„Für die Armen wird es zu heiß“

Interview Wer einen Pool im Garten hat, muss sich vor Extremwetter kaum fürchten, sagt der Transformationsforscher Bernd Sommer
„Für die Armen wird es zu heiß“
Schland unter: Der Klimawandel trifft auch hier die Schwächsten am härtesten

Montage: der Freitag, Material: iStock

der Freitag: Herr Sommer, wird die Sonnencremeindustrie in Deutschland vom Klimawandel profitieren?

Bernd Sommer: Na ja, die globale Erwärmung hat nicht zur Folge, dass überall die Sonne häufiger scheint. Wetterextreme nehmen zu. Es kann öfter zu Hitzewellen kommen, in einigen Regionen Deutschlands aber auch zu verstärktem Niederschlag. In der Summe denke ich nicht, dass das den Absatz von Sonnencreme übermäßig beeinflussen wird.

Welche Folgen des Klimawandels, sind uns noch gar nicht bewusst?

Der Arabische Frühling hat mit Hungerunruhen begonnen. Es gab zu dieser Zeit Hitzewellen und starke Dürre in China und Russland, was den Export von Getreide erschwerte und in den Maghreb-Staaten die Lebensmittelpreise ansteigen ließ. Das wiederum destabilisierte das politische System. Es gibt Wissenschaftler, die ausgerechnet haben, dass diese Hitzewelle nicht eingetreten wäre, wenn die Erdtemperatur nicht um ein Grad gestiegen wäre. Das heißt, das Ganze ist wahrscheinlich eine mittelbare Folge des Klimawandels, welche zu einer Destabilisierung der Lebensverhältnisse geführt hat, deretwegen Menschen nach Deutschland geflüchtet sind. Die Wirkungszusammenhänge des Klimawandels sind aber multikausal und komplex. In einem Land wie Deutschland hat der Anstieg der Getreidepreise nicht zu diesen Folgen geführt.

Nun gehen hier Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Geflüchtete. Ist damit zu rechnen, dass dies noch gravierendere Ausmaße annimmt?

Mir fällt es schwer, diesbezüglich eine Prognose zu treffen. Aber was wir bei autoritären Bewegungen weltweit beobachten, ist, dass es um die Absicherung eines Status quo geht. Der Soziologe Stephan Lessenich spricht in diesem Kontext von „Externalisierungsgesellschaft“: Wir haben die Folgen unseres Wohlstandes ausgelagert und jetzt kommen sie wie ein Bumerang zurück. Das Perfide ist, dass es sich sowohl bei der AfD als auch bei Donald Trump um jene handelt, die den Klimawandel leugnen. Die Insel der Glücksseligen soll gesichert werden, die Festung ausgebaut und der Wohlstand auf Kosten anderer verteidigt werden.

Zur Person

Bernd Sommer, 41, ist Leiter des Bereichs Klima, Kultur und Nachhaltigkeit am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research der Europäischen Universität Flensburg. Mit Harald Welzer hat er das Buch Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne herausgegeben

Wie wird das Leben auf der Insel der Glücksseligen in Zukunft?

Unser Arbeitsleben ist durch Hypermobilität gekennzeichnet. Heute wohnt man im Speckring von München und pendelt jeden Tag in die City. Was aber machen wir, wenn Stürme die Bahnstrecken lahmlegen? Dieser Herbst ist ein gutes Beispiel. Ich fahre viel Zug und hatte diesen Herbst drei große Sturmerlebnisse, die den Bahnverkehr störten. Durch Stürme wird die Hypermobilität, die zu unserem Lebensstil gehört, ein Stück weit dysfunktional.

Welche gesundheitlichen Folgen birgt der Klimawandel?

Man kann beobachten, dass während der Hitzewellen Leute sterben, vor allem alte und kranke Menschen. Und unsere Bauweise entspricht nicht der von Regionen, die schon längst mit Hitze umgehen müssen. Dort sind Häuser mit kleineren Fenstern Usus, um nicht zu viel Licht und Wärme eindringen zu lassen. In Deutschland dagegen sind gerade bodentiefe Fenster im Trend. Wenn hohe Temperaturen zunehmen, müssen sich Habitus und Lebensweise der Menschen ändern. Wenn Sie etwa ein Freizeitjogger sind, der gerne in der Mittagszeit laufen geht, dann wird das zunehmend gefährlich, denn das kann zu einem Herzstillstand führen.

Tropische Krankheiten werden hier heimisch ...

Solche Zusammenhänge sehen wir jetzt schon bei Zecken, die Krankheiten übertragen. Aufgrund der klimatischen Bedingungen wandert das Risiko von Süden nach Norden. Es ist logisch, dass Mückenarten hier heimisch werden, denen es bislang nicht warm genug war. Aber auch Stürme sind ein Problem, da die Gefahr steigt, von einem fallenden Ast oder Blumentopf erschlagen zu werden.

Die Versicherungswirtschaft beschäftigt sich schon intensiv mit den Folgen des Klimawandels.

Es wird in Zukunft unglaublich schwer für die Versicherer, verlässliche Prämien zu berechnen. Sie werden immer eine Versicherung finden, aber halt nicht zu einem Preis, den sich jeder leisten kann. Denn der angebotene Schutz muss ja realistisch sein. Ein Beispiel: Die Atomkraftwerke in Deutschland waren nicht versichert, obwohl man Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensgröße von Unfällen berechnen kann. Aber die Schadensgröße war so groß, dass kein Versicherer der Welt auf die Idee gekommen wäre, das abzusichern. Der Soziologe Ulrich Beck hat darauf hingewiesen, ohne Versicherung sei es in Deutschland nicht erlaubt, mit einem Mofa am Straßenverkehr teilzunehmen, wohl aber, ein Atomkraftwerk zu betreiben. Die Gefahr liegt in der Häufung von Extremwetterereignissen. Wenn es überall auf einmal brennt, kollabieren auch die Feuerversicherungen.

Ungut, wenn es dann häufiger zu großen Waldbränden kommt.

Ja, vor allem Brandenburg wird von Hitze und Dürre in den Sommermonaten betroffen sein. Jedoch kommt es darauf an, wie man sich an den Klimawandel anpasst. Monokulturen mit Fichten sind natürlich extrem anfällig für Waldbrände. Deswegen werden vermehrt Mischwälder angepflanzt. Dennoch gibt es eine starke Wechselwirkung zwischen Wärme, dem Befall von Schädlingen und toten, ausgetrockneten Bäumen. Es gibt einfach keinen Kausalmechanismus. Viele vergessen jedoch, dass Anpassungen an den Klimawandel bereits laufen. Selbst wenn die Folgen dann irgendwann nicht so sind wie befürchtet, dann heißt das nicht, dass der Klimawandel kein großes Problem war. Man hat sich nur eben schon 40 Jahre zuvor darauf vorbereitet.

Wie kann sich denn der oder die Einzelne vorbereiten?

Es gibt doch längst diese typischen individuellen Anpassungsmaßnahmen: Man stellt den Ventilator auf oder schraubt die Klimaanlage an das Haus, weil es ansonsten unerträglich ist. Das Fatale an der Geschichte: Gerade diese Kühlungstechnologie ist selbst auch wieder ein Treiber des Klimawandels, unter anderem aufgrund des Stromverbrauchs. Man kühlt zwar seine Wohnung, heizt damit aber das Treibhaus Erde weiter auf. Ulrich Brand und Markus Wissen haben das in einem aktuellen Buch sehr trefflich beschrieben ...

Titel: „Imperiale Lebensweise“.

Ja, und das ist letztlich dieses SUV-Phänomen: Die Leute fahren schwere Autos, obwohl sie die Folgen für das Klima kennen. Man schafft sich da selbst seinen eigenen Kokon. Aber halt auf Kosten anderer. So ist das auch mit individuellen Anpassungsstrategien, wie sie hier definitiv zu beobachten sein werden. Die Wohlhabenden leben wahrscheinlich sofort in einer klimatisierten Wohnung. Aber die, die schon jetzt unter Energiearmut leiden, ihre Stromrechnung nicht bezahlen können und auch sonst in prekären Lagen leben, sind die Letzten, die sich mit solch individuellen Erleichterungsstrategien helfen können.

Der Klimawandel führt zu noch viel mehr sozialer Ungleichheit.

Umweltprobleme wie der Klimawandel sind Katalysatoren der sozialen Ungleichheit. Wenn Sie zu den ärmeren Teilen der Bevölkerung gehören, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie an einer stark befahrenen Straße wohnen, sehr viel höher. Das Umweltbundesamt hat dokumentiert, dass bei unter Dreijährigen der Bleigehalt im Blut bei der untersten Einkommensschicht deutlich höher ist als bei den höheren Einkommensklassen. Und zwar, weil sie an Wohnorten leben, die stark befahren sind. Auch die extreme Hitze wirkt sich je nach Klassenzugehörigkeit aus.

Wie genau?

Wenn Sie arm sind, leben Sie in alten Gebäudebeständen mit vielen Personen in kleinen, meist akklimatisierten Räumen. Als Wohlhabender hingegen leben Sie auf viel mehr und im Idealfall klimatisiertem Raum. Dann haben Sie einen Garten, vielleicht sogar einen Swimmingpool. Da lässt es sich dann auch bei 40 Grad aushalten. Zu heiß wird es also vor allem für die Armen.

Sind Sie ein Pessimist?

Ich würde mich zumindest nicht als Optimisten bezeichnen. Aber zugleich halte ich auch Katastrophismus für problematisch, da dieser vielleicht bestimmte politische Lösungen hervorruft, die durchaus schlimme Folgen haben können. Die eigentliche Problematik liegt darin, dass unsere modernen demokratischen Gesellschaften nicht in der Lage sind, mit dem Klimawandel in einer Form umzugehen, die es den Menschen heutiger oder künftiger Generationen möglich macht, von den Folgen verschont zu bleiben. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sich das kurzfristig ändert.

06:00 17.11.2017

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