Fuck you, Uli Schötler

Alltag Als die Vögel auf Rügen starben und der Medienschwarm heraufzog, weilte unser Reporter am Ort des Geschehens. Ein Tatsachenbericht

Es ist Nichtsaison auf Rügen. In den Ostseebädern herrscht Atempause. Wirklich los und auch wieder nicht sonderlich viel ist in Sellin nur auf dem kleinen Eisrondell hinterm Seepark, in dem ich für eine Woche wohne. Ich erledige mein tägliches Schreibpensum, unternehme ausgiebige Strandspaziergänge, bin am Abend in der Gartenkneipe "Kleiner Weltfrieden".

Um 22 Uhr fallen sämtliche Klappen. Ich sitze wie die anderen Inselbesucher vorm Fernseher. Dort überbieten sie sich auf allen Kanälen in der Berichterstattung zur Vogelgrippe, die mit den Schwänen Deutschland ausgerechnet an der Wittower Fähre erreicht haben soll. Also unterbreche ich meinen Rhythmus und mache mich auf zum Ort des Geschehens.

Wie überhaupt nicht vorbereitet auf Anfragen zu Verkehrsverbindungen man auf Rügen ist, erfahre ich beim Versuch, eine günstige Busverbindung von Sellin nach Wittower Fähre gesagt zu bekommen. Die überforderte Auszubildende stöhnt ins Telefon, blättert, flüstert, zischelt, bejaht und verneint, hält die Luft an, gibt an, gefunden zu haben, verneint und atmet schließlich genervt aus. Ich soll wissen, dass gerade Nichtsaison ist, eine Menge Busse nicht verkehren, zusätzlich Ferien sind. Sie nennt mir nach über zehn Minuten eine Verbindung bis Trent. "Von da aus ist es wirklich nicht mehr weit", verspricht sie und gibbelt seltsam. Das gequälte Gibbeln ist so fragwürdig wie die Auskunftsschülerin insgesamt.

Frage besser niemanden, öffne die Tür, gehe hinaus und du stürzest von einem Abenteuer ins nächste, heißt es bei den Chinesen oder Türken. Die Vögel in der Luft finden ihre Wege auch ohne Auskunftszentrale und Busfahrplan. Wie ihre Vorfahren zu Zeiten, als auf Rügen noch mit dem Faustkeil gejagt wurde, nutzen die Tiere jahrtausendealte Luftrouten und gelangen im Schlaf ans Ziel ihrer jeweiligen Bestimmung. Sollte ich nicht zur Virusfähre kommen, habe ich Rügen von Ost nach West einmal vollständig gequert wie Fontane nie.

Ich beginne meine Fahrt 9 Uhr 42. Der Bus ist zu einem Drittel gefüllt, der Busfahrer überaus freundlich. Die Häuser in Sellin sind schwanenweiß, singe ich im Kopf, während der Bus erst einmal Sellin vollständig umrundet. Vier Haltestellen in einem winzigen Ort als wäre Saison. "Bergen 19 Kilometer" verheißt ein gelbes Hinweisschild vorm Selliner See. Auf dem See sind, soweit ich überblicken kann, keine gefährlichen Vogelkolonien auszumachen. Felder, Äcker und sonstige Freiflächen sind schneebedeckt. Die Decke ist teilweise aufgerissen. Olympische Winterspiele können hier nicht verlässlich abgehalten werden. Sonst wäre in der Nichtsaison Hochsaison. So stehen vereinzelte Rehe und grasen, wenn sie nicht äsen. Was wissen wir wirklich von den Tieren? Vor Lancken Granitz hockt ein Raubvogel auf einem gefrorenen Maulswurfhügel. Am Abend wird es in den Nachrichten heißen, dass einer aus der Familie sich ebenfalls die Grippe zugezogen hat.

Schwäne, Schwan, frage ich mich während der Busfahrt. Habe sofort Tschaikowskys Schwanensee im Hirn, eine klare Klarinettenmelodie, oft gehört. Höckerschwäne "gründeln" wie Schwimmenten, weiß ich. Wegen ihres langen Halses können sie Wasserpflanzen bis in einer Tiefe von einem Meter erreichen. Der Name Singschwan bezieht sich auf seinen melodischen Ruf. Die Überwinterungsgebiete des Singschwanes sind mitteleuropäische Gewässer. Er erscheint im Winter an der Nord- und Oststee. Schwäne sind ungenießbar. Kochst du einen Schwan und einen Ostseestein zugleich, ist eher der Stein gar als der Schwan, heißt es.


Rügen im Winter ist himmlisch anzusehen. Warum sich das nicht viel mehr Leute gönnen, ist mir unverständlich. Ab der Wendestelle Serams erstrecken sich herrliche Buchenwälder. Bäume wie nackte Leiber so schön. Da hat sich der sonst sehr verdienstvolle Sebastian Münzer aber mächtig geirrt, als er in seiner Schrift Cosmographie vom Jahre 1546 festhielt, dass "in Rugen kein holtz wechßt". Schon damals ist von vielen großen Gänsen der Vorzeit die Rede. Im Herbst sollten die Wälder Pilzparadies sein.

Die Busansagerin will eben über Tonband, den nächsten Halt verkünden, schon unterbricht sie der Busfahrer per Knopfdruck rigoros. Wir rauschen mangels Aus- beziehungsweise Einsteigender durch Dalkwitz und Karow. Der Bus muss nicht einmal zum Schein das Tempo drosseln, so eindeutig wie die Sachlage ist. Rechts links steht die kraftstrotzende Altbaumallee. Mancher Kerl von denen ist mit einem Unfallkreuz dekoriert.

Erster Halt in Bergen ist Bergen/Friedhof. In Bergen/Busbahnhof wird mir 20 Minuten Warte- und Bedenkzeit gewährt. Schwarze Krähen sitzen in laublosen Bäumen und schauen so harmlos wie bei Hitchcock die Vögel drein. Ein dunkler PKW mit dunklen Scheiben wendet am Warteplatz. Auf der Heckscheibe vier weiße Kreuze und die Aufschrift "2. Juni 2005", und fett drunter geschrieben: "Jetzt reicht es". Gemeint ist der fürchterliche Unfall, bei dem vier Jugendliche ihr Leben lassen mussten, weil ein alkoholisierter und unter Drogen wütender Crashpilot mit seinem Wagen sämtliche Verkehrsregel aufzuheben meinte und die Jugendlichen frontal abschoss.

Man bekommt es auf Rügen immer wieder mit Verkehr und Tod zu tun. Nun ist der Tod ein Singschwan in Deutschland, und ich bin zum Schwanensterben unterwegs. Wer wird seine Apotheke zukünftig noch nach einem Schwan benennen wollen, wer einen Greif im Wappen tragen? Auf der Naturbühne Ralswieck werden sich chaotische Publikumsszenen abspielen, landen ins liebliche Freiluftspiel plötzlich wild schnatternde Gänse. Überall, nahezu in die Landschaft gespickt, Hochstände, Jagdsitze. Wird man in Bälde zur Hatz auf sämtliches Flugvieh rufen? So wie die Medien dramatisieren? So wie Rügen auf Tourismus und Infektionsfreiheit angewiesen ist? Jede zu Eis gefrorene großflächige Pfütze ist, wenn man den Medien vertraut, ab heute eine potenzielle Gefahrenquelle.

Der nächste Bus fährt vor. Wir rauschen an Ranitz/Siedlung vorbei. Vor Kluis steigt ein junges Paar an einer langweiligen Wendeschleife aus. Die junge Frau ist schwanger. Der Freund trägt einen Wickeltisch unterm Arm. Es gibt sie noch, die Hoffnung und das Weiterleben, notiere ich und auch den Zuspruch des Busfahrers an das Paar zum heruntergedrehten Fenster hinaus: "Der Bus muss gleich kommen. Dauert nicht lange."

Die Gastwirtschaft an der Biegung auf Trent und der Fähre zu heißt "Kranichblick". Wie lange wird dieser Name für Qualität stehen und bürgen können? Es geht an Windrädern, Strommasten vorbei. Abzweig Silenz, und dann bin ich in Trent richtig angeschmiert. Es gibt keinen Anschlussbus binnen der nächsten drei Stunden. "Vier Kilometer", verrät das Hinweisschild am Ortsausgang.

"Ich brauche bis zur Fähre 35 Minuten. Weil wir es gewohnt sind", gibt der Radfahrer an, der mich motiviert, die Strecke auf dem Fuß- und Radfahrerweg anzugehen. Unter den vielen an mir vorbeisausenden Wagen zwei voranstürmende rote Kleinbusse. Satellitenschüssel auf dem Dach. Aufschrift news-equipe.com. Ihm nach spurtet ein tiefblauer PKW mit dem Logo Antenne Sowieso. Höhe Bushaltestelle Tribkevitz schießt ein rasender Pizzafeilbieter Richtung Wittower Fähre. Ein Bauer wurschtelt unbeeindruckt am Straßenrand inmitten großer Heuballen. Das Gehöft vor dem Abzweig Vaschvitz warnt jedermann vor dem beißenden Hund.

Als erster Medienbote auf dem Radweg erscheint ein Silberwagen von Reuters. Hinterm Lenkrad verschanzt der Reporter überm Laptop. Das mobile Telefon zwischen Schulter und Kopf geklemmt. Ein radfahrender Bauer überholt mich kopfschüttelnd angesichts der Menge Wagen in der Buswendeschleife vor der Fähre.

Alle Vögel sind schon da. Das Zweite. Das Beste am Norden. Phoenix. Autokennzeichen aus ganz Deutschland. Kameras, Scheinwerfer, Kabel, Stative, Koffer, Kisten, Trommeln, Kästen. Alles, wie es sich Schmittchens Lotte vorstellt. Aber da ist weiter nix als die Medienmaschinerie. Eine illustre Schar von Medienvertretern, Reportern, Kameraleuten, Fotografen.

Und neben der Hütte des Hafenmeisters, auf einem Stück schmutzig bräunlichen Winterrasen, ein junger grauer Schwan, soeben im Sterben begriffen. Wie bestellt. Und als hätten sie etwas gegen dessen billige Zurschaustellung, halten sich vier, fünf befreundete Schwäne still im Hintergrund.

Der sterbende Schwan berappelt sich kurz. Sein Hals aufersteht ein letztes Mal aus dem Gefieder. Das Haupt legt sich zur Seite. Die Fotografen überbieten sich, ein unverdrossener steht über dem Sterbenden, sucht das Zucken des Todes am brechenden Schwanenaugenlicht festzuhalten. Die Kameramänner haben ihre Bilder im Kasten und rücken ab. Ein Berichterstatter mummelt sich aus Mantel, Mütze, Schal. In Hemd und leichtem Lederjackett von einer Frau leicht am Gesicht betupft, leiert er seinen Text herunter, weist mit einer Kopfbewegung auf Schilf, Eisdecke, Freiwasser und anmutige Schwanenkolonien hinter sich. Aus dem Übertragungswagen werden jene zwei eingefrorenen Exemplare beigesteuert, die seit Tag und Stunde im TV präsentiert werden und längst symbolisch geworden sind. Nur wofür?


Ich teile die Fassungslosigkeit des Fährmannes, der nicht versteht. Ich teile die Fassungslosigkeit ob der Panikmache generell mit den Menschen auf Rügen. Gestorben wird unter Schwänen wie unter Menschenvölkern überall. Ob Winter, Hunger, Krieg, erregt sich ein Mann in Schaprode, wohin ich mit dem ersten, allerbesten Bus flüchte. Verrückt sind die, durchgedreht, Idioten, schimpft der Busfahrer. "Wenn du keinen drin hast", rät er seinem Kollegen, "fahr gar nicht erst hin. Kannst eh nicht wenden, so dicke wie die sich tun."

Nach ´45 hätten sie die schwarze Krähen vom Acker gesammelt und aufgegessen, behauptet die Verkäuferin im Kaufmannsladen. Nur der Gastwirt im Gasthaus "Keil", schweigt. Schweigend bringt er das Bier. Es ist kurz vor 14 Uhr. Zwischen 14 Uhr und 17 ist Pause. Eier kann er mir auf die Schnelle braten. Die Bratkartoffeln sind spitze. So mit Schinken, Zwiebelstücken. Die Gurke knackt zwischen den Zähnen. Das Bier kommt aus Stralsund. In einer Ecke ein paar wenige Fotos von früher, als es noch Professor Flimmrich gab, Dean Reed und den Oberindianer Gojko.

Ich bestelle Kümmel. Ich sage zum Gastwirt: "Auf ihr Wohl." Der hat die Hände auf dem Kassentisch gestützt und schaut zum Fenster hinaus zum Fähranleger nach Hiddensee, der noch nicht in die Schlagzeilen geraten ist. Die Dreiviertelstunde bis zum nächsten Bus verbringe ich in Schaprode.

"Steffani Krassow ist eine Lügnerin", steht da schwarz auf weiß geschrieben. "Fuck you, Uli Schötler", ist die zwei Mal unterstrichene Antwort. Verdammt noch mal. Ja, denke ich auf der Rückfahrt. Wehr dich, Rügen! Gib den Schötlers Kontra!

Von meinem Ausflug zurück, husche ich ins Künstlercafé "Alegria" zu Claudia und Manfred. Am Tisch der beiden Betreiber sitzt Miriam und freut sich. Der Backfisch ist sich bewusst, dass es irgendwie auch nicht in Ordnung ist, wenn sie sich so riesig für den Campus freut, wie sie sagt. "Reuters", jubelt sie, "die größte Agentur der Welt überhaupt, hat alle Bilder ungesehen von so einer popligen Filmgesellschaft wie der unseren gekauft."

Miriam würde gerne noch bleiben und in Ruhe Weißwein mit uns trinken. Sie ist ja so gespannt, was noch alles passiert. Mit der Winterschlafruhe auf Rügen ist es momentan aus. Ich genieße den kleinen Feierabend. Gute zehn Kilometer bin ich auf Schusters Rappen unterwegs gewesen, sage ich in die Runde, und habe das Gefühl, trotz der Gefahr um mich herum, an diesem Tag für mich und meine Gesundheit etwas getan zu haben.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 38/2020

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