Fünf Dinge, die anders besser wären

Status Quo Revolution statt Inflation, Automatisierung als Produktionshindernis, oder wie die Digitalisierung an dem kapitalistischen Ast sägt, auf dem sie sprießt

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Zum Kerngeschäft von Zentralbankern gehört es, Inflationserwartungen zu schüren oder zu dämpfen, je nach geldpolitischem Ziel. Der Chef der Bank of England, Mark Carney, ging kürzlich einen – logischen – Schritt weiter: Statt vor Inflations- warnte er vor Revolutionserwartungen. Die Digitalisierung, so Carney, bewirke, dass der Marxismus wieder relevant zu werden drohe: Die Automatisierung könne zu „Massenarbeitslosigkeit, Lohnstagnation und Rückkehr des Kommunismus innerhalb einer Generation“ führen. In diesem Sinne: Lang lebe die Digitalisierung!

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Doch halt. Bevor Sie sich zurücklehnen und den kommenden Weber-Aufstand der Sachbearbeiter abwarten, deren Job wohl als erster dran glauben wird – vielleicht war Mark Carney da ein klein wenig voreilig. Letzte Woche gab der Elektroautobauer Tesla bekannt, dass er seine Produktion für eine Woche aussetzen musste. Die Werktätigen wurden – zum zweiten Mal seit Februar – in den Überraschungszwangsurlaub geschickt oder unbezahlt freigestellt, um Probleme in der Produktion des Model 3 „auszubügeln“. Dieser ist in der Tat ein heißes Eisen: Grund für das fortgesetzte Nichteinhalten des von Tesla-Chef Elon Musk verkündeten Plansolls, hieß es, sei die „exzessive Automatisierung“.

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Und auch auf anderem Wege sägt die Digitalisierung an dem kapitalistischen Ast, auf dem sie sprießt. Ein Mitarbeiter der oben erwähnten Bank of England, Dan Nixon, mutmaßte schon im November letzten Jahres, das rätselhaft schwache Produktivitätswachstum der letzten Jahre habe mit zunehmender Smartphone-Nutzung zu tun: Viele Werktätige kämen gar nicht mehr dazu, zu arbeiten, weil sie von Facebook und Handyspielereien so abgelenkt seien. Das aber könnte heißen: Entweder frisst sich die Digitalisierung selbst auf, bevor sie zur Revolte führt. Oder aber die Maschinenstürmer kommen zu spät zu den Barrikaden, weil sie vorher noch ihren Facebookstatus updaten müssen.

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Solange ihnen nicht ein kotzendes Kamel dazwischenkommt. Dieses begann seine Karriere als satirische Weiterführung der Vorliebe technischer Finanzmarktanalysten, in ihre gefinkelten, aber meist wenig aussagekräftigen Kursdiagramme allerlei Formen hineinzulesen: Etwa ein „Kopf und Schultern“-Muster oder eine „Tasse mit Henkel“-Kurve. Die britische Journalistin Katie Martin fing 2014 zum Spaß damit an, in Kursdiagramme – zum Beispiel den Dollar-Pfund-Wechselkurs – ein kotzendes Kamel zu malen. Bis sie auf der Finanzseite TradingView eine ernst gemeinte Analyse des Bitcoinkurses als klaren Fall eines „vomiting camel pattern“ entdeckte: zwei Höcker, dann ein langsames Absinken den Hals entlang, bis der Kurs in einer kleinen Pfütze Erbrochenem zur Ruhe kommt.

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Unfreiwillig satirisch betätigt sich auch das deutsche Finanzministerium. In dem dort verfassten jährlichen „Stabilitätsprogramm“, in dem die Euroländer berichten, wie sich ihre Finanzen und Wirtschaft entwickeln, ist viel von Auf-schwung und Haushaltsüberschuss die Rede. Was hingegen elegant übergangen wird, sind Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse, im Ausland oft als Grund gefährlicher Schieflagen in der Eurozone angesehen: Im Stabilitätsprogramm kommen sie einfach nicht vor, genauso wenig wie „Exportüberschuss“ oder „Handelsbilanz“. Nicht einmal ignorieren, scheint die Devise zu sein: Was man leugnet, dagegen muss man auch nichts unternehmen.

06:00 09.05.2018

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