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Sachbuch Bérengère Viennots Buch über Trump liest sich, als habe er selbst diese Kritikerin erfunden
| Ausgabe 43/2019
Misslingen kann nur jenes Vorhaben, das von vornherein ein Ziel verfolgte
Misslingen kann nur jenes Vorhaben, das von vornherein ein Ziel verfolgte

Foto: Yuya Shino/Getty Images

Eigentlich wollte Ruth Wakefield eines schönen Tages im Jahre 1938 nur Schokokekse backen. Da sie aber kein Kakaopulver zur Hand hatte, nahm sie eine Tafel Schokolade, brach sie in kleine Stückchen und hoffte, sie würden im Ofen schmelzen, sodass ganz normale Schokoladenkekse dabei rauskommen würden. So entstanden, der Legende nach, Chocolate Chip Cookies. Obwohl Wakefield die Geschichte bestritt – sie habe von Anfang an eine neue Kekssorte kreieren wollen –, ist sie weitverbreitet in den USA. In meiner Kindheit in Michigan bekam ich sie oft zu hören. Immer, wenn etwas schiefging, erklärte mir meine Mutter, oft selbst Teig rührend, es sei häufig besser, wenn die Dinge anders ausgingen als erwartet.

So ähnlich ist es mit Bérengère Viennots Die Sprache des Donald Trump. Erwartet man das, was der Titel verspricht, kann man nur enttäuscht werden. Hätte das Buch einen anderen Titel, „Das Empfinden von Bérengère Viennot“ vielleicht, hätte man es gerne gelesen. Denn seine Stärke liegt in der Beschreibung der Empfindsamkeit im Zeitalter Donald Trumps.

Freude bereitet die Lektüre wegen der Dichte, in der die Geschehnisse der letzten Jahre wiedergegeben werden. Es ist nicht so, als hätte man Trumps Ausbrüche und Beleidigungen schon vergessen. Doch die Menschen, die wir vor vier Jahren waren, sind uns jetzt oft schon fremd geworden. Wir erinnern uns daran, wie wir das berüchtigte „grab them by the pussy“ hörten. Die Wut und die Übelkeit, die wir beim ersten Hören verspürt haben, sind aber nach all dem, was danach kam, nur noch eine ferne Erinnerung.

Viennot hat sich ihre Empfindsamkeit gut bewahrt. Und es ist auch ein großes Verdienst, uns an all den Stress und Groll der bisherigen Trump-Jahre zu erinnern. Denn solche Erinnerung brauchen wir, gerade heute, in dieser politischen Lage, um unseren Widerstand anzuspornen und unsere Solidarität mit denen, die von Trumps Reden und Handeln am härtesten getroffen werden, zu festigen.

Doch Viennots Buch beweist vor allem, dass man eine politische Lage tief fühlen kann, auch wenn man sie nur oberflächlich versteht. So nützlich diese Chronik der Gefühle Trump gegenüber sein mag, so unbeholfen bleibt die Analyse.

Man staunt manchmal beim Lesen. Weiß Viennot wirklich nicht, dass der Slogan „Make America Great Again“ schon von Ronald Reagan, Bill Clinton und beiden Bushs gebraucht wurde, bevor Donald Trump ihn sich aneignete? Hat sie wirklich den Eindruck, dass es „womöglich das konsensfähigste Element der amerikanischen Gesellschaft darstellt“, dass man über Sex nicht offen spricht, während man „Juden für lebensunwert ... Schwarze für minderwertig und Mexikaner für Vergewaltiger“ halten darf? Denkt sie wirklich, diese „Form der sprachlichen Zensur“ sei von „sämtlichen Gesellschaftsschichten verinnerlicht worden“?

Kekse! Ich will Kekse

Selbst in der gutbürgerlichen Kleinstadt, in der ich aufwachsen bin, selbst auf meiner katholische Grundschule hätte man eher mit einer ausführlichen Beschreibung seines Lieblingsdildos als salonfähig gegolten, als dass einem ein abwertender Spruch über schwarze Menschen über die Lippen gekommen wäre. In solchen Momenten liest sich Bérengère Viennots Buch so, als hätte Donald Trump selbst die Autorin erfunden, um sich über die Arroganz der Franzosen lustig machen zu können.

Es muss ja nicht schlimm sein, wenn irgendwas nicht gelingt. Viennot ist in ihrem Vorhaben, ein Buch über Trumps Sprache zu schreiben, genauso erfolgreich wie Ruth Wakefield in ihrem Versuch, Schokoladenkekse zu backen.

Schade ist nur, dass das Buch nicht anders verkauft worden ist. Hätte das Buch seine Stärken erkannt – nämlich die Beschreibung einer Gefühlslage –, so wäre es ein wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte. Ein psycholinguistischer Chocolate Chip Cookie sozusagen. In dem Bestreben aber, ihrem Vorhaben treu zu bleiben, übernimmt sich Viennot so sehr, dass die braunen Stückchen in diesem sonst sehr süßen Teig einem nur unappetitlich werden.

Info

Die Sprache des Donald Trump Bérengère Viennot Aufbau 2019, 154 S., 18 €

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