Frühlingsmittag, unter einem Kirschbaum

Kehrseite Zum ersten Mal nach sieben Jahren kam sie wieder in den Kirschgarten. Es war ein warmer, sonniger Frühlingsmittag. Der Himmel war tiefblau, und es ...

Zum ersten Mal nach sieben Jahren kam sie wieder in den Kirschgarten. Es war ein warmer, sonniger Frühlingsmittag. Der Himmel war tiefblau, und es gab keine einzigen Wolken. Unzählige Kirschbäume standen in voller Blüte. Im blendenden Sonnenschein leuchteten die leichtrosa Blüten so hell, als strahlten sie von allein. Zierliche Blütenblätter fielen hier und da langsam auf den frischen, grünen Rasen. Mit feinen, weißen Kieseln bestreute schmale Wege schlängelten sich kreuz und quer durch den Garten, so dass die einzelnen Rasenflächen wie Inseln in einer Flusslandschaft wirkten.

Von einem der Wege aus betrat sie mit ihrem Reisekoffer den Rasen und setzte sich unter einen großen Kirschbaum mit weit ausgebreiteten, voll erblühten Zweigen, die einen tiefen Schatten warfen. Der Rasen war kühl und weich. Die Erde darunter leicht erwärmt. Sie spürte an ihren Wangen sanften, schläfrig machenden Wind. Alles war genau wie früher. Wie vor sieben Jahren, bevor sie ihre Heimat für das Studium verlassen hatte und ins Ausland gegangen war.

Sie hatte mit ihren Eltern ganz in der Nähe gewohnt und als Kind immer in diesem Kirschgarten gespielt. Die vielen großen Bäumen eigneten sich gut fürs Versteckenspielen. Sie hatten ihre kleinen Körper ohne viel Mühe verbergen können - im Frühjahr hinter den Blüten, im Sommer hinter den Blättern und im Herbst und Winter hinter den Stämmen. Als sie dafür zu groß geworden waren, taten sie im Halbdunkel zwischen den dicht gewachsenen Bäumen alles, was sie heimlich machen wollten. Zum Beispiel die Operation an einem Insektenleib und die darauf folgende Begräbniszeremonie. Tote Tiere begruben sie jedes Mal unter einem Kirschbaum. Sie naschten an Zahnpasten mit verschiedenen Geschmacksrichtungen. Sie blätterten in Zeitschriften für Erwachsene, die sie in einem kleinen Kiosk stahlen. Sie schnüffelten Verdünnungsmittel aus Plastiktüten. Sie probierten auch Klebstoffe aus, bis einer von ihnen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Danach waren sie eine Zeit lang nur noch selten im Kirschgarten. Ihre Eltern hatten ihnen verboten, dort zu spielen. Und sie waren auch langsam zu groß. Später ging sie nur noch mit ihren Freundinnen in den Kirschgarten. Sie saßen unter einem Baum und redeten ohne Ende über Jungen. Den ersten Kuss erlebte sie unter einem Kirschbaum. Auch, als der Junge dann zum ersten Mal ihren Körper berührte, war es unter einem Kirschbaum.

Später, als sie wegen des Studiums in einer weit entfernten Stadt wohnte, war sie nur noch ein, zwei Mal im Jahr bei ihren Eltern. Doch jedes Mal, wenn sie nach Hause kam, spazierte sie mit ihren alten Freundinnen durch den Kirschgarten. Auch in der Frühlingsnacht direkt vor ihrer Abreise für ein Auslandsstudium gingen sie in den Kirschgarten, wo die Bäume in voller Blüte standen. Es war eine dunkle Nacht. Der Mond war durch Wolkenschleier verhüllt. Sie tranken Wein unter einem der Bäume.

Ein paar Tage später reiste sie ab. Sie war drei Monate unterwegs. Am Ende erreichte sie das Land, wo sie zwei Jahre studierte und einen Mann kennen lernte, dessentwegen sie schließlich dort blieb. Jetzt, ganze sieben Jahre seit der Abreise, war sie wieder in ihrer Heimatstadt. Am frühen Vormittag war sie am Flughafen gelandet, mit der Bahn in die Stadt gefahren und sofort zu ihren Eltern gegangen. Doch seltsam: niemand war zu Hause, obwohl sie ihnen ein paar Tage zuvor telefonisch mitgeteilt hatte, dass sie kurz vor Mittag ankomme. Vielleicht waren sie noch beim Einkaufen. Oder sie hatten die Zeit falsch verstanden. So ging sie in den Kirschgarten, um die Zeit totzuschlagen.

Unter dem großen Kirschbaum schaute sie den Leuten zu, wie sie kamen und gingen. Ein alter Mann und eine alte Frau kamen Hand in Hand. Sie wechselten kaum Worte und jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Aber als sie vor den großen Kirschbaum kamen, schauten sie zusammen aufmerksam hinauf zu den Blüten und lächelten. Als das Paar ging, kam ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen und einem Baby. Das Mädchen lief kichernd vor seinen Eltern her. Die junge Frau ging neben ihrem Mann, der den Kinderwagen schob, und wies ihre Tochter ständig darauf hin, dass sie nicht zu weit fortlaufen solle. Erst als das Mädchen vor den großen Kirschbaum kam, schaute es aufmerksam hinauf zu den Blüten und blieb dort stehen, bis seine Eltern kamen. Sie schauten zusammen hinauf zu den Blüten, und nach einer Weile gingen sie fort. Danach kamen eine junge Frau und eine ältere Frau, die wie Mutter und Tochter schienen. Sie schauten eine lange Weile den großen Kirschbaum an und drückten mit verschiedenen Worten aus, wie schön der blühte, ehe sie weitergingen. Von der klaren Frühlingssonne beschienen, von der leicht warmen, wohl duftenden Luft umhüllt, erschienen alle gelassen und zufrieden. Ein junger Mann, der den Rollstuhl einer alten Frau schob. Eine Gruppe älterer Frauen, die sich laut unterhielten und noch lauter lachten. Ein älterer Mann mit einem großen Fotoapparat. Eine Gruppe Schülerinnen, die ständig kicherten.

Während sie den Leuten zuschaute, fühlte sie sich allmählich, als ob sie Bilder auf einer Leinwand betrachte. Alle sahen hinauf zu den Kirschblüten über ihrem Kopf, aber niemand, kein einziger bemerkte sie. Kein einziger Blick fiel auf sie, als ob sie den Leuten gar nicht auffalle. "Wahrscheinlich weil die Kirschblüten so prächtig blühen" - dachte sie. Aber ihr Koffer leuchtete glänzend rot...

Ein alter Mann kam mit einem Hund. Während der Mann die Kirschblüten anschaute, beschnüffelte der braune, dünne Hund den Rasen unter dem Baum - zu ihren Füßen. Aber auch der Hund beachtete sie gar nicht, als ob sie geruchlos wäre. Ein etwa sieben oder acht Jahre alter Junge kam vorbei mit einer Frau, die seine Mutter zu sein schien. Während die Mutter die Kirschblüten betrachtete, interessierte sich der Junge für einen Käfer auf dem Baumstamm. Aber auch er warf keinen Blick auf sie, die so dicht am Stamm saß. Danach kam eine alte Frau. Ihr Gesicht kam ihr ganz bekannt vor. Es war eine Nachbarin, die sie aus der Kindheit kannte. Sie erwartete, dass die grauhaarige Frau sie sofort erkannte und sich über ihre Heimkehr freute. Sie stand auf, lächelte ihr zu. Aber auch die Nachbarin warf keinen Blick auf sie, als ob sie sie gar nicht bemerkt hätte, und schaute bloß die Kirschblüten an. Also sprach sie die Nachbarin an. Da fuhr die alte Frau rasch herum, machte einen Moment lang ein überraschtes Gesicht. Im nächsten Moment schüttelte sie aber bloß ihren Kopf und ging mit hastigen Schritten davon.

"Warum sehen die Leute mich nicht an? Warum tun sie so, als sähen sie mich überhaupt nicht?" - Sie fühlte sich beunruhigt und traurig. Sie wollte gehen. Ihre Eltern waren vielleicht inzwischen zu Hause. Da sah sie einen kleinen Jungen den Weg entlang kommen, der ihrem Sohn sehr ähnlich sah. Unwillkürlich starrte sie ihn an und dachte an ihr Kind, das in diesem Moment seine Mutter vermissen und weinen könnte. Sie sah einen Mann neben dem Jungen, der sein Vater zu sein schien, und dachte an ihren Mann. Sie fand es sehr schade, dass die beiden nicht mitkommen konnten. Sie hatte ihnen schon immer ihre Heimat zeigen wollen. Besonders diesen Kirschgarten. Sie fragte sich, wie sie überhaupt sieben Jahre im Ausland verbringen konnte, ohne einmal ihre Heimat zu besuchen. "Wahrscheinlich weil ich all die Jahre so glücklich war, dass ich mich sogar manchmal fragen musste, ob das alles wirklich wahr ist." Sie dachte an den letzten Geburtstag ihres Sohnes und an alle glückliche Gesichter am großen Esstisch. Sie dachte an den Tag vor zwei Jahren, als sie einen Job bekam, von dem sie nur hatte träumen können. Sie dachte an die wunderschöne Insel, auf der sie, ihr Mann und ihr Kind vor drei Jahren einen Sommer verbrachten. Sie dachte an die Geburt ihres Kindes vor vier Jahren. Sie dachte an ihre Hochzeit vor fünf Jahren. Sie dachte an die erste Nacht mit ihrem Freund vor sechs Jahren. Sie dachte an ihren erfolgreichen Vortrag. Sie dachte an den ersten Tag an der Uni vor sieben Jahren. Dann dachte sie an die Zugfahrt, mit der sie in jener Universitätsstadt angekommen war. Sie spürte wieder den frischen, kühlen Wind, der damals aus dem Fenster hinein blies und ihr Gesicht streichelte. Bloß fuhr sie jetzt in ihren Gedanken genau in die entgegengesetzte Richtung als vor sieben Jahren. Sie erreichte schließlich den schönen, kleinen Dorfbahnhof, an dem sie umgestiegen war. Sie sah vor sich die Fruchtgärten, die sich endlos ausstreckten. Dann befand sie sich in einer Kutsche, die einen Pfad zwischen Kornfeldern befuhr. Sie sah einen großen Basar mit atemberaubenden Stoffen. Sie sah wieder die Familie, die sie im Bus kennen gelernt hatte, mit dem sie die Wüste durchquerte. Sie sah die schönen, frischen Trauben in einer Oasenstadt. Sie sah, wie sie mit dem Rad einen Dorfweg hinunter fuhr. Sie spazierte am Fluss vorbei an den kleinen Imbissen, deren Lampen auf der schwarzen Oberfläche des Wassers weiß und rot leuchteten. Sie roch den Geruch der gegrillten Fische. Sie hörte die exotische Musik, die aus dunklen schmalen Gassen tönte. Dann saß sie in einem kleinen Omnibus, der langsam einen Bergweg hinauf fuhr. Da hörte sie plötzlich, wie mehrere Frauen- und Männerstimmen über ihrem Kopf in einer fremden Sprache durcheinander redeten. Sie fühlte, dass ihr Kopf fürchterlich heiß war. Sie konnte nichts deutlich sehen, als ob alles in dichtem Nebel läge. Nur verschwommen sah sie hinter dem Nebel Gesichter, die sie besorgt anstarrten. Über den Menschen sah sie die graue zerfallende Zimmerdecke. "Ja, ich habe im Bett gelegen. Ich war in jenem Dorf auf dem Berg krank geworden." Sie erinnerte sich, dass sie übernachtet hatte in einer alten, heruntergekommenen Berghütte, die ein Greis allein führte. Der Nebel vor ihren Augen wurde immer dichter. Das Grau der zerfallenden Zimmerdecke wurde immer dunkler. Die Stimmen der Menschen klangen immer leiser. Als es ganz dunkel und still war, sah sie dahinter etwas Helles, leicht Rosafarbenes. Es waren Kirschblüten. Die Blüten leuchteten genauso hell wie diese. Auf einmal erschütterte sie eine Frage: "Bin ich damals wirklich aufgewacht?"

Sie fühlte kein Körpergewicht mehr. Sie fühlte sich, als fänden ihre Hände auf dem Rasen keinen Halt, als gäbe es unter ihrem Körper keine Erde mehr. Sie spürte auf ihren Wangen keinen Windzug. Sie roch nichts. Mit zitternden Händen holte sie aus ihrer Handtasche einen Schminkspiegel und hielt ihn vor sich. Im kleinen, runden Spiegel sah sie, wie eine zierliche, leichtrosa Kirschblüte langsam zerfiel.

Miyuki Tsuji wurde 1968 in Osaka geboren. Nach einem Slavistik-Studium in Tokio reiste sie die Seidenstraße entlang bis nach Europa und ließ sich schließlich in Hamburg nieder. Außer Kurzgeschichten schreibt sie Texte für Comics und Reiseessays.

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00:00 13.04.2007

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