Frühling Forever

Feierabend Die Welt ist schlecht, aber das war nicht immer so, reklamiert Mark Kurlansky für seine nostalgische Chronik "1968"

Etwas saisonale Lyrik gefällig? "Wenn ich an einem schönen Tag/ Der Mittagsstunde habe acht/ Und lehne unter meinem Baum/ So mitten in der Trauben Pracht;/ Wenn die Zeitlose übers Tal/ Den amethystnen Teppich webt,/ Auf dem der letzte Schmetterling/ So schillernd wie der frühste bebt:/ Dann denk´ ich wenig drüber nach,/ Wie´s nun verkümmert Tag für Tag,/ Und kann mit halbverschloßnem Blick/ Vom Lenze träumen und von Glück."

Das ist der Herbst, wie er sich für Annette von Droste-Hülshoff im Gedicht Der Säntis vor dem poetischen Hintergrund des gleichnamigen Appenzeller Berges dartut. Wenn es ein Buch geben kann, das uns in diesen Oktobertagen ein ähnlich verzückendes Stimmungsbild in die triste Gegenwart eines auslaufendes Jahres am Beginn des 21. Jahrhunderts malt, dann stammt es von dem Amerikaner Mark Kurlansky. Kurlansky, ein Mann der kulinarischen Kulturgeschichte und Autor von Büchern wie Kabeljau - Ein Fisch, der die Welt veränderte und Salz - Ein Stoff, der die Welt veränderte, ist selbst im, wie man so sagt, Herbst seines Lebens angelangt. Einiges spricht dafür, dass dieser Umstand nicht ohne Belang gewesen ist für die globale Vermessung der höchsten Erhebung seiner Lebensgeschichte als gesellschaftlich denkender Mensch, die er unter dem Titel 1968 - Ein Jahr, das die Welt veränderte nun vorgelegt hat.

Und kann mit halbverschloßnem Blick/ Vom Lenze träumen und von Glück: Dass Kurlansky kaum etwas anderes vorhat, ist bereits der Widmung zu entnehmen. "Für meine wunderschöne Talia Feiga - auf dass sie die Wahrheit von der Lüge unterscheiden, das Leben lieben und den Krieg hassen lernt und nie den Glauben daran verliert, die Welt verändern zu können". Nicht nur, dass der Name der zugeneigten Person an eine poetische Variante der Nonkonformität gemahnt, wie sie 1968 gut vorstellbar scheint; auch der entschlossen-naive Sprung in das Haifischbecken der großen Begriffe über die menschliche Existenz (Wahrheit, Lüge, Krieg, Leben, usw.), zeugt von der utopieversessenen Unerschrockenheit, die man mit der Epoche stiftenden und Titel gebenden Jahreszahl verbindet.

Kritische Revision ist, um es kurz zu machen, von Mark Kurlansky nicht zu erwarten. Sein Rückblick in Liebe und Zorn verwendet allerdings auch nicht sonderlich viel Energie darauf zu erklären, was der Untertitel pathetisch verspricht: nämlich worin die Veränderung der Welt gelegen hat, die 1968 besorgte. Kurlansky beschreibt, was 1968 auf der Welt passierte, und 1968 ist in seiner Darstellung weitgehend ein Jahr ohne Vergangenheit und Zukunft. Wie 1968 passieren konnte, interessiert nur am Rande, genauer gesagt in der Einleitung, wo Kurlansky "vier historische Faktoren" auflistet, die zu 1968 beigetragen haben: "das Vorbild der Bürgerrechtsbewegung; eine Generation, die sich so fremd bzw. entfremdet fühlte, dass sie jede Form von Autorität ablehnte; ein Krieg, der auf der ganzen Welt einmütig verabscheut wurde, dass er allen Rebellen einen Grund für ihr Rebellentum lieferte; und dies alles musste in dem Augenblick zusammenkommen, als das Fernsehen erwachsen wurde, zugleich aber noch so jung war, dass es noch nicht so kontrolliert und schön verpackt daherkam wie heute."

Das schöne Fernsehen hat Kurlansky in sein Buch verlängert. Er sitzt in der Sendezentrale des kollektiven Gedächtnisses und schaltet wie in der Kindersendung Hallo Spencer munter hin und her zwischen Amerika und Japan, Vietnam, Frankreich und Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland, Nigeria, Spanien und Syrien. Aufruhr war überall. Den nicht-amerikanischen Leser dürfte die feierliche Bewunderung Kurlanskys für die Sturmgeschütze des US-Fernsehens wundern: "Cronkite war einer der letzten Fernsehjournalisten, die sich weigerten, selbst die Botschaft zu sein." Aus diesem Grund hieß die Sendung, die er moderierte, ja auch unbescheiden The CBS Evening News with Walter Cronkite, denkt sich, wer durch die Tagesschau die Welt wahrgenommen hat.

Das kollektive Gedächtnis, durch das Kurlansky zappt, verdankt sich, neben einigen Interviews und der Lektüre zahlreicher Memoiren, der Extraktion einer groß angelegten Zeitungsrecherche. Das ist nicht unproblematisch, die Medien ächzen unter der Doppelbelastung, die Kurlansky ihnen aufbürdet. Mal werden sie als unverfängliche Zeitzeugen zitiert ("Paris Match schrieb damals ... "), um im nächsten Augenblick wieder als ungenannte Quelle die Erzählung zu stützen, wenn Kurlansky etwa detailliert die Geschichte des 13-jährigen Bruce Brennan referiert, der wegen Schulschwänzens in Long Island angeklagt wird, weil er Teil der Friedensbewegung ist. Hier zeigt sich ein strukturelles Dilemma von Geschichtsschreibung im Allgemeinen und der von Kurlansky im Besonderen: So spannend das Blättern in alten Zeitungen sein mag, so schnell wird offensichtlich, dass sie, wenn überhaupt, nur als chronologisches Gerüst taugen. Sie erzählen jeden Tag Geschichten neu, aber die Addition dieser Geschichten ergibt in der Summe nicht Geschichte. Bruce Brennan ist ein fait divers.

Das aber gehört zum Konzept. Kurlanskys Stil ist nicht zufällig beeinflusst vom New Journalism, der seine Hochzeit in den sechziger Jahren erlebte. Dahinter verbirgt sich die Idee, die dokumentarische Recherche als große Erzählung anzulegen, in der die persönliche Meinung des Autors deutlich wird, ohne ausdrücklich benannt zu werden. Mit Kurlanskys 1968 erhält der Leser die Möglichkeit, noch einmal dabei zu sein im Damals - und zwar auf der richtigen Seite. "Als de Gaulle kurz vor Mitternacht der Silvesternacht 1967 in seinem Palast Platz nahm, war er heiter und guten Mutes. ›Inmitten so vieler von Aufruhr geplagter Länder wird das unsere weiterhin ein Musterbeispiel an Ordnung sein‹, versprach er. Frankreichs vorrangiges Ziel in der Welt sei der Friede, meinte der General: ›Wir haben keine Feinde.‹ Möglicherweise war de Gaulles neuer Ton von Träumereien über den Friedensnobelpreis beeinflusst." So geht es über weite Strecken: Man sitzt auf dem Schoß von de Gaulle, speist mit Alexander Dubcek in dessen entbehrungsreicher Kindheit rohe Sperlingseier mit Schale oder greift mit Jadwiga Szczesna, der Mutter von Joanna Szczesna, zum Regenschirm, um sich gegebenenfalls auf einer Demonstration in Lodz verteidigen zu können. Gleichzeitig weiß man in manchen Fällen, wie die Geschichte ausgegangen ist, und kann sich etwa bei de Gaulle noch einmal klammheimlich freuen: Denkste, Puppe! Das sind die Momente, in denen die Hemmungslosigkeit von Kurlanskys Nostalgie am deutlichsten zutage tritt: Die Haltung des Autors will mit dem vorausgesetzten Einverständnis des Lesers "High Five" einschlagen. Deshalb maskiert sich das Falsche und Böse immer als unkultiviert und brutal, wohingegen das Richtige und Gute, ob es nun Dubcek, Joanna Szczesna oder Mark Rudd heißt, immer etwas blass um die Nase ist (und daher leicht zu unterschätzen), aber ungemein belesen. 1968 scheint, so gesehen, zunächst das Jahr gewesen zu sein, in dem man es sich bei der Welt-Einteilung ziemlich leicht machen konnte. Den letzten Teil des Jahres nach dem Ende des Prager Frühlings, der Wahl Richard Nixons zum US-Präsidenten und den Olympischen Spielen in Mexiko, straft Kurlansky dementsprechend vor lauter Enttäuschung über die geplatzten Träume mit Kürze.

Gegen solch eine parteiische Erinnerungschronik wie 1968 lässt sich also allerhand einwenden. Es wäre jedoch unfair, Kurlansky zu unterstellen, er wisse davon nichts. Sein Buch ist das Buch für diese Jahreszeit, gedacht in erster Linie für die Dabeigewesenen am Feierabend ihres kritischen Geschäfts, wenn´s draußen dunkel ist und kalt. Da sitzt man dann, liest, wärmt sich am Kaminfeuer der richtigen Erinnerung und kann mit halbverschlossenem Blick vom Lenze träumen und von Glück.

Mark Kurlansky: 1968. Das Jahr, das die Welt veränderte, Kiepenheuer, Köln 2005, 448 S., 22,90 EUR


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00:00 21.10.2005

Ausgabe 39/2020

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