„Frühling? Gibt’s hier nicht“

Interview Der Rapper Smockey führte die Revolution gegen Präsident Blaise Compaoré an. Nun hat Burkina Faso die Wahl
Barbara Off | Ausgabe 48/2015 1

Eigentlich sollten die ersten Wahlen nach der Revolution in Burkina Faso schon Mitte Oktober stattfinden, doch am 16. September putschte ein General der alten Präsidialgarde (siehe Chronik). Wieder mobilisierte die Bürgerbewegung Balai Cityoen erfolgreich die Massen. Wenige Wochen später sitzt Smockey, der Balai Citoyen mit dem Reggaesänger Sams’K Le Jah gegründet hat, in einem Münchner Hotel. Er trägt nagelneue rote Sneakers, Mütze, Hoody und ein T-Shirt, auf dem eine geballte Faust abgebildet ist. Er sieht wie ein Musiker aus, nicht wie einer, der eben noch unter Lebensgefahr auf den Straßen von Ouagadougou gekämpft hat.

der Freitag: Politische Protestsongs schreiben viele Musiker. Wie wurden Sie vom Rapper zum Straßenkämpfer?

Smockey: Es ist nicht so, dass ich unbedingt Aktivist sein wollte. Als Künstler und als Bürger zwang mich die Situation in meinem Land dazu. Meine Songs geben den Leuten Kraft, ihre Zukunft zu ändern. Unser früherer Präsident Thomas Sankara sagte mal: „Wir müssen unsere Zukunft erfinden.“

Zur Person

Smockey, bürgerlich Serge Bambara, wurde 1971 in Ouagadougou, der Hauptstadt des heutigen Burkina Faso geboren. Seine erste Hip-Hop-Single veröffentlichte er mit Anfang 20 in Frankreich. Zurück in Burkina Faso gründete er das Studio Abazon, das im September von den Putschisten mit einem Flammenwerfer zerstört wurde. Zu seinen bekanntesten Liedern zählt „Le Président, ma Moto et Moi“, in dem er Blaise Compaoré mit auf einen Streifzug durch sein Land nimmt, um ihm die Auswirkungen der Korruption zu zeigen. Es ist auch der erste Song seines neuen Albums Pre’volution (Outhere Records).

Bereits während des Arabischen Frühlings 2011 wurde in Burkina Faso von Revolution gesprochen. Warum hat es vergangenes Jahr erstmals geklappt?

Davor waren die Leute zu freundlich mit dem politischen System. Zum Beispiel die Gewerkschaften: Ihre Direktoren tranken und aßen mit unserem Diktator. Als wir gegen Compaoré demonstrieren wollten, beschwichtigten sie uns und boykottierten schließlich unsere Aktionen. Da verstand ich, dass sie Compaoré gar nicht weghaben wollten. Es war Zeit, eine neue Organisation für den Widerstand zu formen. Wir hatten die Schnauze voll von Meetings ohne Ergebnis. Am 25. August 2013 gründeten wir Balai Citoyen.

Welches Ziel hatten Sie?

Weniger reden, mehr handeln! Denn wir hatten keine Zeit zu verlieren. In einem Jahr würde Blaise Compaoré versuchen, die Verfassung zu ändern, um sich 2015 ein weiteres Mal als Präsident zur Wahl zu stellen.

Thomas Sankara

Er war von 1983 bis 1987 der fünfte Präsident von Obervolta, das er in Burkina Faso umbenannte („Das Land der aufrechten Menschen“). Sankara verfolgte einen afrikanischen Sozialismus mit dem Ziel der Selbstbestimmung und Autarkie von der westlichen Welt. 1987 fiel er einem Attentat zum Opfer.

Das ahnten Sie damals schon?

Natürlich. Das war doch klar! Wir kannten Compaoré. Er war 27 Jahre an der Macht. Nur mit einer großen Anhängerzahl hatten wir die Chance, ihn zu stoppen. Wir mussten ein bis zwei Millionen „Besenbürger“ mobilisieren. Also machten wir einen Aktionsplan für 2013 und 2014. Die Leute glauben immer, dass Balai Citoyen nur auf die Straße gehen und protestieren. Nein. Wir haben eine Charta und wissen genau, was zu tun ist. Von Anfang an haben wir zum Beispiel dafür plädiert, dass die Präsidialgarde RSP aufgelöst werden muss, da sie eine Bedrohung für die Demokratie ist.

Welche Rolle spielte die Musik während der Revolution?

Die Lieder sind wie eine Bibel für die Kämpfer. Die emotionale Seite, die zum Kampf antreibt. Sie sangen meine Lieder, die von Sams’K Le Jah und anderen. Aber vor allem die burkinische Nationalhymne, die Thomas Sankara geschrieben hatte. Die wurde überall gesungen. Vor allem in chaotischen Situationen. Wenn wir dann die Leute stoppen wollten, war das Megafon zu leise. Da haben wir einfach angefangen, gemeinsam die Hymne zu singen. Alle hielten inne und sangen mit.

Eigentlich sollten bereits im Oktober freie Wahlen stattfinden. Am 16. September kam es zum Putsch. Anführer war ein General aus der Garde des alten Präsidenten. Hat Sie das kalt erwischt?

Nein. Ich hatte vorab Informationen, dass es heiß werden würde und ich das Land verlassen sollte. Und zwei Wochen später: boom. Das war keine Improvisation, sondern von langer Hand geplant. Zu schnell sprachen auch die internationalen Medien von General Diendéré als dem neuen Machthaber in Burkina Faso. Organisationen wie die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union oder die ECOWAS (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) folgten ihren Interessen und dem Gewinner. Niemand dachte, dass das burkinische Volk wieder seine Freiheit erlangen konnte, wie letztes Jahr im Oktober. Aber wir haben sie eines Besseren belehrt.

Chronik einer Revolution

Sommer 2013: Gründung der Bürgerbewegung Balai Citoyen („Bürgerbesen“). 30. Oktober 2014: Das Parlament soll über eine Verfassungsänderung abstimmen, um Blaise Compaoré eine fünfte Amtszeit zu ermöglichen. Demonstranten stürmen das Parlament, das Militär löst die Regierung auf. Eine Übergangsregierung übernimmt die Geschäfte und setzt für den 11. Oktober 2015 Neuwahlen an. 16. September 2015: Der Übergangspräsident Michel Kafando und dessen Premier werden festgenommen. Mit Balai Citoyen gehen Tausende auf die Straßen und protestieren gegen den Putsch. Das Militär schlägt sich auf die Seite des Volkes und fordert die Putschisten auf, die Waffen niederzulegen. 23. September 2015: Die Übergangsregierung nimmt die Geschäfte wieder auf. Neuer Wahltermin ist der 29. November.

Wie haben Sie das geschafft?

Als wir von dem Putsch hörten, sind wir sofort zum Platz der Revolution und haben mit viel Lärm die Leute mobilisiert. Am Anfang waren wir nur eine Handvoll. Ein paar Minuten später hundert. Und zwei Stunden später tausend.

Dann sind wir Richtung Präsidentenpalast marschiert. Kurz darauf wurde auf uns geschossen. Wir rannten, und sie jagten uns. Die ganze Nacht. Ich ging nicht mehr nach Hause, da sie nach mir suchten. Wir haben alle zwei Nächte das Quartier gewechselt. Es war wie im Krieg. Wir haben dann unsere Taktik geändert und auf Straßenblockaden in der ganzen Stadt gesetzt. Über Internet, Social Media und SMS waren wir alle verbunden.

Wer waren die Leute, die mit Ihnen auf die Straße gingen?

Natürlich waren es mehr junge Leute, da 65 Prozent der burkinischen Bevölkerung unter 25 Jahren sind. Aber im Grunde waren alle entschlossen und haben uns unterstützt, auch in den Provinzen und auf dem Land. Frauen, alte Menschen, jeder. Manche haben großes Risiko auf sich genommen, indem sie uns versteckt haben. Andere haben an die Kämpfer Wasser verteilt und Essen gekocht. Niemand wollte die im letzten Herbst gewonnene Freiheit wieder aufgeben. Wir hatten damals Opfer gebracht. Jetzt war es wichtig, nach vorne zu gehen und nicht zurück.

In deutschen Medien wurde oft von einem Afrikanischen Frühling in Anlehnung an den Arabischen Frühling gesprochen. Würden Sie das auch so beschreiben?

Nein. Denn in Westafrika gibt es keinen Frühling, sondern nur zwei Jahreszeiten. Die Trockenzeit und die Regenzeit… Ich weiß, dass in Europa Frühling eine gute Zeit ist. Aber mir fällt es schwer, so darüber zu sprechen.

Kann man die Situation in Nordafrika und Burkina Faso aber prinzipiell vergleichen?

Ich glaube schon. Sie ist aufgrund von Kultur und Religion natürlich unterschiedlich. Aber der Auslöser für die Revolutionen war in Nordafrika, in Westafrika oder in Zentralafrika überall der gleiche: das Problem der Langzeitmachthaber. Diese Präsidenten sollten für das Volk arbeiten, aber sie arbeiten über 20, 30, 40 Jahre für sich und ihren Clan, in die eigene Tasche.

Geht die Ära der Langzeitpräsidenten in Afrika dem Ende zu?

Für ganz Afrika kann ich das nicht sagen. Aber in Burkina Faso wird es definitiv nicht mehr möglich sein.

Stehen Sie in Kontakt mit anderen Protestbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent?

Wir sind alle in Kontakt. Der Erfahrungsaustausch ist sehr wichtig. Aber ich denke, jedes Land, jedes Volk hat seinen eigenen Kampf zu kämpfen. Wir können über die Situation im Kongo oder in Gambia sprechen. Wir können uns vernetzen, eine Solidaritätsplattform im Internet einrichten und unsere Aktionen in verschiedenen Ländern synchronisieren. Aber wir können nicht den Kampf der Kongolesen oder Gambier kämpfen. Solidarisch sind wir mit allen.

Wie ist Ihr Gefühl für die Zukunft? Stehen am 29. November fähige Politiker zur Wahl?

Die Politiker werden so sein, wie wir sie haben wollen. Wenn wir ihre Reden einfach hinnehmen, werden sie machen, was sie wollen, wie das alte Regime. Aber nicht, wenn wir jetzt verstehen, dass Bürger sein nicht nur bedeutet, zu Wahlen zu gehen, sondern auch, Teil des Wandels zu sein. Wir brauchen 17 Millionen politische Menschen in Burkina Faso. Früher, wenn ein Regierungsvertreter einen Brunnen in einem Dorf baute, meinten die Leute, das sei ein Geschenk. Nein. Die Leute müssen verstehen, dass das ihr Recht ist. Unsere Politiker sind uns Rechenschaft schuldig.

Wo sehen Sie sich selbst in Zukunft? Auf der Straße, in der Politik oder auf der Bühne?

Ich bin Künstler. Aber bevor ich Künstler bin, bin ich Bürger. Wenn ich die Zukunft meines Landes als Politiker verändern kann – warum nicht? Aber es ist nicht mein Plan. Als Musiker bin ich den Menschen wahrscheinlich nützlicher.

06:00 28.11.2015

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