Frontfrau der Herzen

Porträt Jessica Rosenthal ist neue Juso-Vorsitzende, jetzt will die Lehrerin in den Bundestag. Macht sie Karriere mit links?
Frontfrau der Herzen
Rosenthal will den Kapitalismus überwinden, mit einem neuen Begriff von Wachstum. Dennoch wählten sie nur 78 Prozent der Delegierten

Foto: Rainer Keuenhof/Pool/Getty Images

Samstagmittag auf dem Bonner Marktplatz. Gerade läuft der CDU-Parteitag, auf dem der neue Vorsitzende gewählt wird. Jessica Rosenthal kommt mit dem Fahrrad angeradelt. Spaziergang am Rhein. Seit Kurzem ist sie die neue „Frontfrau“ der Jusos, wie sie es formuliert.

Rosenthal gilt als Linke. Ihr Vorgänger, Kevin Kühnert, hat die SPD-Nachwuchsorganisation mit der „No-Groko“-Kampagne zum Machtfaktor in der Republik gemacht. Parteiintern hat das dem Ansehen des Juso-Vorsitz-Postens nicht geschadet. Was wird Rosenthal aus dem Amt machen?

1992 wurde sie in Hameln geboren, in Niedersachsen. Vorsitzende der Bonner Jusos ab 2015. Drei Jahre später dann des gesamten nordrhein-westfälischen Landesverbandes. Karriere mit links. Studiert hat sie Deutsch, Geschichte und Bildungswissenschaften in Bonn. Hier arbeitet Rosenthal heute auch als Lehrerin an einer Gesamtschule. Vorher war sie an einer Realschule im Stadtteil Tannenbusch tätig. Ein Brennpunkt. „Ich mag den Begriff nicht“, sagt sie, „weil er stigmatisiert!“ Die Schüler hätten keinen Bock auf solche Zuschreibungen.

Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger hat Rosenthal einen Plan B, außerhalb der Politik, als Paukerin. Kühnert war im Dunst der Abgeordnetenhäuser und Parteizentralen zu Hause, jetzt ist er sogar Parteivize und Bundestagsanwärter. Letzteres hat er mit seiner Nachfolgerin gemeinsam. Am 5. Dezember wollte Rosenthal von der Bonner SPD zur Kandidatin für die Bundestagwahl gekürt werden. Weil man dort auf eine echte Zusammenkunft, mit Halle und so, nicht verzichten wollte, wurde das ganze coronabedingt verschoben. Nachholtermin ungewiss. Aus Bonner SPD-Kreisen hört man aber, dass Rosenthal gute Chancen hat, aufgestellt zu werden. Durch das Reißverschlusssystem, mit dem die Genoss*innen ihre Landesliste abwechselnd mit Frauen und Männern besetzen, habe Mitbewerber Stefan Gsänger, ein hohes Tier in der Windenergiebranche, schlechtere Karten.

Im Interview mit ze.tt sagte Rosenthal, dass das Aufstiegsversprechen „Meinem Kind wird es einmal besser gehen“ wieder gelten solle. Klingt ein bisschen nach den 1970ern. Aber vor allem war dieses Versprechen damals eng an kapitalistisches Wirtschaftswachstum gekoppelt. Etwas, wovon man bei den Jusos eigentlich nicht mehr viel wissen will. Rosenthal auch nicht, klar. Sie glaube an einen „neuen Wachstumsbegriff“, sagt sie. Jenseits des Kapitalismus. Den will sie „überwinden“.

Ihre bildungspolitischen Forderungen kommen da bei manchen Parteijüngeren weniger an. Rosenthal schlägt vor, Lehramtsstudierende in der Corona-Krise an Schulen einzusetzen. Die hätten sowieso gerade ihre Nebenjobs verloren. Ein junges SPD-Mitglied, das die Partei in Bildungsfragen berät und selbst als Lehrer arbeitet, hält das für eine „verzerrte Wahrnehmung“: An Schulen seien Studis anfangs eine Mehrbelastung. Außerdem ginge es denen gerade selber nicht so toll, Bundesbildungsministerin Karliczek (CDU) sei Dank.

Machtpolitisch ist eine andere Frage spannender: Wie geht man als linke Juso-Vorsitzende mit Olaf Scholz um? Hängt man da Plakate auf, richtig Straßenwahlkampf, so als hätte man die gleichen Vorstellungen wie er? „Das Bild ist mir ehrlich gesagt ein bisschen zu platt“, antwortet Rosenthal. Klar werde sie für Scholz werben. Er sei der Kanzlerkandidat der SPD. Außerdem habe Corona ihn verändert: Konjunkturpaket, Abkehr von der Schwarzen Null. Das sei doch was.

Dabei ist Rosenthal viel linker, viel konkreter als Scholz. Während des einstündigen Spaziergangs kommt sie mit dutzenden Forderungen um die Ecke: Ausbildungs- und Jobgarantie (aber kein Arbeitszwang!), weniger Befristungen, dafür Wirtschaftsdemokratie und Profitbeteiligung. Und natürlich kostenlose FFP2-Masken! Söder ist doof.

Manchem Hauptstadt-Juso reicht das nicht: Sie bete brav die Beschlusslage runter, heißt es da, einen upgedateten Sozialismusbegriff habe sie nicht. Am 8. Januar, fünf Monate nach Bekanntgabe ihrer Kandidatur und einer coronabedingten Briefwahl, wurde Rosenthal endlich zur Bundesvorsitzenden gekürt. Antrittsrede ohne Parteitagspublikum. Nicht einfach. Mahnend zeigte die 28-Jährige in Richtung Kapitol und „rechten Mob“, der dort eingedrungen sei. Sie verurteilte den demokratischen „Tabubruch“ in Thüringen. Dann dankte sie Kevin Kühnert für dessen „differenzierte Sachlichkeit“ und „Leidenschaft“.

Ihr Wahlergebnis war mager: 78 Prozent. Zumal Rosenthal die einzige Kandidatin war. Jetzt könnte man sagen, dass in der SPD gute Parteitagsergebnisse eher Menetekel als Rückenwind sind. Aber im Vorfeld hatte Rosenthal sogar von der Vorsitzenden der baden-württembergischen Jusos, Lara Herter, Unterstützung zugesagt bekommen. Der dortige Landesverband gilt in der SPD-Jugend als eher konservativ, BaWü halt. Dass sich Herter für die linke Rosenthal aussprach, galt als sicheres Indiz dafür, dass es Delegiertenstimmen nur so hageln würde beim digitalen Bundeskongress. Der vorwärts prophezeite noch im Dezember ein „Rekordergebnis“. Obendrein hatte Rosenthal den Support des Hamburger Landesverbandes, auch der kein Hort revolutionärer Sozialist*innen. Enttäuschung ob ihres Ergebnisses mag sie trotzdem nicht äußern, „großer Vertrauensbeweis“ und so. Stimmt schon. Mancher ihrer Vorgänger hätte sich über 78 Prozent gefreut.

Bei der CDU macht Armin Laschet am Ende das Rennen. „Im Angebot waren drei katholische Männer aus Nordrhein-Westfalen“, das mit der Vielfalt bei den Konservativen sei ein Witz, meint Rosenthal. Bei Twitter gratuliert die Juso-Chefin dem neuen CDU-Vorsitzenden aber trotzdem.

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06:00 26.01.2021

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