Führer in Formalin

Personenkult Die Verehrung von Mao Zedong hatte groteske Züge, „Maos Mangos“ erinnert an eine besonders bizarre Facette
Uta Baier | Ausgabe 23/2013

Die Geschichte klingt, wie von einem durchgeknallten, aber äußerst erfolgreichen Marketingprofi erdacht: Weil Mao Zedong (1893-1976) seine Mangos nicht essen mochte, wurden die Früchte zum Inbegriff seiner Liebe zum Volk. Mango-Wachsnachbildungen wurden in Reliquienschreinen ähnlichen Glaskästen aufbewahrt, bei Demonstrationen mitgeführt, auf Bettwäsche, Teller und Tassen gedruckt. Gedichte priesen die Mango-Gabe, ein Film zum Thema entstand. Für Politikberater ist „Maos Mango“ das perfekte Beispiel einer gelungenen Imagekampagne.

Denn Mao Zedong hatte seine Unlust, von den fremden Früchten zu kosten, clever kaschiert: Nachdem ihm der pakistanische Außenminister am 4. August 1968 eine Kiste von bis dahin in China nahezu unbekannten Mangos geschenkt hatte, ließ Mao sie zu den Arbeiter- und Bauernpropagandatrupps an die Qinghua-Universität in Peking bringen und unter ihnen verteilen. Da die Studenten leer ausgingen, wurde diese „kleine“ Geste als große Ehre für die Arbeiter verstanden. Mit der Mango-Gabe war nun klar, dass die Studenten verloren hatten und in Zukunft die Arbeiter und Bauern die Macht in China übernehmen würden. Zweifel an der Großherzigkeit Mao Zedongs kamen natürlich nicht auf. Und da auch Arbeiterregierungen Symbole brauchen, nahmen sie die Mangos, legten sie in Formalin, bildeten sie in Wachs nach und verehrten sie. Das „Mango-Fieber“ grassierte – zumindest eine Weile.

Diese kleine Episode in der langen chinesischen Geschichte wäre vielleicht vergessen, wenn es nicht Sammler wie die Kunsthistorikerin Alfreda Murck gäbe, die die Devotionalien dieser besonderen Mao-Zedong-Verehrung gesammelt und bewahrt hat. Kürzlich schenkte sie diese Sammlung dem Museum Rietberg in Zürich, das dem Mango-Kult jetzt eine Ausstellung (bis 16. Juni) widmet und zusammen mit Alfreda Murck ein interessantes und amüsantes Buch zum Thema herausgibt. Es sind zwar einige – wenig schmeichelhafte – Theorien über Sammler im Umlauf. Und aus der Sicht von Nicht-Sammlern mögen Sammler in der Tat komische Käuze sein. Fest steht, wir alle würden weniger wissen, weniger erfahren, weniger erkennen ohne Sammler. Dabei geht es nicht um den allzeit hoch geschätzten, bewunderten, gefeierten Kunstsammler. Sondern um die vielen anderen, die einen Blick für die kleinen Dinge, Auffälligkeiten und Ordnungsprinzipien des Lebens haben. So wie Alfreda Murck, die nicht nur Wachsmangos in Glaskästen, rote Bettwäsche mit strahlenumkränzten Mangos, Gedichte, Filme und Fotos gesammelt hat, sondern auch Erinnerungen an das „Mango-Fieber“. So erzählt in Maos Mangos. Massenkult der Kulturrevolution Wang Xiaoping, eine junge Frau, wie sie eine Mango im Glaskasten bekam. Eigentlich gehörte die Arbeiterin einer Werkzeugmaschinenfabrik zu den verachteten Menschen in China. Denn ihre Eltern waren bürgerlicher Herkunft. Wang Xiaoping durfte deshalb nicht studieren und musste als Dreherin arbeiten. Doch als die Mangos verteilt wurden, bekam auch sie eine Wachsnachbildung. „Für mich war die Mango wirklich etwas außerordentlich Schönes, und wenn ich sie betrachtete, empfand ich tatsächlich Gefühle tiefer Dankbarkeit, ließ sie mich doch für einige Tage Teil der revolutionären Arbeiterschaft sein“, erinnert sie sich mehr als 40 Jahre später.

So skurril und heftig die Mango-Verehrung war, so schnell war sie auch wieder vorbei. Nach dem Tod Mao Zedongs 1976 hatten auch die Symbole seiner Verehrung ausgedient. Alfreda Murck erzählt die Geschichte zweier Mädchen, die 1981 auf einer Müllhalde einige Wachsmangos fanden und mit dem Fuß nach Hause kickten. Ihr Vater zog Dochte ein, und so hatte die Familie während der üblichen Stromausfälle endlich ein wenig Licht in der Küche.

Maos Mangos. Massenkult und Kulturrevolution Alfreda Murck (Hrsg.), Scheidegger und Spiess 2013, 248 s., 34 €

Uta Baier ist freie Kunstkritikerin

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