„Fühlend verbunden“

Interview Gartenarbeit bleibt nicht folgenlos, Veränderung ist möglich. Das lehrt die Gartentherapeutin Ann-Marie Weber

Sie lebt in Hessen auf dem Land, versorgt sich bereits seit einigen Jahren mit Kartoffeln, Gemüse und Früchten aus eigenem Anbau und macht mit der Allmende Holzhausen e. V. Ernteüberschüsse aus der Region haltbar. Und sie arbeitet mit Schulklassen, jungen Menschen, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr machen, oder Erwachsenen. Dazu betreibt Ann-Marie Weber politische Bildungsarbeit: In Ackerführungen und Workshops zeigt sie die Grenzen unseres Wirtschaftsmodells auf und entwickelt mit ihnen gemeinsam Alternativen.

der Freitag: Frau Weber, Sie haben mal gesagt, das Gärtnern habe ein großes transformatives Potenzial. Was meinen Sie damit?

Ann-Marie Weber: Gärtnern ist ja Gestalten, eine Idee von etwas zu haben und dann darauf hinzuarbeiten. Wenn ich jetzt an die Bildungsarbeit denke, dann ist das genau das, was wir heute vermitteln müssen: Wir müssen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen weniger beibringen: Wie gehe ich nachhaltig mit Ressourcen um, sondern mehr: Wie gestalte ich eine Welt, die mit knapper werdenden Ressourcen einen guten Umgang findet. Wie gestalte ich die Transformation? Das ist genau so, wie man im Garten arbeitet, und deshalb als Prinzip übertragbar. Ich glaube, durch die Reflexion dessen, was man da tut, kann man es auch auf eine andere Ebene heben und sich bewusst werden, was man in der Welt noch tun könnte.

Sie haben an der Europäischen Akademie EAG/FPI die Ausbildung zur Gartentherapeutin im Integrativen Verfahren gemacht, wenn auch noch nicht die Abschlussarbeit geschrieben, weil Ihnen da die Geburt Ihrer beiden jüngeren Töchter dazwischenkam: Was nehmen Sie aus der Ausbildung mit?

Das Besondere an der Integrativen Therapie ist für mich, dass es darin nicht ausschließlich um den einzelnen Menschen geht, sondern ein Welt- und Menschenbild dahintersteht. Am FPI habe ich gelernt, uns eingebettet sehen zu können in das Ökosystem, als Teil davon. Der Garten als Medium ist in der pädagogischen Arbeit wertvoll und vielfältig nutzbar. Viele Bildungsangebote lassen sich an das Thema Ernährung, Landwirtschaft, an globale Themen knüpfen, um daran Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen.

Sie haben es für einen Workshop so formuliert, dass es heilsam für die Gesellschaft sei, eine gärtnerische Haltung einzunehmen.

Ich habe das mit dem Wort „Pflegnutzen“ beschrieben. Vor allem Gärtnerinnen und Gärtner wissen ja, dass das, was ich nutzen möchte, nur von Dauer ist, wenn ich da Pflege hineinstecke. Wenn uns das als Gesellschaft bewusster wird, dass wir Dingen, die wir als Nahrungsmittel bzw. als Lebensgrundlage brauchen, mit Pflege, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit begegnen müssen, dann ist ganz viel Heilung möglich. Dann beuten wir nicht mehr aus oder übernutzen, denn was bringt ein Garten, den man nicht mehr nutzen kann? Und genauso geht es uns ja mit der Welt …

Beziehen Sie sich dabei auf die Landwirtschaft?

Auch. Die Erosion zum Beispiel: Fruchtbarer Boden verschwindet. Aber ich meine das auch als Haltung allgemein. Ich kann diesen Gedanken genauso auf Kleidung übertragen. Ich muss pfleglich damit umgehen, wenn ich nicht ständig neue kaufen möchte. Und das Prinzip, ständig was Neues kaufen zu müssen, wenn etwas kaputtgeht, das erschöpft sich ja selbst. Vor dem Hintergrund der Endlichkeit von Ressourcen ist das eine Haltung der Welt gegenüber, die Transformation bedarf.

Zur Person

Im Leben von Ann-Marie Weber spielt das Gärtnern nicht nur auf dem Hof mit seinem halben Hektar Land, den sie mit ihrem Freund beackert, eine zentrale Rolle: So schrieb sie ihre Abschlussarbeit im Pädagogikstudium zur Gartentherapie, machte die Zusatzausbildung an der EAG/FPI und war Mitherausgeberin des Gartenkalenders taschenGARTEN

Damit ist für Sie Garten auf eine Art eine Projektionsfläche für das gestörte Mensch-Natur-Verhältnis oder dafür, wie sich dieses gestörte Verhältnis wieder heilen ließe?

Ja. Man könnte in diesem kleinen System prototypisch zeigen, wie man es an die Wand fährt. Man könnte aber auch zeigen, wie es anders geht, indem man etwa die Prinzipien der Permakultur in seinem Garten anwendet und merkt, wie viel geringer der Ressourcen- und Energieaufwand ist. Das ist natürlich viel leichter in einem kleinen System auszuprobieren und zu denken und dann auszuweiten auf das größere Ökosystem.

Oder die Gesellschaft?

Das meine ich. Für mich gibt es keine Ökologie ohne Menschen. Und dabei begreife ich sie wie Arne Næss als „Tiefe Ökologie“, in der alles auch fühlend verbunden ist.

Das klingt ein bisschen esoterisch …

Eigentlich nicht. Für mich ist die „Tiefe Ökologie“ durchaus politisch, denn wenn ich mich als Teil der Natur empfinde – und das nicht nur auf rationaler Ebene –, dann weiß ich viel besser, wofür ich kämpfe. Wenn ich die Gefühle zulasse, etwa bei Nachrichten über das rasante Artensterben, dann kann ich diese starken Emotionen umlenken und in Aktion treten. Darin liegt auch eine Kraft.

Geht es Ihnen bei Ihren Bildungsveranstaltungen in erster Linie darum, den Teilnehmern bewusst zu machen, dass über die Pflege ein Ertrag herauskommen kann?

Oder darum, zu zeigen, dass ich als einzelne Person auch eine Auswirkung auf ein ganzes System habe. Schon durch das Gärtnern an sich kann ich Selbstwirksamkeit erfahren. Ich sehe, was meine Intervention für Folgen hat. Und ich glaube, solche Resonanzerfahrungen gibt es heute kaum noch, dabei halte ich sie für wichtig! In der Bildungsarbeit kann ich den Einzelnen zeigen, was es für Möglichkeiten gibt, wirksam und transformativ zu werden, und stärke damit auch ein gesamtgesellschaftliches Potenzial.

Können Sie ein konkretes Beispiel dazu nennen?

Am Ende des letzten Sommers waren zwei Schulklassen zum Thema Klimawandel und regionale Ernährung mit uns auf dem Acker. Und obwohl wir uns hier im ländlichen Raum befinden, war ein Acker voll mit Lebensmitteln für den direkten Verzehr doch ungewohnt für sie. Denn so etwas gibt es hier kaum mehr. Gemeinsam haben sie dann Kartoffeln geerntet und direkt auf dem Acker gekocht und gegessen. Und danach sind sie dann über die vertrockneten Felder nach Hause gelaufen. Sie haben dadurch vielleicht mehr darüber verstanden, wo sie sind, wer sie sind und wie sie in ihrem System wirksam werden können. Und sie haben auch verstanden: Irgendjemand muss die Lebensmittel anbauen.

Inwieweit enthält Ihre politische Bildungsarbeit gartentherapeutische Elemente?

Im Endeffekt ist es die Haltung dahinter. (Hilarion) Petzold hat meine Betrachtungen mal „hypergartentherapeutisch“ genannt. Ich sehe die Notwendigkeit von Heilung, und ich sehe die Notwendigkeit von Transformation. Und das nehme ich mit in meine Bildungsarbeit. Es ist weniger Aufklären. Wissen zu vermitteln ist für mich eher ein Nebenprojekt. Ich möchte die Leute mitnehmen, bewegen, berühren und stärken für die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ich glaube, das braucht es. Die Menschen brauchen eine Stärkung, um die Dinge anpacken zu können und einen Glauben in ihr Potenzial zu entwickeln, zu verändern.

06:00 21.07.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 1