Früchtetee der Literaturkritik

Fernsehabend Ein Brocken: Nach dem Literarischen Quartett und Elke Heidenreich versucht sich eine neue ZDF-Büchersendung: "Die Vorleser". Ausführliches Live-Protokoll mit Fazit

Am 10. Juli läuft im ZDF zum ersten Mal eine neue Literatursendung, moderiert von der Talkmasterin Amelie Fried und dem Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold. Um 22.25 Uhr hat sich vor dem Fernseher in der Redaktion das Kulturressort versammelt, um gemeinsam die Sendung zu schauen. Es geht los.

Der Vorbericht auf "Die Vorleser" im heute-journal läuft.

Matthias Dell (MD): Diese Form von Vorberichterstattung hätte es früher nicht gegeben.

Michael Angele (MA): Das hat's doch immer schon gegeben.

Ingo Arend (IA): Stimmt, es gab vor dem "Literarischen Quartett" immer einen Trailer.

MD: Einen Trailer, ja. Aber die hätten 1988 im "heute-journal" nie über das "Literarische Quartett" berichtet.

IA: Aber es ist immer angeteasert worden.

MA: Das finde ich nicht so schlimm.

MD: Das ist der Sündenfall der ARD gewesen. Als die wieder die "Sportschau"-Rechte hatten, haben sie eine Meldung in der "Tagesschau" draus gemacht.

Das Wetter.

MD: Gunther Thiersch, ein Held meiner Kindheit!

MA: Der ist doch noch jung.

Teaser für die neue Dekoration der" heute"-Sendung. Steffen Seibert tritt auf.

MD: Den finde ich ganz schlimm.

MA: Seifert?

MD: Seibert.

MA: Steffen.

IA: Nicht Carsten Kleber oder wie der heißt?

MA: Wieso findest du den schlimmer als andere?

MD: Weil der Nachrichten immer so darstellt. Wenn's unangenehm für den Verbraucher wird, wackelt er mit seinem Pürzel.

MA: Aha. Und Kleber nicht?

MD: Von mir aus auch Kleber! Aber Seibert wackelt am dollsten.

Der Vorspann zu "Die Vorleser" läuft.

IA: Ist das eine Anspielung auf die Postmoderne, diese frei schwebenden Bücher?

Applaus vom Studiopublikum.

IA: Warum klatschen die? Da hat doch keiner ein Wort gesagt?

Amelie Fried: Wir befinden uns hier im ehemaligen Hauptzollamt des Hamburger Hafens.

MA: Könnte auch ein Fernsehstudio sein. Das ist doch völlig egal.

Ijoma Mangold: Als im Vorfeld der Titel dieser Sendung bekannt wurde, haben mich ganz viele Leute gefragt: Ah, "Der Vorleser", das ist doch ein Roman von Bernhard Schlink. Da musst ich sagen, nein, das wäre zuviel der Ehre für diesen in der Tat großen Erfolgsroman, unsere Sendung ist nicht diesem einem Roman gewidmet, im Gegenteil, wir sind die Vorleser, das ist schon mal Plural, wir haben einen ganz anderen, wie soll ich sagen, Assoziationsechoraum.

MA: Natürlich! Ich habe überhaupt nicht an den "Vorleser" gedacht. Das ist schon mal dumm, wenn man sich so erklären muss.

MD: Spricht nicht für den Titel der Sendung.

MA: Ist auch nicht besonders glaubwürdig, dass man nicht den "Vorleser" assoziiert haben soll.

IA: Dem ZDF könnte man so was zutrauen.

Das erste Buch. "Weiße Geister" von Alice Greenway, das Buch wird eingeblendet im Vordergrund.

MD: Das ist bei Volker Panzers "Nachtstudio" abgeschaut, dass man die Bücher so in den Vordergrund hält.

MA: Da gibt es doch den Kamin.

Fried erzählt den Inhalt des Buches.

MA: Gähn, viel zu lang vorgestellt.

IA: Du willst linken Boulevard.

MA: Das gefällt euch natürlich, die akribische Textarbeit.

Fried: Ich finde, dass diese Autorin ganz toll geschrieben hat.

MD: Das ist Elke Heidenreich, "ganz toll".

Fried und Mangold reden miteinander.

MD: Das ist auch schwierig, finde ich.

MA: Diese Form von Dialog?

MD: Ja. Er weiß ja schon, was sie sagt, und muss trotzdem zuhören.

Der Dialog geht weiter.

MD: Das ist absurd

MA: Scheiße.

IA: Wie gespannt er zuhört.

Fried: Es hat mich reingezogen und mich festgehalten wie eine Schlingpflanze, könnte man sagen.

MD: Sie ist schlecht geschminkt, die Augen.

Fried: Kommen wir jetzt zu Ihrem Lieblingsbuch des Frühjahrs.

MA: Das erste Buch schon vorbei?

IA: Lieblingsbuch des Frühjahrs?

Mangold: Diesen Autor zu lesen und sich nicht in ihn zu verlieben, ist fast unnmöglich, er ist ein berühmter schwedischer Autor, Per Plov Enquist.

MA: Den haben wir doch im Blatt gehabt.

IA: Diese Woche.

MA: Jeder sagt, dass das ein gutes Buch sei. Das Buch wird durch die Bank gelobt.

IA: Hymnisch fast.

Mangold: Das ist ein dickes Buch mit seinen 500 Seiten, ein reiches Buch.

IA: Ein dickes Buch? Ein reiches Buch?

MD: Das ist bezeichnend, dass man Bücher entschuldigen muss, die 500 Seiten haben.

MA: Das ist einfach undankbar.

MD: Die Rolle von Mangold ist undankbar.

Die Sendung schreitet voran.

MA: Das Format hat keine Chance in der Form.

MD: Das ist normal, das ist am Anfang ...

IA: ... das ist eine Frage der Konstellation...

MD: ...ja, aber es liegt auch an der Konzeption. Da sitzen Leute, die sich etwas ausdenken, ohne zu wissen, wie und ob es funktioniert. Das ist normal.

MA: Nee, das ist keine Spannung drin. Da fehlt was Agonales.

MD: Dass du das jetzt nach fünf Minuten sagst!

MA: Ja.

MD: So ein Format, das muss sich erst finden, das war bei Harald Schmidt genauso, bei den Simpsons auch.

MA: Das ist ja gut, wenn du das anders siehst.

Die Sendung läuft, Regale kommen in den Blick, in den bunte Bücher, ohne jeder Beschriftung stehen.

IA: Da nur so Bücherattrappen ins Regal zu stellen, ist peinlich. Das sieht doch aus wie bei Ikea.

MA: Na gut, es sind so erkennbar Attrappen...

MD: ...da geht es um Abstraktion.

Fried (moderiert einen Einspielfilm an): Unser Mitarbeiter Claudio Armbruster hat sich die Frage gestellt: Familie in der Literatur? Schön gut, aber was ist eigentlich mit der Literatur in der Familie?

Der Film startet, eine Stimme aus dem Off ist zu hören.

MA: Das ist der Claudio oder wie?

MD: Klingt wie "Sendung mit der Maus".

MA: Das kommt in diesen Satire-Sendungen immer öfter vor, die kopieren alle die "Sendung mit der Maus".

Stimme aus dem Off (zu einer Familie, die vor einer Landschaft Platz nimmt): Beispiel für eine deutsche Familie, Vater, Mutter, Kind, lesend all beisammen sind. Gibt es dieses Idyll oder ist das nur die Welt als Wille und Vorstellung?

MD: Oh, Schopenhauer.

MA: Guck, das ist nicht schlecht.

MD: Wo ist denn das eigentlich? In der Rhön?

IA: Zu flach.

Stimme: Und so sehen wir betroffen, die Bücher zu und viele Fragen offen.

MD: Eine Reverenz ans "Literarische Quartett".

IA: Intertextuell.

Fried: Um so besser, dass wir Ihnen jetzt zwei Bücher vorstellen können, die wirklich klasse Lesestoff sind.

MA: Das Wort klasse finde ich – schwierig.

IA: Das ist ungefähr so attraktiv wie dufte.

MA: Dufte ist besser als klasse.

Mangold redet über das Buch "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn.

IA: In Klagenfurt beim Bachmann-Wettbewerb ist er eindeutig besser. Das ist vielmehr ein Ritual, und da ist er trotzdem intellektueller.

Fried: Man fühlt sich ertappt.

MD: Ist das ein Kriterium für Literaturkritik, dass man sagen kann, man fühlt sich ertappt?

MA: Für den Leser schon.

IA: Hast Du nicht die "Freitag"-Rezension zu Anna Katharina Hahn gelesen?

MA: Die haben sich stark orientiert am Freitag in der Auswahl der Literatur.

IA: Absolut.

Das nächste Buch: "Heartland" von Joey Goebel.

MA: Herrgottsack, das waren noch nicht mal fünf Minuten für das letzte Buch!

Mangol (widerspricht stärker als zuvor): Ich habe natürlich auch begriffen, dass es sich dabei um einen politischen Gesellschaftsroman handeln soll.

MA: Ah, jetzt.

MD: Ist das nicht eine Tautologie, politischer Gesellschaftsroman?

MA: Ja, das ist eine Tautologie.

Wieder wird das Publikum eingeblendet.

IA: Es ist kein repräsentatives Bildungsbürgertum zugegen.

MD: Doch da sitzt einer, der mit dem Bart.

MA: Das ist doch Lehrer von der Schulklasse, ein Studienrat.

IA: Ich meine irgendwelche Prominenten. Die haben früher immer Lektoren eingeladen, da saß Michael Krüger...

MD: ... der diese immer gleich typografierten Hanser-Bücher macht?

MA: Die sind nicht so schlecht.

Fried (im Disput über "Heartland" zu Mangold): Du bist als junger Wilder angetreten, jetzt muss ich als alte Schachtel ein Bresche für die junge Literatur schlagen?

Mangold: Das Buch ist nicht wild ... ich misstraue Büchern, deren Plot dadurch zustande kommt, dass plötzlich ein unerwarteter Geldsegen auf die Hauptfigur niedergeht.

IA: Hier werden Betriebsgeheimnisse der Literaturkritik ausgeplaudert.

MD: Jedes Paul-Auster-Buch handelt von einem unerwartetem Geldsegen.

IA: Gustav Gans.

Mangold: Hier hat er sich jetzt vorgenommen, das große amerikanische Gesellschaftspanorama zu schreiben, das ist ihm eindeutig misslungen.

Fried: Aber als Familienepos funktioniert es.

MA: Familienepos?

IA: Man erfährt aber nicht, warum es misslungen ist.

MA: Nee, so ganz nicht. Weil irgendwie Rednecks auftauchen.

MD: Wegen der Klischees.

MA: Ja, das sagte er.

Der Schauspieler Walter Sittler, der gleich zu Gast ist, wird vorgestellt in einem Einspielfilm, er ist unter anderem auf einer Rolltreppe zu sehen.

MD: Die Rolltreppe ist doch von Denis Scheck aus seiner ARD-Literatursendung.

MA: Das sind Reminiszenzen.

MD: Auch ans alte "Literarische Quartett", die haben ja zeitweise vor der Rolltreppe in Salzburg gesessen.

Stimme aus dem Sittler-Einspielfilm: In "Wüstenrose" spielt er...

MA: Ah, so, der ist ja Schauspieler.

MD: Bestimmt im ZDF.

Man sieht Sittler, wie er in einer Blibiothek einen Pocket-Büchlein von Paul Auster liest.

MA: Paul Auster.

MD: Ich hab's doch gesagt.

IA: Ist das bei ihm zu Hause?

Kamera wieder im Studio, Sittler nimmt neben Mangold Platz.

MD: War das gerade in Gerhard Delling in der ersten Reihe?

MA: Nein.

MD: Stimmt, der ist NDR, das ist ZDF, ich hatte gedacht wegen Hamburg.

MA: Du hast den Wahn, dass die da alles aufbieten, was beim ZDF Rang und Namen hat.

Mangold fläzt auf dem Sofa.

MD: Das sieht unvorteilhaft aus, das muss man sagen.

MA: Er?

MD: Ja, sehr entspannt.

MA: Der hat einen kleinen Bauch!

MD: Kann ich das schreiben?

MA: Ja, das kannst du schreiben, das muss er aushalten, schau dir das mal an.

MD: War er nicht auch mal Weinkritiker bei der SZ?

Sittler (erzählt, wie er Lesungen mit einem Erich-Kästner-Buch macht, das er mitgebracht hat): Wenn ich vorlese, ist zwischen mir und euch das Buch.

MA: Er duzt das Publikum.

Das Buch wird eingeblendet: "Als ich ein kleiner Junge war".

MA: Kenn' ich gar nicht.

MD: Man kann etwas lernen in dieser Sendung.

MA: Absolut.

IA: Das haben sie beim "Literarischen Quartett" auch gemacht, dass sie am Ende immer einen Klassiker vorgestellt haben. Hier ist das etwas bodenständiger, nicht "Anna Karenina", sondern Kästner.

MA: Ein überraschendes Buch.

MD: Kästner war nach dem Krieg Chefredakteur von Hildegard Hamm-Brücher.

IA: So hängt das alles zusammen.

MA: Könnte man das nicht noch in die Sendung einbauen?

IA: Theodor Heuss hat in der Weimarer Republik Literaturkritiken verfasst.

Mangold steht auf und geht durch das Publikum.

Fried: Und jetzt, drei Bücher in drei Minuten.

MD: Das ist wie Denis Scheck.

IA: "Druckfrisch".

Mangold (stellt "Paradiso" von Thomas Klupp vor): Das ist ein Debütroman, ich bin sehr stolz darauf, das hier vorgetragen zu können.

IA: Warum ist er stolz?

Mangold: Das ist ein Roman, den ich cool nennen würde.

MD: Jetzt muss er seinem Image als jungem Wilden entsprechen, deswegen sagt er cool.

Mangold wird von einer Kamera gezeigt, während er in eine andere schaut.

MD: Das ist eine schlechte Einstellung.

IA: Eine Katastrophe. Fehlt nur noch, dass sie seine Schuhspitzen zeigen. (zu MA) Du hast das Buch doch gelesen?

MA: Ja, ich find's auch nicht schlecht.

MD: Ist es cool?

MA: Es ist halt so eine Adoleszenzgeschichte, aber die ist nicht schlecht erzählt.

Mangold: Ein Psychogramm eines jungen Narzissten, in den man sich sofort verliebt und in gleichem Maße kann man ihn abstoßend finden.

MA: Das stimmt, das hat er gut auf den Punkt gebracht.

Wieder die Kamera, die Mangold zeigt, wie er in eine andere spricht.

MA: Die Einstellung ist bescheuert.

MD: Vielleicht eine Art Dekonstruktion. Man zeigt zugleich den Blick ins Gehäuse, wie es gemacht ist, es geht um Produktionsbedingungen. Waren das jetzt wirklich drei Minuten?

MA: Ja, könnte hinkommen.

Fried (beim Schlusswort): Vielleicht haben sie auch Grund gehabt, sich zu ärgern, das ist auch in Ordnung, soll ja auch anregend wirken.

IA: Anregend. Das ist das Wort, es soll anregend wirken.

"Die Vorleser" ist vorbei, "Lanz kocht" beginnt.
Fazit.

IA: Das ist echt nichts, was man gucken muss, langweilig.

MA (schaut noch auf den Fernseher): Der Lanz kocht.

MD: Wäre vielleicht auch interessant, das jetzt noch zu gucken. Aber wo fangen wir an? Ich weiß ja nicht, ob Ihr es wisst, aber ich habe mich vorbereitet, ich habe noch mal das "Literarische Quartett" geguckt.

MA: Dann kannst du jetzt einen Vergleich ziehen. Oder ist das unmöglich?

MD: Das "Literarische Quartett" bestand ja daraus, dass da vier Leute saßen und jeder ein Buch hatte, das er durchbringen wollte. Das ist ein Boxkampf gewesen.

MA: Das guckt man auch lieber im Fernsehen.

MD: In Klagenfurt ist das ja auch so, dass der Einzelne gegen die Anderen steht. Hier aber hat man das Gefühl, die sind sich von vornherein einig und sprechen einen abgesprochenen Text. Eigentlich ist das Theater.

MA: Das Agonale fehlt.

MD: Was ist das Agonale?

IA: Das Kämpferische.

MA: Das fehlt. Zwischendurch war's ja mal da, bei Joey Goebel.

IA: Und die Kontroversen beschränken sich auf Geschmacksfragen.

MA: Das fände ich noch nicht mal so schlimm, letzten Endes sind literarische Urteile auch Geschmacksurteile. Aber du kannst nicht in fünf Minuten pro Buch eine Kampfsituation entstehen lassen. Einmal schien sie auf bei diesem Diogenes-Buch von Goebel.

IA: Das haben sie relativ schnell abgewürgt.

MA: Eben. Aber das ist ja im Zeitplan vorgegeben.

MD: Die Sendung ist ein Opfer ihres Tempos. Man hat das gleiche Gefühl wie bei Angela Merkel, wenn sie redet, dass die nur da durch kommen wollen, ohne sich zu verhaspeln.

MA: Na, gut, es war die erste Sendung. Und ich muss sagen, sie kann recht gut zusammenfassen.

IA: Die Amelie Fried?

MA: Ja. Ob das schon ausreicht, weiß man nicht, aber immerhin.

IA: Sie ist die Zusammenfasserin.

MA: Vielleicht sollte man eine klare Arbeitsteilung einführen.

MD: Die ist ja da. Sie ist die erfahrene Fernsehfrau, er ist der Neuling, der ins System eingespeist wird. Er gilt dann gleich, was ich so absurd finde, als junger Wilder. Das ist so ein Beckmann-Stereotyp in der Bundesliga, dass jeder, der jung ist, automatisch wild ist.

MA: Wurde er so vorgestellt?

MD: Sie hat gesagt, du bist der junge Wilde.

IA: Das finde ich jetzt eine Projektion von dir.

MA: Ja, das war ironisch gemeint.

MD: Aber man sagt immer junger Wilder, nur weil jemand jung ist, und fragt sich gar nicht, ob der überhaupt wild ist, der Junge.

IA: Der ist überhaupt nicht wild.

MD: Das ist ja auch egal, mir geht ist nur um diese Verknappung, das Junge immer wild sein müssen. Das Komische hier ist: Er ist der Literaturkritiker und sie ist das Fernsehgesicht, er muss dann die Expertisen abliefern, die auch genauso klingen wie aufgeschriebene Expertisen.

MA: Er muss zwei Sachen machen, er muss die Expertisen abliefern und er muss das Feuer reintragen. Du merkst, er hat tatsächlich eine Energie, er hat auch eine Körperlichkeit, die ich nicht schlecht finde, aber die Handbremse ist angezogen.

IA: Das gilt für die ganze Sendung. Man hat nie das Gefühl, dass die mit voller Verve einsteigen und die ästhetischen Kriterien ausreizen. Bei Joey Goebel waren sie an dem Punkt, wo man ins Gespräch hätte kommen müssen, um bestimmte Sachen tiefer zu diskutieren. Nicht unbedingt diffiziler, sie hätten nur richtig darüber streiten sollen.

MD: Es geht um den Dissens, der beim "Literarische Quartett" immer gegeben war, oder eben den Konsens bei Heidenreich, weil sie alleine war und alles toll findet.

MA: Es ist etwas dazwischen, und das ist dann eben: anregend. Anregend ist der Mittelwert, und das ist das Lauwarme, was Ingo auch sagt, was im Grunde genommen die Temperatur der Sendung ist. Das ist nicht gut, dieses Lauwarme.

IA: Beim "Literarischen Quartett" hat man von ernsthafter literaturkritischer Seite immer gesagt, das ist eben ein Boxkampf und deswegen ist das "Literarische Quartett" scheiße. So ein Kampf, wo's noch um dem Matchpoint ging, kommt einem demgegenüber vor wie der Olymp der Literaturkritik, wobei ich sagen muss, je mehr Stimmen beteiligt sind, desto besser finde ich es.

MD: Das ist ein Problem von zwei Leuten, die sich zu gewogen sind.

IA: Als, auch von Reich-Ranicki ins Leben gerufen, 1972 der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt die erste öffentliche Literatursendung war, da saßen elf Leute auf dem Podium, die rauchten, da hingen noch die Leinen von den Mikros über die Tische. Seitdem gibt's eine ständige Degression, immer weniger Leute, in den öffentlichen literaturkritischen Sendungen. Die Schrumpfform war dann Heidenreich.

MA: Aber jetzt geht 's wieder aufwärts.

IA: Das finde ich gut, dass wieder ein Gespräch entwickelt wird. Es ist ein prototypisches Gespräch von zwei Freunden, die im Café sitzen und sich erklären, was sie in der letzten Zeit so gelesen haben.

MD: Das glaube ich noch nicht mal. Das Problem ist, dass die Heidenreich-Figur, die alleine funktioniert, auch wenn man das dann blöd finden kann, dass sie Bücher wie die Tiere im Tierheim vorstellt, dass die Figur aufgesplittet wird und der Konsens bestehen bleibt. Das ist ja klar, die treten zusammen an und trotzdem sollen sie dann wiederum inszeniert Gegner sein, das funktioniert nicht. Zumal ich ja vermute, die Sendung ist geschrieben, und man merkt bei Mangold auch die Unsicherheit, er will durch seine Text durchkommen, er will keinen Fehler machen.

MA: Das ist aber auch seine erste Sendung.

MD: Das stimmt.

MA: Ich glaube, das Modell ist tatsächlich: das Gespräch unter Freunden über Literatur in der Kneipe.

IA: Es gibt überhaupt keinen akademischen Anklang.

MA: Aber den hat das Gespräch unter Freunden auch nicht.

IA: Beim "Quartett" konnte man noch sagen, das ist wie ein kleines Proseminar, das war jedenfalls näher an dieser Form dran als an der Coffee-Table-Unterhaltung, die wir gerade gesehen haben.

MA: Und es war eben auch eine Kunstform, eine künstliche Form, das "Quartett". Mit dem Vorhang, das ist kein Zufall, dass das immer mit dem Bild des Vorhangs abgeschlossen wurde, es war eben Theater.

IA: War Schiller.

MA: Ja, und das hier suggeriert Goethe, und das ist problematisch.

MD: Das ist aber viel eher Theater, weil es das geschriebene Skript gibt, das heißt, die wissen vorher, was sie sagen. Weil sie das nicht überzeugend vergessen machen können, wirkt es so unglaubwürdig.

MA: Es wird nicht als Theater transportiert

MD: Im Prinzip verlängert sich das schlechte Spielen, was gut für die Marke ZDF ist, von Steffen Seibert und der "heute-sendung" hier hinein. Dass man immer so empört gucken muss. Wie soll man auch gucken, wenn einem jemand etwas erzählt, was man schon weiß?

MA: Das ist ein Problem. Aber noch mal, das leitet sich doch aus der Idealsituation, die man sich hier vorstellt, das Gespräch von zwei Freunden ab, da entstehen diese Schieflagen.

IA: Natürlich können sich zwei Freunde auch in die Haare kriegen über die Interpretation von etwas. Das fehlt hier. Es ist immer so eine lauwarme Beratungssituation wie in der Verbraucherzentrale.

MA: Dahingehend kann sich das noch bessern. Das hat man an einem Punkt gemerkt, die haben schon Lust, sich auch ein bisschen in die Haare zu kriegen, das ist ausbaufähig.

MD: Dass sie sich siezen fand ich albern, das glaubt ihnen doch kein Mensch.

MA: Ja, das ist albern. Die sollen sich duzen, den Mut müssen sie haben.

MD: Und wenn man von diesem Freundesbegriff ausgeht, müsste man den schon so definieren, dass man sagt, man kann sich auch streiten, ohne sich zu verkrachen.

MA: Das wird auch kommen, glaube ich. Es muss aber auch ein Drittes geschehen: Sie müssen mehr das spielen dürfen, was sie eigentlich sind. Mangold ist ja nicht blöd, wir müssen auch sagen, damit Herr Mangold nicht böse ist, dass wir ihn trotzdem sehr gerne noch lesen. Der kennt auch Fremdwörter, und der muss nicht so ne Schere im Kopf haben: "Publikum, Publikum, versteht's nicht, nur ja nicht zu abstrakt." Der muss mal einen Begriff reinhauen, den kein Mensch versteht, dann kann sie ja nachfragen.

IA: Genau. Das ist wie ein, was haben Hunde, damit sie nicht beißen?

MD: Einen Maulkorb.

IA: Maulkorb, richtig. Man hat immer das Gefühl, das Format ist so angelegt: Wir dürfen den Durchschnittsverbraucher nicht überfordern.

MD: Der Durchschnittsverbraucher ist eine Fiktion.

IA: Diese Tipps, das ist wie in einer Kochsendung.

MD: Dieses Publikum ist das größte Problem von allen. Was machen die Leute denn da, die braucht man doch gar nicht, die sitzen nur darum, damit's so aussieht, als ob ein Publikum da wäre, das sich selber spielt.

IA: Wie die Bücherattrappen.

MD: Ja, die Bücherattrappen sind auch interessant.

IA: Das hat die Sterilität einer Ikea-Einbauküche. Mich stört bei Kochsendungen ja immer auch, dass der Herd so sauber ist.

MD: Obwohl die Farben der bunten Bücher natürlich anklingen an Willy Fleckhaus, Edition Suhrkamp.

IA: Wenn man das Ding retten will, muss man mehr Raum für unerwartete Urteile lassen. Die dürfen nicht den Eindruck erwecken, vielleicht ist es nicht geplant, das können wir ja nicht genau wissen, aber vermutlich ist es so, die dürfen nicht von vornherein ahnen, was der andere sagt.

MD: Für mich sah's so aus.

IA: Die müssen da rein und dürfen sich vorher nicht absprechen, und dann muss aus dem Stegreif entwickelt werden.

MA: Ja, aber dann musst du auch das Korsett aufbrechen, fünf Minuten pro Buch zu haben und am Schluss vielleicht noch drei, und der Gast kommt ja auch noch. Du musst den Mut haben, wenn sich mal ein Streit ergibt, ihn sich entwickeln zu lassen. Dann fällt vielleicht ein Buch unter den Tisch, und der Gast kommt dazu und kann diesem Streit nur zuhören.

IA: Was ich an Klagenfurt gut finde – wie sich das Urteil in der Diskussion bildet. Dadurch, dass jeder ein Gran Weisheit dazu beiträgt, bildet sich durch die Masse des Gesagten ein Bewusstsein dessen, was der Text sein könnte, weil das natürlich nie einer allein kann. Das fehlt mir hier ein bisschen.

MD: Der Fluch ist auch das ZDF. Man merkt die Angst vor der Schleichwerbung, deshalb die Attrappen, und hat dann Walter Sittler, der aufs "Traumschiff" fährt und irgendwie gut zur Marke passt. Das sind alles Dinge, die die Sendung begrenzen.

MA: Du hast einen zu stark medienkritischen Blick darauf. Mich stört das nicht, wenn die Sendung ihr Ziel erreicht, nämlich mich schlicht interessiert für die Bücher, die da vorgestellt werden. Dann ist es mir doch egal, ob Sittler auf dem "Traumschiff" mitfährt.

IA: Die Sendung argumentiert damit, und das hat Heidenreich auch ihren Kritikern vorgehalten: Ich bin aber keine Literaturkritik, ich bin nur Literaturempfehlung. Und dann baut man so eine niedrige Hürde, das alles, was an intellektueller Deutung zu sagen wäre, da nicht drüber geht. Warum traut man sich nicht mal, die Latte ein wenig höher zu hängen?

MA: Das versuchen sie ja, aber so ist es zu lau. Ich fand die Heidenreich nie arg gut, aber sie hat kein Hehl daraus gemacht zu sagen, ich will Bücher, die mir gefallen, durchboxen, dass die möglichst viele Leser kriegen.

IA: Die Vitalität war bei Heidenreich stärker.

MD: Es wird mit Images gespielt, die nicht eingelöst werden. Mangold sitzt ja da als der Kritiker, den man sich aus dem Feuilleton geholt hat. Wie so ein Pitbull, der an der Leine gehalten wird, und ab und zu wackelt man mit der Leine. Das heißt, er kann das auch, aber er darf es eigentlich nicht, das ist das Absurde an der Sendung.

IA: In Klagenfurt ist der härter und auch gnadenloser. Die Leute trauen sich nichts mehr. Literatur! Da geht’s um was, um Wahrheit. Wie viele Romane haben Menschen für ihr Leben geprägt! Die reden darüber wie über Kochrezepte.

MA: Das ist dem Medium geschuldet, und Du sagst das jetzt auch, weil gerade die Koch-Show läuft. Du wirst das Medium nicht gegen seine eigenen Gesetzmäßigkeiten bürsten können.

MD: Aber für die Pflichterfüllung gibt es ja "Lanz kocht". Es bleibt auch nichts hängen. Die Sendung rennt so durch, hat ihre Bücher abgehakt, hat den Einspielfilm abgehakt, hat den Gast abgehakt, und man hat das Gefühl, man weiß überhaupt nichts.

IA: Der Früchtetee der Literaturkritik.

MA: Der Einzige, der das könnte, ist, so blöd das klingt, Harald Schmidt. Der sollte die Büchersendung machen. Der würde es tatsächlich schaffen, Intellektualität und Unterhaltung zu verbinden, weil er den Ehrgeiz dazu hätte.

Lanz verteilt Essen im Publikum.


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14:20 11.07.2009

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