Für ein Leben nach dem Wachstum

Zukunft Deutschland zittert vor dem Abschwung und die ganze Welt bangt mit. Doch statt Investitionen oder Sparpolitik brauchen wir endlich neue Konzepte
Beate Littig | Ausgabe 43/2014 31

Die Angst vor der Rezession geht um. Nach den deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten und dem IWF hat inzwischen auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose gesenkt: auf 1,2 statt 1,8 Prozent (2014) und 1,3 statt 2,0 Prozent (2015). Die Auftragslage der deutschen Industrie hat sich verschlechtert, der Konsumklimaindex ist rückläufig.

Wie reagieren Politik, Ökonomie und Medien darauf? Mit altbekannten Mustern: Mehr Investitionen fordern die einen, die Beibehaltung der Sparpolitik verteidigen die anderen. In einem zweifelhaften Sinne „originell“ war noch die CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt mit ihrem Angriff auf die geplante Frauenquote: Sie ermahnte die Frauen, in Krisenzeiten den Männern die Arbeitsplätze zu überlassen.

All dies geht am Kern des Problems vorbei. Fakt ist, dass sich das Wachstum in den meisten früh industrialisierten Ländern bereits seit den 1970er Jahren verringert hat. Die allenthalben beschworene Hoffnung auf steigende Wachstumsraten zur Abwehr drohender Wohlstands- und Arbeitsplatzverluste sind Ausdruck der Verzweiflung des ökonomischen Mainstream-Denkens. Daran ändert auch der Verweis auf eine neue, nachhaltige Dimension von Wachstum nichts, wie ihn dieser Tage das Bundesforschungsministerium mit einer neuen „Green Economy Agenda“ bemüht und damit die „Chance für eine international wettbewerbsfähige, umwelt- und sozialverträgliche Wirtschaft“ nutzen will.

Grünes Wachstum ist keine Lösung. Die Green Economy wird ihren eigenen Ansprüchen, einer globalen Win-Win-Situation in Sachen Ökonomie, Ökologie und soziale Teilhabe aller, nicht gerecht. Durch Investitionen in öko-effiziente Technologien ist allenfalls eine Modernisierung des globalen Kapitalismus zu bewerkstelligen, die nur einigen Volkswirtschaften und dort nur den aufstrebenden Mitteschichten zugutekommen wird. Jene Technologien machen Natur zu einer Ware und strukturieren die Ökosysteme nach ihrer Verwertbarkeit: Enteignung und Umsiedlung armer Bevölkerungsgruppen zugunsten des Anbaus von Soja, wie er für den Biosprit angeblich nachhaltiger Verkehrssysteme gebraucht wird, oder für die Errichtung von Megastaudämmen, die „grünen Strom“ produzieren sollen, sind nur zwei Beispiele unter vielen.

Was also tun, wenn wachstumsfixierten Gesellschaften das Wachstum abhandenkommt und ihnen vermeintlich die Arbeit ausgeht? Wie weiter, wenn die Zeiten des Wachstums vorbei sind und wir uns also ernsthaft mit einer Gesellschaft in Zeiten des Postwachstums befassen müssen?

Aus der aufkeimenden Degrowth-Bewegung gibt es darauf unterschiedliche Antworten: reformistische, neomarxistische, feministische oder grün-alternative etwa. Was sie alle eint, das sind folgende Punkte: eine generelle Arbeitszeitverkürzung auf höchstens 30 Wochenstunden, die Umverteilung der vorhandenen Erwerbsarbeit also. Die Erweiterung des herrschenden Arbeitsbegriffs – und zwar auf die gesamte gesellschaftlich notwendige Arbeit. Hierfür müssen wir das breite Spektrum der vor allem von Frauen geleisteten Ver- und Fürsorgearbeit, informelle Eigenarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten gegenüber der Erwerbsarbeit aufwerten und sie zuallererst als sozialversicherungspflichtig anerkennen.

Weniger Erwerbsarbeit

Um die Übergänge zwischen den verschiedenen Tätigkeitsbereichen abzusichern, bedarf es einer destigmatisierten Grundsicherung. Eine ökologische Steuerreform muss den Faktor Arbeit entlasten: Die Besteuerung von Ressourcen- und Energieverbrauch schafft Kostenwahrheit und sorgt für eine radikale Absenkung unseres destruktiven Verbrauchsniveaus.

Weniger Erwerbsarbeit bringt mehr Zeitsouveränität. Genau die ist nötig, um unser Leben, Wirtschaften und Arbeiten künftig in gemeinschaftlicher, vorsorgender und sozial gerechter Weise zu organisieren. Ohne Zweifel: All dies kommt im Vergleich zu tradierten Maßnahmen einem sozialen Experiment gleich. Doch ohne die Anerkennung unserer ökologischen, ökonomischen und existenziellen Grenzen wird es nicht gehen. Nur so können wir uns vom geltenden Wachstumsbegriff lösen, um tatsächlich die Sorge um ein gutes Leben für alle in den Mittelpunkt zu stellen.

Beate Littig leitet die Abteilung für Soziologie am Institut für Höhere Studien in Wien und forscht etwa zu Gender- und Arbeitsfragen

06:00 23.10.2014

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