ziehen. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland eine Insel in Europa ist – ein Ort, um dem Faschismus zu entkommen. Es ist paradox, denn natürlich sind Menschen in den 1930ern aus Deutschland geflohen. Heute finden sie hier Zuflucht.

Nicht wenige in Deutschland wären verwundert, dass Sie ausgerechnet hierherziehen, um Rechtsextremen zu entfliehen.

Sie sollten nach Polen, Ungarn oder Kroatien kommen und sehen, wie antifaschistische Werte relativiert werden. Ich komme aus einer Gesellschaft, die das Konzentrationslager Jasenovac hervorgebracht hat, in dem unzählige Serb*innen, Jüd*innen, Kommunist*innen und Roma systematisch ermordet wurden.

In Kroatien haben Sie nationalistische Tendenzen hinterfragt, in Polen war es die Rolle der katholischen Kirche. Was erwartet uns in Ihrem aktuellen Stück?

Ich möchte zeigen, wofür Demokratie steht, weil ich glaube, dass wir hier ein Paradox erleben. Als eine Form politischer Repräsentation kann die Demokratie politische Plattformen legitimieren, die antidemokratisch sind.

Ihr erstes Stück hier, „GOЯKI – Alternative für Deutschland?“, sollte einerseits die Schwäche des zeitgenössischen Theaters aufzeigen. Es war auch eine Agitation gegen die AfD.

Ich habe tatsächlich meine Schauspieler*innen gebeten, der AfD beizutreten und das Gorki, die Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Die AfD hatte das Theater dafür kritisiert, wie es öffentliche Gelder ausgibt. Wir haben versucht, das, wofür die AfD steht, von innen heraus zu dekonstruieren.

Hat es geklappt?

Ich durfte das nicht, weil ich weder eine Aufenthaltsgenehmigung noch die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Die Schauspieler*innen haben es zwar versucht, sie wurden aber von der Partei abgelehnt.

Welche Funktion hat Theater?

Als junger Regisseur dachte ich immer, Theater könne Gesellschaft verändern. Jetzt bin ich etwas reifer und denke, dass das Theater primär im Bereich der symbolischen Repräsentation funktioniert. Allerdings sollte das Theater Probleme beim Namen nennen. Und hier heißt das Problem AfD.

Besteht nicht Gefahr, einfach nur offene Türen einzurennen?

Meine Auffassung vom Theater ist es nicht, dem Publikum zu sagen, was es hören will oder schon weiß. Theater muss eine Front sein, kein Schutzraum. Dieser Kampf des Theaters gegen alle anderen Probleme der Gesellschaft ist von Anfang an in gewisser Weise verloren. Aber wie Heiner Müller sagte, es gibt eine Würde in der Niederlage.

Ist es nicht unbefriedigend, wenn man nicht mehr daran glaubt, dass das Theater die Gesellschaft verändern kann?

Na ja, ich glaube, sogar die progressivsten Teile dieser Gesellschaft verstehen immer noch nicht, wie gefährlich die AfD ist. Das heißt aber nicht, dass wir aufgeben sollen.

In Ihrer Fassung von Georg Büchners „Dantons Tod“ wird ein Huhn geschlachtet. Im neuen Stück spielt jetzt ein Pavian mit. Müssen wir uns Sorgen machen?

Wir würden niemals etwas tun, das diesen Pavian traumatisiert. Wir hinterfragen und dekonstruieren lediglich die anthropozentrische Natur des Theaters. Ein Affe auf der Bühne repräsentiert eine Art Anarchie.

Zur Person

Oliver Frljić, wurde 1976 in Bosnien-Herzegowina geboren. Er lebt und arbeitet als Regisseur, Autor, Schauspieler und Theoretiker in Kroatien, wo er Philosophie, Religions—wissenschaft und Regie studierte. Für seine Inszenierungen wurde Frljić mehrfach ausgezeichnet

Wie haben Sie aus „Ein Bericht“ ein Bühnenstück gemacht?

Ich habe die Hauptmotive von Kafka genommen – zum Beispiel was es heißt, zivilisiert zu sein, und wie Gewalt in Zivilisation innewohnt. Mich hat auch die Frage von theatralischer Repräsentation interessiert. Wofür steht der Affe Rotpeter? Können wir ihn nicht als eine Repräsentation vom Menschen sehen?

In Kafkas Texten scheint jeder, vom Anarchisten bis zum Zionisten, Anerkennung für seine Ideen zu finden. Besteht die Gefahr, dass sie nur instrumentalisiert werden?

Kafka hat eine Welt geschaffen, die sehr komplex ist. Immer wenn ich das Gefühl hatte, dass wir zu einer festen Bedeutung kommen, ließ ich einen weiteren Text von Kafka ins Spiel kommen, der als eine Art semantischer Säure fungiert, um jede feste Interpretation wirklich zu destabilisieren.

Sie sagen, Kafka sei für Sie vor allem durch seine „offene Bedeutung“ interessant. Ist das nicht ein Gemeinplatz?

Auch wenn die Ambiguität von Kafkas Schriften gepriesen wird, wird er oft auf eine Parabel oder eine andere einfache Botschaft reduziert. Ich habe versucht, sein Werk als Metapher zu lesen, als etwas, was sich ständig einer festen Bedeutung entzieht und semantische Verschiebungen bewirkt. Es gibt nicht die eine richtige Interpretation von Kafkas Texten. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Entfremdung und Assimilation ziehen sich als Themen durch das Werk Kafkas. Hatte Ihre Wahl, ein Stück daraus zu machen, mit Ihren eigenen Gefühlen als Bosnier zu tun, der in Kroatien lebt und arbeitet?

Mein eigener Assimilationsprozess war nicht nur Gegenstand symbolischer, sondern auch physischer Gewalt. Die Sprache, die ich vor dem Krieg gesprochen habe, hieß offiziell Serbokroatisch. Plötzlich musste ich kroatisch sprechen und sollte mich in der Schule schämen, wenn mir ein bosnisches oder serbisches Wort herausrutschte. Während des Krieges versuchte die Militärpolizei mich mehrmals zu zwingen, in Bosnien zu kämpfen, obwohl ich noch minderjährig war. Das half mir zu verstehen, wie Kultur auch als eine Form der Ausgrenzung funktioniert. Sie sagt einem, wo man nicht hingehört, was man noch lernen und akzeptieren muss, wenn man Mitglied einer bestimmten Gesellschaft sein will. Und wie in Ein Bericht gibt es etwas, das einem immer sagt: Du wirst immer ein Affe sein.

Was lernen wir also vom Affen Rotpeter über die Konformität?

Die Tragödie dieses Charakters ist die Verinnerlichung einer bestimmten Gewalt als Weg in die Zivilisation. Es gibt viel Ironie in Kafkas Schriften. Kafka spricht unter anderem über unsere westliche Zivilisation. Sehr oft vergessen wir die Geschichte Europas, insbesondere unsere Kolonialgeschichte und alle Genozide, die wir begangen haben, um bestimmte Teile der Welt „aufzuklären“. Wenn wir Kafkas Schriften auf eine bestimmte Reihe von Bedeutungen reduzieren wollen, kann dies eine davon sein. Gleichzeitig fungiert diese Akzeptanz und Verinnerlichung von Gewalt als Kritik an derselben Gewalt. Niemand glaubt, dass Rotpeter wirklich denkt, alles, was er erleben musste, um ein Durchschnittseuropäer zu werden, sollte jeder andere auch durchmachen, der nach Europa kommt.

Integration ist aber doch eine gute Sache oder?

Es muss immer jemanden geben, der definiert, wer auf welche Art und Weise integriert werden soll. Wir haben nie versucht, uns in Nordamerika zu integrieren, nachdem wir den Kontinent entdeckt hatten. Wir haben die einheimische Bevölkerung getötet, fast ausgelöscht.

Ihre kritischen Bemerkungen sind sehr umstritten. Sie wurden schon „Theater-Terrorist“ genannt. Eine kroatische Zeitung hat Sie mit Stalin verglichen. Kam schon Ähnliches aus der deutschen Presse?

Noch nicht. Aber ich habe mal den Begriff „Theater-Kamikaze“ gehört. Die Leute müssen mir immer was auf den Rücken kleben. Aber ich bin nicht bereit, Selbstmord zu begehen. Noch nicht zumindest.

06:00 21.02.2019

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