Frühstücksei mit gutem Gewissen?

Alltagskommentar Wieviel Wirkung hat Konsumentendemokratie? Der aktuelle Eier-Skandal legt offen, dass die Struktur des Massenmarktes nicht per Kaufentscheid geändert werden kann
Frühstücksei mit gutem Gewissen?
Foto: Marcus Posthumus/ AFP/ Getty Images

Als ich das letzte Mal im Bioladen war, sah ich dabei zu, wie eine Frau zum Bio-Dosen-Thunfisch und der Bio-Salami-Tiefkühlpizza Bio-Eier in den Einkaufswagen legte. Um den Hals trug sie einen Kragen aus echtem Pelz. Ich habe solche Szenen so oft beobachtet, dass sie für mich zum Symbol des „ethischen Konsums“ geworden sind: Einkaufen wie immer – mit gutem Gewissen oben drauf. Wenn nur genug Leute „nachhaltige“ Produkte kaufen, so die Idee, dann stellen die Unternehmen nur noch „gute“ Produkte her. Bei den Eiern hat diese „Konsumentendemokratie“ auch Wirkung gezeigt: Abgeschreckt von Bildern schwer verletzter Hühner in engen Drahtkäfigen verlangten die Kunden nach tiergerecht produzierten Eiern. Aus Käfighaltung bekommt man heute nur noch selten welche. In Supermärkten und Discountern gibt es Freiland- und Bio-Eier, auch im Bioladen sind die Regale stets voll. Denn seit man sie mit gutem Gewissen kaufen kann, steigt der Konsum: 18,6 Milliarden Eier jedes Jahr, macht pro Kopf 230 Eier. Zwei Millionen Bio-Eier werden täglich verkauft. Kann es wirklich sein, dass diese gigantische Menge von „glücklichen Hühnern“ kommt?

Wer glaubt, Bio-Eier stammten von Hühnern, die idyllisch über den kleinen Hof scharren, täuscht sich. Die Produktion von Eiern ist nur massenhaft rentabel. Nur so können Betriebe an Supermärkte und Industrie liefern. Das gilt teils auch für Premium-Bio: Der größte Eierproduzent, den der Bio-Verband Demeter zertifiziert hat, hält 24.000 Hennen. Fast alle Bio-Eier im Supermarkt und Discounter stammen aus industriellen Großbetrieben, die zusätzlich eine Bio-Nische betreiben. Ausgerechnet die größten Eierproduzenten, die Profit mit der Massenhaltung machen, dominieren auch das Bio-Geschäft. Je größer die Betriebe, desto schwieriger Kontrollen, desto wahrscheinlicher Tierquälerei.

Der aktuelle Eier-Skandal legt nicht nur offen, wie schlecht die Einhaltung von Gesetzen in Deutschland kontrolliert wird. Sondern auch, dass die Struktur des Massenmarktes, die nie dem Wohl von Mensch, Tier und Umwelt dient, sondern allein dem Profit, nicht per Kaufentscheid geändert werden kann. Das geht nur mit dem unbedingten politischen Willen, die industrielle zugunsten einer ökologischen Landwirtschaft abzuschaffen. Und das bedeutet: Weniger ist mehr. Ein Frühstücksei pro Tag ist dann nicht mehr drin. Auch nicht bio.

Kathrin Hartmann veröffentlichte zuletzt Wir müssen draußen bleiben - Die neue Armut in der Konsumgesellschaft

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

11:00 01.03.2013

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