Frostern

Ostern Thilo Bock über Brot, Wein und Zigarettenautomaten

Die Wandlung von Brot und Wein lässt sich trefflich an Zigarettenautomaten demonstrieren. Eine kleine Transsubstantiationslehre in formvollendeter Vergangenheit

Draußen war es schon erschreckend hell. Ein weiterer schöner Frühlingsmorgen zwitscherte sich langsam heran und verleitete mich zu einem Stöhnen: "Ich hasse diese Tage, die ich bewusst kaum erleben werde."

"Viel schlimmer finde ich, dass wir hier in Schöneberg sind."

Er hatte Recht, mittlerweile hatten wir die Potsdamer Straße überquert. "Wie haben wir das denn geschafft?"

"Man säuft und läuft und säuft ... Zeit für die Schierlingsdose!"

"Was bitte?"

"Ein Absackbier, den Rausch zu festigen."

An einer Imbissbude kauften wir zwei Bier und setzten uns auf den Winterfeldtplatz.

"Schon nicht schlecht, intellektuell zu sein", sagte ich.

"Wie kommst du denn darauf?"

"Na, wir können die ganze Nacht lang saufen und quatschen."

"Siehste! Und genau das ist unser Problem. Wir sind die Degoutanten der Nation, hocken in unserem Elfenbeintürmchen", er sah auf seine Büchse und beulte sie wenig ein, "manchmal ist es auch aus Blech, und alles was wir können, ist reden!"

"Immerhin."

"Da machen wir´s uns aber zu einfach, findest du nicht? Zugucken und verurteilen kann schließlich jeder alles, was uns aber fehlt, ist Courage! Was bringt es zu wissen, dass der Mensch grundsätzlich schlecht ist, wenn man es nicht wagt, dem Menschen zwischendurch mal eins auf die Nase zu geben?!"

"Als ob du jemals jemanden eins auf die Nase geben würdest!"

"Warts nur ab, die Zeit wird kommen."

"Na dann Prost!"

"Ja", Klaus-Günther hob seine Dose, "worauf trinken wir?"

"Lass uns auf Jesus trinken. Der ist doch gerade mal wieder für uns gestorben!"

"Von mir aus! Frostern, mein Freund, Frostern!"

Wir tranken.

Klaus-Günther rülpste lautlos. "Ich hab gehört, dass Jesus sich nach ´n paar Tagen noch mal aufgerappelt hat."

"Essen tun wir ihn aber trotzdem."

"Kommt auf die Konfession an." Klaus-Günther zerknüllte seine Dose.

"Wieso?"

"Es gibt nun mal unterschiedliche Abendmahl-Auffassungen."

"Du bist der Theologe!"

Er lachte. "Vom Studentenausweis her vielleicht. Aber es stimmt schon, drei Semester reichen bis in ein Leben nach dem Tod hinein." Klaus-Günther stand auf. "In meinem aktuellen Leben brauche ich allerdings einen Zigarettenautomaten."

"Warum denn das?"

"Zur besseren Veranschaulichung!"

Also zogen wir los. Wir hatten schnell einen ausfindig gemacht, aber der gehörte weniger an eine Schöneberger Hauswand als in die Ewigen Jagdgründe, Abteilung Maschinenpark. Seine Glasscheibe war nämlich extrem eingedetscht. Also suchten wir weiter. Der nächste war nicht weit, bloß ebenfalls demoliert.

"Was sind das nur für Menschen, die nicht mal vier Mark übrig haben für ihre Sucht?", ärgerte sich Klaus-Günther. Formvollendete Vergangenheit! Damals kostete eine Packung Kippen noch vier Mark.

Ich versuchte, Klaus-Günther davon zu überzeugen, dass ich es sicherlich auch ohne Anschauungsautomaten verstehen würde, aber er ließ sich nicht von seinem Plan abbringen. Und als wir endlich einen gefunden hatten, strahlte Klaus-Günther. Er tätschelte den Kasten, dann zückte er sein Portemonnaie. "Gut, dass ich genug Pimperlinge in der Tasche habe!" Er hielt zwei Zweimarkstücke ins Morgenlicht. "Also, stell dir vor, das hier ist das Brot und das der Wein." Er steckte beide in den Schlitz. "Und jetzt nehmen wir einmal an, wir seien katholisch. Für uns verwandeln sich die Symbole wirklich in Gott, also in Zigaretten."

Er zog an einem Schubfach. "Voilà, ein Gott zum Anfassen!" Er hielt eine Schachtel Gauloises in der Hand.

"Zwingli dagegen", Klaus-Günther verstaute die Schachtel in einer Jackentasche und kramte nach weiteren Münzen. Ich war schneller und gab ihm das Geld.

"Danke! Zwingli zufolge bedeuten Brot und Wein, also diese vier Markstücke, Blut und Leib Christi." Er fütterte die Maschine. "Demnach würde es bei den Penunzen bleiben." Es klimperte nur. Unsere Symbole waren durchgefallen. Wir starrten auf die Wechselgeldklappe.

"Horrido!", Klaus-Günther fischte das Geld heraus, "der Kasten denkt tatsächlich mit."

"Na, dann zeig mir mal, wie das bei den Calvinisten ist."

"Das wird kompliziert", stöhnte er auf, "denn in diesem Fall muss man schon fest dran glauben, wenn unten was rauskommen soll." Er steckte das Geld wieder rein. Immerhin fiel es jetzt nicht durch. Er sah mich groß an. "Wir glauben also an die Zigaretten?"

Ich nickte. Klaus-Günther zog an einem Schubfach. Nichts rührte sich. Er versuchte ein anderes. Auch das klemmte. Und noch eins. Ich half ihm beim Rütteln, doch es hatte keinen Sinn. Klaus-Günther hämmerte ärgerlich gegen die Scheibe. "Kein Wunder, dass die Geräte hier in der Gegend alle zerstört werden!"

"Lass gut sein!", versuchte ich ihn zu beschwichtigen. "Wir haben vielleicht nicht fest genug daran geglaubt. Und rauchen tun wir ohnehin nicht! Pfeif aufs Geld!"

"Mir geht´s aber ums Prinzip!", fauchte er. "Dieses Ding hier hat uns offenkundig belauscht." Er sah sich um. Hinter uns stand eins dieser tragbaren Parkverbotsschilder, das er nun heranschleifte. Ich wollte ihn beruhigen, doch er war wirklich ungehalten. Und wenn Klaus-Günther mit zu viel Alkohol im Blut ungehalten ist, lässt er sich von nichts abhalten. Mit bösem Gesicht schmetterte er das Schild ohne Unterlass gegen den Automaten. Das wirkte. Bald schon purzelten lauter Schachteln aufs Pflaster. Klaus-Günther stellte seine Waffe ab und bückte sich. "Siehste! Wer Gott wirklich will, kriegt ihn auch." Triumphierend streckte er zwei Schachteln in die Höhe.

Plötzlich wurde es laut hinter uns. "Jetzt ham wa euch!", brüllte es. Wir schraken zusammen, standen da doch tatsächlich zwei Polizeier, die auf uns los stürmten.

"Du nach rechts!", rief Klaus-Günther und spurtete um die linke Ecke.

Also rannte ich um mein Leben. Wenn mein Leben allerdings an meinem Lauftempo gemessen werden würde, wäre es wohl schon längst um. Jedenfalls wurde ich bald eingeholt und zu Boden geworfen. Von zwei Seiten prügelte und trat man auf mich ein. Gerechtigkeit ist schon eine harte Angelegenheit. Weil unsere grüngewandeten Freunde und Helfer glücklicherweise humanistisch geschult sind, versuchten sie, neben der Demonstration von Staatsgewalt auch mit mir zu konversieren. "Du scheiß Kanake, wir werd´n dir zeijen, hier alle Zijarettenautomaten leer zu klaun, wa!", keuchte der eine.

"Hey", ächzte ich, "ich rauche nicht mal."

"Stopp mal Ludger", sagte darauf der eine und stellte das Treten ein, "hör ma´ uff, ick gloob, dit is´n Deutscher!"

Ludger hörte auf und beugte sich zu mir herab. "Hamse etwa janich die Automaten zerkloppt?"

"Nein", stöhnte ich, "natürlich nicht."

"Warum sagnse dit nich gleich!" Er schüttelte den Kopf. "Dann mal nüscht für unjut!"

Beide rückten ihre Mützen zurecht, tippten an den Schirm und wünschten mir einen schönen Tag. "Jungejunge, warum sachtn der nich´, datta det janich war!", hörte ich den einen noch beim Fortgehen sagen.


Ich befand mich, wie ich nun feststellte, auf dem Breitscheidplatz. Das Schicksal ist manchmal echt hart. Wieso war ich ausgerechnet in der mittigsten Mitte Westberlins gestrandet? Hier, umringt von zentraler Hässlichkeit mit dem Ansichtskartenmahnmal Gedächtniskirche, von der kaum jemand weiß, dass sie an Kaiser Wilhelm erinnern soll und nicht an die alliierten Luftkrieger, die den Bau auf ein erträgliches Aussehen zusammengebombt haben. Hier, wo der Kudamm beginnt, hört der gute Geschmack auf und fängt die Ästhetik meiner verkrüppelten Heimat an. Hier, wo sich Wahrzeichen, Touristensammelstelle, größtes öffentliches Klo der Stadt und Pennerparadies lässig vereinen, kam in mir, als ich mich an jenem windelweichen Morgen auf dem menschleeren Platz umsah, immerhin das Gefühl auf, von der Welt verstanden zu werden. Wann hat man schon mal das Glück, dass seine Umgebung genau so aussieht, wie man sich fühlt? Ich kroch zu einer Bank, lehnte mich zurück und grinste vor mich hin. Ich mag das eine ganze Weile getan haben, als eine Frau mit grellblonden Locken taschenschlenkernd den Platz überquerte. Nähergekommen, blieb sie stehen und musterte mich. Angesichts meiner blutbesudelten und zermanschten Erscheinung verwandelte sich ihr Gesicht in das einer Mutter, deren Kind im Abwasserkanal geplanscht hat. "Was ist denn mit dir passiert?"

Ich vergaß zu antworten. Vor mir stand die, na ja, damals jedenfalls, lag vielleicht auch am Alkohol, da neigt die Wahrnehmung bekanntlich zu Übertreibungen, da stand doch vor mir die - was soll ich sagen? - die schönste Frau der Welt. Sie sah so was von phantastisch aus. Das heißt, sie sah natürlich hochgradig achtzigerjahremäßig aus, was kein Wunder war, damals befanden wir noch voll in den Achtzigern, wenn auch nur noch für ein knappes halbes Jahr.

Sie setzte sich neben mich, blickte mir ins Gesicht und berührte meinen Arm. "Geht´s dir nicht gut?"

Die Frage verstand ich nicht so richtig. "Doch, doch bestens!"

Das muss sie verunsichert haben. "Ach, kommst du von ´ner Splatterparty?"

"Nee, wurde von Bullen zusammengeschlagen!"

Sie atmete auf. "Geil!" Dann zog sie ein Taschentuch hervor und tupfte mir damit im Gesicht rum. "Tut das weh?"

"Ach, Quatsch! Lass doch!" Ich wollte ja nicht als der Jammerlappen erscheinen, der ich war.

Mit verschwörerischer Miene sagte sie: "Verstehe, du bist auf der Flucht!"

"Nein nein!"

Sie sah mich ernst an, mit einem leuchtenden Himmelblau, und ich spürte wieder dieses Zucken meines linken Auges, woraufhin mein Gegenüber anfing zu lächeln. "Mir kannste echt vertrauen!" Wäre ich Superman gewesen, hätte ich ihr bestimmt meinen letzten Rest Kryptonit überantwortet. Ich aber wollte nur in mein Bett. Und das sagte ich auch.

"Ich wette, mein Bett ist näher", grinste sie, "außerdem finden sie dich da nie!"

Ich war also von der Staatsgewalt in die Arme dieser Frau getrieben worden und ergab mich schließlich dieser Fügung. Sie ließ mich nicht aus den Augen und starrte den gesamten Weg lang an, weshalb ich mich genötigt sah, sie zu küssen. Diesem Gestiere hielt ich auf die Dauer nicht stand.

Klaus-Günther dagegen hatte das Glück gehabt, dass beide Polizeier mir gefolgt waren. Allerdings ist er dann zwei Männern begegnet, die ihn um Rauchgut angehauen haben. In seiner großzügigen Art übergab er ihnen mit den Worten "Ich rauche sowieso nicht!" die beiden Schachteln, die er noch immer bei sich trug. Das machte die Kerle skeptisch. Wie er das meine, fragte einer, aber eine Antwort warteten sie dann gar nicht ab, denn die Erklärung hatte der andere parat: "Hey Atze, das ist bestimmt der Arsch, der hier alle Zippenzieher zertrümmert." Und so machten sie sich daran, die arme Zigarettenschleuder zu rächen. Klaus-Günther hat´s überlebt. Gerettet wurde er von der Bande Automatenknacker. Die dulden nämlich keine Fremdgewalt in ihrem Revier.

So viel zur Zivilcourage.


Freiwillig hält sich Klaus-Günther seitdem übrigens nicht mehr in der Nähe von Zigarettenautomaten auf. Dabei ist er mir immer noch die Veranschaulichung der Lutheranischen Vorstellung schuldig. Die glauben schließlich nicht an eine Hostienwandlung. Wir hätten also nicht nur die Kippen bekommen, sondern auch das Geld zurück.


00:00 09.04.2004

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