Fünf Dinge, die anders besser wären

Status quo Für Optimismus gibt es keinen Anlass in der Wirtschaft. Auch diesmal nicht
Fünf Dinge, die anders besser wären
Die Arbeitszeiterfassung gelang früher tatsächlich besser – nämlich genau

Foto: Michael Weber/Imago Images

Kollege Nowotny meinte neulich, die Fünf Dinge sollten doch nicht immer nur kritteln, nur mäkeln und murren, sondern auch mal was Positives schreiben! Vielleicht hat er sogar „Konstruktives“ gesagt, Sie kennen das, wenn alle Dämme brechen. Aber gut, wir wollen es versuchen. Vielleicht so: Eine britische Studie hat kürzlich dargelegt, wie CO₂-intensiv unsere Wirtschaft, und deshalb auch unser Arbeitsalltag, eigentlich ist.

Wollen wir einen Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzen, dann müssten wir alle unser Arbeitspensum drastisch herunterfahren, die Studie schätzt, auf neun Stunden pro Woche. Klingt doch o. k., oder? Ich weiß jetzt jedenfalls, wie mein Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels aussehen wird.

Helfen wird mir dabei das jüngst ergangene Urteil zur Arbeitszeiterfassung (der Freitag 21/2019). Ich muss ja wissen, wann ich in Zukunft immer nicht arbeiten werde! Nicht verstanden hat das Svenja Hofert, „Management- und Karriereberaterin“, die sich in der Welt über das Urteil des Europäischen Gerichtshofs auslassen durfte: Dass die Zeit, während derer Menschen ihre Arbeit verkaufen, erfasst und dokumentiert werden muss, passt ihr nicht. Wegen, Sie ahnen es, der „Digitalisierung“. Das Urteil bremse die schöne neue Arbeitswelt „mit gestrigem Denken aus“, führe zu „Kollateralschäden für den Fortschritt der Digitalisierung“. Letztere brauche keinen Arbeiter, der auf die Stechuhr schielt, sondern vielmehr einen „kreativen“ (der also die Arbeit seines Vorgesetzten gleich miterledigt), „empathischen“ (von „Serviceorientierung“ durchdrungenen). Einen, der „seinen Zeiteinsatz selbst steuern“ kann (sprich: auch abends und am Wochenende abrufbar ist).

Derlei Agitprop finden sie bei der Welt natürlich gut. Dabei hätte ein Blick aus dem Fenster Frau Hofert auf die Sprünge helfen können, was wirklich läuft in der Arbeitswelt. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums hat die Gehälter von Frauen zwischen 30 und 50 Jahren untersucht: Nur 10 Prozent verdienen mehr als 2.000 Euro netto. Und von den Frauen zwischen 30 und 50, die verheiratet sind, verdienen 63 Prozent weniger als 1.000 Euro. Von wegen also Digitalisierung, das ist eine Zeitreise in die westdeutschen 1950er Jahre! Und eine Direttissima in die Altersarmut.

Wenn Sie ein Mann sind und trotzdem verhindern wollen, dass Sie von Ihrer Rente leben können, empfiehlt es sich, bei Amazon anzuheuern. Der Versandhändler hatte im September 2018 sein zwölftes Auslieferungszentrum in Deutschland eröffnet, in Hamburg. Erst jetzt, im Mai, lud Amazon die Presse ein, um mit ihr diese Eröffnung zu feiern. Warum die Verzögerung? Wegen des Weihnachtsgeschäfts, das sei Amazon „heilig“, und da wolle man die Beschäftigten nicht stören. Ebenso wenig will Amazon seine Angestellten ja bekanntlich mit einem Tarifvertrag behelligen.

Oh, es tut mir leid, ich bin hier wohl doch wieder ein bisschen ins Lästern und Meckern verfallen. Das wird nicht nur den Kollegen Nowotny betrüben, es könnte auch sein, dass ich dadurch im „Stakeholder Mapping“ lande. So nennt sich – welch wunderbarer Euphemismus – eine schwarze Liste, die der Saatgutkonzern Monsanto geführt haben soll. Bayer hat das Glyphosat-Fass ohne Boden, als welches sich Monsanto entpuppt hat, ja für teures Geld gekauft. Im Preis inbegriffen waren dabei schwarze Listen von Journalistinnen und Journalisten, die sich kritisch über Monsanto geäußert hatten.

06:00 12.06.2019

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