Früher hieß das Kolonialismus

Landnahme Spekulatives ­Kapital kontrolliert zusehends die Welternährung und zieht Bauern in Afrika, Asien und Osteuropa den Boden immer mehr ­unter den Füßen weg

Es geht um Land, viel Land. Die US-Investmentfirma Morgan Stanley erwarb 40.000 Hektar in der ­Ukraine. In Äthiopien brachte der US-Konzern Cargill 600.000 Hektar in seinen Besitz. Der Investmentbanker Philippe Heilberg wurde mit seinem Hedgefonds Jarch Capital zum größten Landpächter im Südsudan (so Glossar), nachdem er mit einem dortigen Warlord einen Vertrag über 400.000 Hektar geschlossen hatte.

Hedgefonds, Banken, Versicherungen und Rentenkassen spekulieren auf langfristig steigende Nahrungsmittelpreise. Nachdem der Boom der Technologie-Aktien im Jahr 2000 in sich zusammen fiel und seit 2007 eine Immobilienblase nach der anderen platzt, drängen Finanzinvestoren mit ihrem Rendite-Hunger in den Agrarsektor. Sie spekulieren mit Nahrungsmitteln, kaufen sich in internationale Agrarkonzerne ein und bringen Land unter ihre Kontrolle. Sie setzen auf einen neuen Megatrend, der durch langfristig wirksame Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Klimawandel und den zunehmenden Einsatz von Agrosprit begünstigt wird.

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist eigentlich eine uralte Geschichte. Bertolt Brecht war ebenso fasziniert wie entsetzt, als er in den zwanziger Jahren die Vorgänge an der Chicagoer Weizenbörse studierte. „Als ich plötzlich begriff“, schrieb er, „wie sie dort das Getreide der Welt verwalten und es zugleich auch nicht begriff und das Buch senkte, wusste ich gleich: Du bist in eine böse Sache geraten.“ Die Weizenbörse von Chicago war 1859 gegründet worden und durch Spekulation bald heftigen Preisschwankungen unterworfen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verlangten sowohl die amerikanischen Bauern als auch die Müller, Warentermingeschäfte mit Weizen zu verbieten, doch daraus wurde nichts. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist noch heute eine der großen Leidenschaften der Finanzmärkte. Globale Agrarprodukte wie Weizen, Reis, Sojabohnen oder Kaffee werden lange vor ihrer Ernte an den Terminbörsen gehandelt und noch während des Transports immer wieder hin und her verkauft. Bevor das Pfund Kaffee in unserer Küche landet, hat es unter Umständen 500 mal den Besitzer gewechselt. Seit einigen Jahren nun erlebt dieses Geschäft einen tiefgreifenden Wandel, in dem die traditionellen Akteure durch Hedgefonds und institutionelle Investoren verdrängt werden. Diese dringen mit großen Geldvolumina in den Markt ein. So kaufte ein einziger britischer Hedgefonds im Vorjahr kurzerhand sieben Prozent der gesamten Welt-Kakaoernte auf. Auf diese Weise lassen sich Weltagrarmärkte und mit ihnen die Überlebenschancen vieler Menschen kontrollieren und manipulieren.

Einen ersten Vorgeschmack lieferte die Spekulationswelle des Jahres 2008, als sich der Reispreis verdreifachte. In einigen Ländern des Südens kam es daraufhin zu Hungerkrisen und Aufständen. Im Sog der Finanzkrise fielen die Preise anschließend wieder beträchtlich, um im Frühjahr 2011 auf neue Rekordmarken zu klettern. Konsequenz: Seit Anfang 2009 haben sich die Preise beinahe verdoppelt.

Viele Regierungen sind dafür

Auch die Landnahmen im Ausland, heute oft als Land Grabbing bezeichnet, sind eigentlich eine uralte Geschichte. Früher nannte man das Kolonialismus. In den zurückliegenden Jahren standen China und Indien, aber auch arabische Länder im Focus der Öffentlichkeit, die mit ihren Landinvestitionen durch Staatsfonds oder durch private Firmen unter anderem das Ziel verfolgen, unabhängiger von Weltagrarmärkten und Spekulationswellen zu sein. Inzwischen sind es jedoch vor allem die Spekulanten selbst, die im großen Stil in Ackerland investieren. Sie bringen damit zusehends die gesamte Wertschöpfungskette der Welternährung unter ihre Kontrolle.

Afrika bietet für solcherart Kapitalanlagen eine ideale Konstellation – es gibt viel fruchtbares Ackerland und wenig Demokratie. Ertragreiche Böden bleiben indessen auch auf diesem Kontinent nie ungenutzt. Da aber von Ägypten bis Namibia die meisten Kleinbauern und Nomaden keine formellen Besitztitel haben, führen die Landnahmen zu ihrer Enteignung und Vertreibung. Die Weltbank kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass etwa 70 Prozent derartiger Landtransfers Afrika betreffen und Spekulation dabei zum maßgebenden Motiv geworden ist. Es geht um die Aussicht auf schnelle Gewinne. Folglich wird das Land ausgebeutet, ohne sich um eine nachhaltige Nutzung zu kümmern, und angebaut, was am meisten Cash bringt: Energiepflanzen, Schnittblumen oder Nahrungsmittel für den Export, meist in Monokultur auf großen Plantagen mit viel Technologie und wenig Arbeit. Wenn in ein paar Jahren die Böden ausgelaugt sind, rennen diese Investoren längst dem nächsten globalen Trend hinterher.

„Die gleichen Finanzunternehmen, die mit gefährlichen Transaktionen eine weltweite Rezession ausgelöst haben, machen jetzt dasselbe mit der weltweiten Nahrungsmittelproduktion“, befürchtet Anuradha Mittal, die Gründerin des Oakland Institutes. Der kalifornische Think Tank schätzt in einer kürzlich veröffentlichten Studie, dass allein im Jahre 2009 60 Millionen Hektar afrikanisches Land in ausländische Hände gelangten, eine Fläche, ungefähr so groß wie Frankreich. Hedgefonds und andere spekulative Finanzinvestoren, so die Studie, untergraben damit die Ernährungssicherheit in den betroffenen Regionen und führen auf dem Weltmarkt zu starken Preisschwankungen bei Grundnahrungsmitteln. In Afrika könne ausufernde Landnahme bald einer der Hauptgründe für Hunger sein, warnt das Oak­land Institute.

Hier wird es jedoch kompliziert. Denn afrikanische Regierungen wollen mit ihrer Öffnung für finanzkräftige Investoren gerade dieser ewigen Wiederkehr des Hungers entgegenwirken. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft Afrikas leidet unter hochgradiger Unproduktivität – eine Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung. Vielen Bauern ist es nicht einmal möglich, ihre Ernte zu lagern und damit erwähnenswert zu handeln. Nach Schätzungen der Welthungerhilfe gehen bis zu 50 Prozent der Erträge durch Nachernte-Verluste verloren. Während mancherorts Überschüsse verrotten, wird in Nachbarregionen gehungert. So werden neue Investoren mit großen Erwartungen bedacht: Sie sollen rasche Modernisierung bringen (Infrastruktur, Technologie, Produktivität, Jobs, Ausbildung) und Steuereinnahmen. Deshalb unterstützt auch die Weltbank die Landnahmen in Afrika nach wie vor tatkräftig und mit finanziellen Mitteln.

Bisher freilich werden Hoffnungen auf eine Win-Win-Situation schwer enttäuscht. Statt Geld in die Infrastruktur zu stecken, stellen die Finanzinvestoren Forderungen: Sie wollen nicht nur die besten Böden, sondern zugleich eine gute Wasserversorgung, Straßen und Strom – all das, was sich viele Kleinbauern lange wünschen, aber nie bekommen haben. Enteignete Bauern warten oft vergeblich auf versprochene Entschädigungen für den erlittenen Landverlust. Und neue Jobs entstehen in der kapitalintensiven Plantagenökonomie kaum.

Immerhin ein Anfang

Bauern- und andere zivilgesellschaftliche Organisationen fordern deshalb, großflächige Landgeschäfte zu unterbinden und statt dessen die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern. Die Weltbank versucht indes, mit einem freiwilligen Verhaltenskodex für Investoren ihre Modernisierungsstrategie zu retten, was zivilgesellschaftlichen Organisationen eher Kopfschmerzen bereitet. So befürchtet das Oakland Institute, dass damit großflächigen Landinvestments ein legitimes Mäntelchen umgehängt wird. Ähnliche Bedenken hat Roman Herre von der Menschenrechtsorganisation FIAN. „Nach allen bisherigen Erfahrungen werden solche freiwilligen Kodizes von Unternehmen selektiv genutzt.“ Investoren könnten sich gut dahinter verstecken. Positiver werden dagegen die „Freiwilligen Leitlinien für den Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen“ gewertet, die im UN-Komitee für Welternährungssicherheit (CFS) erarbeitet wurden und bis Ende 2011 verabschiedet werden sollen. Sie richten sich vorwiegend an die Regierungen und beziehen menschenrechtliche Verpflichtungen wie das Recht auf Ernährung mit ein. Zivilgesellschaftliche Organisationen könnten so bei künftigen Landgeschäften bei ihren Regierungen den Schutz der Menschenrechte reklamieren. Nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Auch in Deutschland wurden mittlerweile zahlreiche Publikumsfonds geschaffen, mit denen Kleinanleger am großen Agrargeschäft partizipieren können. Auf diesem Weg wandern erhebliche Summen entweder direkt in den Landerwerb oder in transnationale Konzerne, die ihrerseits das Landgeschäft betreiben. FIAN schätzt das Gesamtvolumen dieser Fonds auf 5,2 Milliarden Euro, wobei die Deutsche Bank – über ihre Fondsgesellschaft DWS – tonangebend ist. Nach FIAN-Recherchen ist die DWS beispielsweise mit mehreren Fonds bei einem thailändischen Zuckerkonzern engagiert, der in Kambodscha an Landtransfers (Größenordnung 19.000 Hektar) beteiligt ist. 456 Bauernfamilien haben dadurch bisher ihr Land verloren. Roman Herre rät von solchen Geldanlagen grundsätzlich ab. „Als Miteigentümer ist man mit verantwortlich.“

Gabriela Simon arbeitet als Ökonomin und Journalistin in Berlin

11:00 16.10.2011

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