Für Aktivistxs

Peinlichkeit Wer wissen will, wie man Debatten über Genderfragen mit Humor führt, sollte sich die US-Serie „Transparent“ anschauen
Ekkehard Knörer | Ausgabe 49/2014 11

Es soll ja Menschen geben, die finden, dass wir gerade wichtigere Probleme haben, deshalb sei die aktuelle Aufregung im Feuilletondorf noch einmal rekapituliert: Es gibt da also jemanden, nicht der und nicht die sich den Vornamen Lann gegeben hat, sich weder als Frau noch als Mann begreift und darum auf nichtihrernichtseiner Uni-Webseite bittet, nicht als Professorin oder Professor, sondern als Professx (gesprochen Professix) adressiert zu werden.

Das kann man merkwürdig finden. Es wäre sogar sehr merkwürdig, wenn man es nicht merkwürdig fände. Weil man das ja noch nie gehört hat. Weil das wie Asterix und Obelix klingt. Weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt sich im größeren Ganzen danach richten wird, sehr nahe bei null liegt. Weil Professx ja vielleicht noch praktikabel erscheint, aber „einx schlaux Sprachwissenschaftlx“ so gar nicht. Und in der Tat, die Welt fand und findet es merkwürdig. Man blickt irritiert, man streitet und stritt, und Professx Lann Hornscheidt streitet für xen Vorschlag gern zurück. So weit, so Streitkultur und Debatte.

Es kam aber leider, was in Gendersachen gern kommt. Die Beschimpfungen wurden wüst. In den Kommentarthreads drückte die Scheiße brodelnd nach oben. In den Medien ritt das Fähnlein „Gesunder Menschenverstand“ immer wieder schnaubend ins Bild, wie bei Monty Python die Spanische Inquisition. Ganz rechts wird was von „Staatsfeminismus“ und „verbaler Vergewaltigung“ gebrabbelt und 70 Akademiker fordern in einer Sprache, bei der einem wirklich anders wird, vom Universitätspräsidenten der HU, dx Professx aus dem Universitätsbetrieb zu „entfernen“. Es wird dem Duden gehuldigt, der niemandem etwas vorschreiben kann, auf den sich aber die, die gern vorschreiben möchten, als quasi-göttliches Gesetz berufen. Abgesehen davon, dass der Brief der 70 voller Rechtschreibfehler ist, besteht ja überhaupt das Paradox darin, dass die, die in solchen Fällen am lautesten Freiheit schreien, gerade die Freiheit, Sachen anders zu machen, nicht zulassen wollen.

Humorlose Achtundsechziger

Die Geschichte geht so weiter, dass Antonia Baum in der FAS in einem Porträt „Profx“ Lann Hornscheidt verteidigt, wobei sie aus den (jedermann zugänglichen) Facebook-Threads von Ulf Poschardt zitiert, in denen schlimme Entgleisungen stehen. Poschardt scheint jedoch weniger über die Entgleisungen als über die Zitate empört. Robin Detje fährt daraufhin in einer scharfen Polemik bei ZeitOnline übers Fähnlein „Gesunder Menschenverstand“, Hashtag Ulfharaldjanmatthias, was zu bislang über 1.000 Kommentaren geführt hat. Damit ist immerhin klar, dass hier nicht nur Journalisten meterweise Metatext produzieren. Die Aufregung erfasst schon weitere Kreise

Nächste Phase: Rahmen aufziehen, Generaldiagnose. Es fehle in diesen Debatten der Humor: „Wir Deutschen sind zu protestantisch, findet Poschardt, hier zu lesen als Code für: „Die humorlosen Achtundsechziger sind schuld mit ihrem Weltverbesserungsfuror.“ Das machen die Gegner der sogenannten PC ja gern: den politischen Veränderungswillen der Grünen oder der Linken als moralinsaure Volkserziehung zu denunzieren. Anders gewendet wird der Vorschlag interessanter: Wozu soll Humor in solchen Debatten eigentlich gut sein? Als probates Entspannungsmittel?

Ja, vielleicht, es ist sicher wahr, dass es unter den Gender-Aktivistx manch Rechthaberei und Verbissenheit gibt, was weder ihnen noch ihrer Sache guttut. Auch Selbstironie ist gewiss eine Tugend, aber nicht weil sie die Überzeugung von der Richtigkeit des eigenen Tuns im Streit um die Sache oder überhaupt die Idee von einer besseren Welt relativiert, sondern weil sie anzeigt, dass man sich selbst nicht für den Nabel dieser Welt und die eigene Position nicht für die einzig denkbare hält.

Im Widerspruch zu Political Correctness stehen Humor und Witz aber nicht. Nichts ist verkehrter als die Behauptung, es gehe bei der Forderung nach politisch korrektem Verhalten und Denken um willkürliche Vorschriften und Verbote. Political Correctness kann nämlich nur etwas sehr Einfaches heißen: begreifen, dass Differenz existiert; sehen, dass man dem Anderen die eigene Sicht der Dinge nicht aufzwingen kann; wissen, dass Differenz immer auch Asymmetrie von Macht- und Mehrheitsverhältnissen impliziert; und als simple Konsequenz aus dieser Einsicht zu fragen: Was bewirkt bei denen, die nicht in meiner Situation sind, was ich sage und tue? Oft genug heißt das: Man gesteht sich ein, dass man nicht recht weiß, welches Sprechen und Tun jetzt das Angemessene wäre.

Nun ist aber, was fremd oder unverständlich ist, was man nicht begreift und von dem man nicht weiß, wie man sich dazu am besten verhält, tatsächlich nicht selten: recht komisch. Das ist das alte Wesen der Komik: Sie ist eine Sonde, die auf Differenz und auch auf Unsicherheit über das gerade angezeigte Verhalten reagiert. Das Stupide am deutschen Comedy-Kabarettismus besteht nun darin, dass er Gender- wie alle anderen Differenzen gern nur hinstellt, sich darüber mokiert und sie so zum Klischee zementiert: eine Schenkelklopferallianz, die von Dieter Nuhr bis Mario Barth weltanschauliche Unterschiede problemlos überbrückt. Vieles davon ist ein Humor, bei dem Privilegierte die weniger Privilegierten verlachen, was natürlich das Gegenteil von befreienden Wirkungen hat.

Es geht aber anders. Und Amerika hat es da mal wieder besser. Natürlich toben auch dort Kulturkämpfe um Race, Gender, Political Correctness und Hate Speech. Im Vergleich zu den dortigen Kämpfen ist die Hornscheidt-Debatte sogar eine beinahe gesittete Auseinandersetzung. Aber es wächst das Rettende auch: Die hochkomischen Male-Gender-Ängste eines Louis C.K. sollten eigentlich auch die deutschen Maskulinisten erfreuen, wären sie nicht in der Mehrzahl so verbohrte antifeministische Mimosen und Säcke.

In Lena Dunhams Girls ist der (Hetero-)Sex meist so schmerzhaft und peinlich, wie er eben auch komisch ist. Und dann kommt, ausgerechnet von Amazon produziert, eine Serie wie Transparent daher, die den Trans-, Queer- und Gender-Differenzlagen das Komische abgewinnt und sehr sicher auf dem Grat zwischen öder Überkorrektheit und denunzierenden Grobheiten spaziert.

Drei erwachsenen Kindern stellt sich in Transparent (lies: trans-parent) die Frage: Wie reagiert man auf einen Vater, den man unerwartet in Frauenkleidern erwischt? Der dann darauf insistiert, nicht Mort, sondern Maura, nicht mehr Papa, sondern eher noch eine (obendrein jüdische) Mama zu sein. Die drei Kinder sind ihrerseits nicht von Gender Trouble verschont: Der Sohn ist ein heteronormativer sex addict, die eine Tochter erlebt zur eigenen Überraschung ihr lesbisches Coming-out, die andere Tochter experimentiert mit Gender Studies und verguckt sich in einen bärtigen Trans ohne Schwanz. Wie man die Sache mit dem Sex dabei handhabt, weiß sie nicht so genau. Mit der Folge, dass ein glitschiger roter Dildo auf einer öffentlichen Toilette zum Slapstick-Objekt wird – und das Ganze leider ziemlich nach hinten losgeht. Wie in vielen US-Comedy-Serien ist das Komische mit dem Peinlichen im Verbund. Kein Zufall, weil beides Differenz signalisiert, das Wissen darum und gleichzeitig die soziale Unsicherheit in der Frage, wie man darauf reagiert. Komik entsteht in der avancierten US-Comedy eben gerade nicht da, wo einer es ganz genau weiß. Sie zeigt im Gegenteil Unsicherheit an und führt vor, wie man sich in dieser Unsicherheit bewegen kann: Lachen über Peinliches kann sehr wohl verbinden. Und wir sind alle sehr oft recht peinlich.

Experimentalreaktionen

Transparent spielt das für Trans-Fragen durch, wie es die ebenfalls neue Sitcom Black-ish ebenso komisch für Race-Fragen tut. Was beide und viele weitere amerikanische Serienformate zum grundsätzlichen Vorbild fürs Nachdenken über soziale Differenzlagen macht, ist, dass sie die Angst vor Peinlichkeiten und Schmerzgrenzen testen, das Peinliche nicht meiden, sondern mit großem Fleiß suchen; und dass sie vorführen, dass politisch korrektes Verhalten nicht immer gelingt, sondern oft verrutscht, missrät, ins Komische führt. Oft ist das böse, denn auch in der Realität sind Differenzen in machtbestimmten Situationen meist nicht zum Lachen. Aber Witz, Humor, Komik sind nicht die Reaktion aufs Kommando, sich jetzt mal bitte endlich locker zu machen. Sie sind vielmehr das, was Experimentalreaktionen auf schwierige Lagen überhaupt erst ermöglicht. Darum, und um nichts anderes, geht es bei den Wörtern mit x.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.12.2014

Ausgabe 40/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 11

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community