Für ein neues Land

Krim-Krise Viele deutsche Linke denken leider in alten Nationalismen: Was in der Ukraine jetzt wirklich zu tun ist
Anna Veronika Wendland | Ausgabe 15/2014 41
Für ein neues Land
„Für Linke kann es im heutigen Russland keine Verbündeten geben“
Foto: Nikolay Doychinov/ AFP/ Getty Images

Linke haben eigentlich eine Schwäche für Migrationsgeschichten. Fasziniert hören sie der Piratin Marina Weisband oder der Schriftstellerin Katja Petrowskaja zu, wenn die von ihren Kiewer jüdisch-russisch-ukrainischen Wurzeln erzählen. Aber das Land selbst, das diese beiden Biografien hervorgebracht hat, lässt viele merkwürdig kalt. Nach wie vor wird über die Ukraine fast ausschließlich in nationalen Kategorien gesprochen: Ost gegen West, Russen gegen Ukrainer. Ein zerrissenes Land ist das verbreitetste Bild. Erstaunlich viele übernehmen dabei die russische Lesart: Ist es nicht legitim, dass sich Wladimir Putin um das Wohl seiner „russischen“ Konnationalen sorgt? Wird Russland nicht seit Jahren vom Westen eingekreist?

Die Wirklichkeit vor Ort lässt sich in diese binäre Logik nicht einpassen. Frau Weisband verteidigt den Majdan als Aufstand der Zivilgesellschaft gegen ein korruptes, autokratisches Regime. Ihre Muttersprache ist Russisch. Wie das geht? Weil multiple Identitäten und Zweisprachigkeit in der Ukraine Normalität sind. Und weil die Muttersprache nicht allein die soziale Identität und politische Präferenz bestimmt.

Pluralität des Alltags

Diese Pluralität ist ein Ergebnis der Urbanisierung und Modernisierung seit dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Prozess verlief selbstverständlich nicht konfliktfrei – Russisch war ja die sowjetische Hegemonialsprache, die politisch durchgesetzt wurde –, gleichzeitig aber brachte er eine reiche Geschichte von Aneignung, Migration, Wandlungsfähigkeit und kreativem Sprachwechsel inmitten binationaler Familien hervor. Meine Kiewer Schwägerin, die während der blutigen Auseinandersetzungen geholfen hat, Verletztentransporte zu organisieren, spricht im Alltag Russisch, aber schreibt Gedichte in ihrer Kindheitssprache Ukrainisch.

Kiew ist eine zweisprachige Stadt. Die politischen Diskussionen der vergangenen Wochen wurden in der Öffentlichkeit zu einem guten Teil auf Russisch geführt. Auch in südostukrainischen Städten wie Odessa, Saporischschja oder Dnipropetrowsk spricht man vorwiegend Russisch, trotzdem will sich dort kaum jemand von Russland befreien lassen. Deshalb ist die Übernahme der ostukrainischen Gebiete vorläufig gescheitert, obwohl die Demonstrationen einer prorussischen Minderheit im Moment große Aufmerksamkeit erfahren.

Überall treffen wir auf solche hybriden Geschichten. Die Belegschaft des Kernkraftwerks Riwne, in dem ich zwei Monate für ein Forschungsprojekt gearbeitet habe, organisiert sich zweisprachig; in der erst 40 Jahre alten Atomstadt Kusnezowsk verflicht sich der sowjetische Migrationshintergrund der einen mit der westukrainischen lokalen Verwurzelung der anderen.

Auf dem Majdan ließen sich freilich jede Menge Bekenntnisse zu einer reaktionären Nationenidee mit Sprache, Heldenfiguren und Mythen finden – und den nationalistischen Gruppen wurde dabei besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. An dieser traditionellen Nationalidee arbeitet sich auch die Moskauer Propaganda ab, obwohl die Ukrainer hier nicht besser oder schlechter verfahren als jede andere Nation: selektiv, konstruktivistisch, mitunter fragwürdig, widersprüchlich. In Wahrheit aber geht es längst nicht mehr um eine Nation im Sinne eines ethnisch und sprachlich einheitlichen Volkes. Es geht vielmehr um die Frage, ob man eine neue Ukraine als über-ethnische Idee einer europäischen und demokratischen Staatsbürgernation gegen den enormen Druck von innen und außen verteidigen kann.

Und hier gäbe es jede Menge Betätigungsfelder für linke Aufmerksamkeit, Empathie und linken Ratschlag, die Feinde der ukrainischen Freiheit stehen rechts. Der Erste agiert im Inneren und ist einfacher zu bekämpfen. Es handelt sich um jene rechts-nationalistische Minderheit, die mit einer Unterstützung von fünf bis zehn Prozent rechnen kann. Gleichwohl hat sie durch die Majdan-Proteste an Bekanntheit gewonnen, Ministerposten ergattert. Sie könnte unter russischem Druck erstarken.

Diese Kräfte stemmen sich gegen eine Reform des bisherigen Zentralismus. Aber soll die Demokratie in der Ukraine zu einem Erfolgsmodell werden, wird auch der Zentralismus in Frage gestellt werden müssen. Und für so eine Dezentralisierung und eine reformierte Sprachgesetzgebung bräuchte es dringend Unterstützung, Inspiration, kritische Diskussionspartner.

Und auch die sozioökonomische Situation bedarf linker Aufmerksamkeit: die mit der Revolution nicht abgeschaffte ökonomische Oligarchie, die Massenarmut, das grassierende land grabbing durch internationale Investorengruppen. Wir haben es mit quasi lateinamerikanischen Verhältnissen zu tun – und wie dort benötigen Bürgerrechtler und lokale Basis-Aktivisten dringend Verbündete.

Keine Verbündeten

Der zweite Feind der Demokratie steht außen, aber ebenfalls rechts. Dem Kreml geht es nur vordergründig um Antifaschismus und Schutz russischer Minderheiten. Was Putin wirklich Angst macht, ist das widerständige Potenzial, das ein pluralistischer, demokratischer, mehrsprachiger ukrainischer Staat aufbauen könnte. Er wäre das Gegenmodell zu seiner auf Linie getrimmter Nationalgesellschaft. Wer die gefährdet, ist in der Diktion des ehemaligen KGB-Offiziers ein „Verräter“, der „bestraft“ gehört. Und wenn es ein ganzes Land ist, das bestraft werden muss. Deshalb setzt die russische Regierung alles daran, die Ukraine zu destabilisieren und den eigenen Bürgern ein Bild des Nachbarn zu servieren, das in seiner Verlogenheit an die schlimmsten Jahre des Stalinismus erinnert.

Im Russland geben heute rechtsextreme Pseudowissenschaftler und nationalistische Medienleute den Ton an. Sie liefern abgestandene historische Anspruchsbegründungen rund um das „russische“ Kiewer Mittelalter und ein Reichskonzept von „einem Volk, einer Sprache, einem Glauben“, in dem die Rolle des Führers selbstverständlich schon vorgesehen ist. So kann konstatiert werden: Nicht nur rechtsextreme Ukrainer bedrohen die Revolution, sondern auch das rechte Projekt einer nationalen Integration der Russischen Föderation und ihres „nahen Auslandes“.

Das ist der blinde Fleck jener deutschen Linken, die die Ukraine-Frage in einer Art inverser Kalter-Kriegs-Logik wahrnehmen. Russland, Rechtsnachfolger der Sowjetunion, profitiert immer noch vom Mythos des Siegers über Hitlerdeutschland und wird als Gegenprojekt zur Hegemonie der USA und der von Deutschland dominierten EU wahrgenommen. Russischer Imperialismus, gar Nationalismus, ist in dieser Logik nicht vorgesehen. Die meisten Linken verbinden Imperialismus mit den USA oder mit deutschen Wirtschaftsinteressen in Osteuropa; Nationalismus mit ostmitteleuropäischen, antisowjetischen Bewegungen der 1930er, 1940er und 1980er Jahre – so auch mit der ukrainischen nationalistischen Bewegung und ihrer Kollaborationsgeschichte mit NS-Deutschland. Der seit Jahren beobachtbare Trend zur rechtsnationalen Integration in Russland hingegen wurde nicht wahrgenommen.

Russlandkritik in der Krimkrise galt als aufgekochte Version des alten bürgerlichen Hasses auf den Roten Oktober. Doch der Rote Oktober ist tot. In Putin-Russland verbinden sich die widerwärtigsten Aspekte des Ancien Régime mit dem strukturellen Erbe der Sowjetunion. In einem Regime, das seine Position durch Fremdenfeindlichkeit, orthodoxe Bigotterie und autokratische Machtvertikale sichert, kann es für Linke momentan definitiv keine Verbündeten geben, auch keine taktischen. Es gibt in Russland gegenwärtig nichts, was Linke verteidigen sollten – jedenfalls nicht die russischen Regierenden und ihre Ukrainepolitik.

Anna Veronika Wendland, geboren 1966, ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Ukraine. Zur Zeit leitet sie das Marburger Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung. Wendland wohnt mit ihrer Familie in Leipzig

 

06:00 10.04.2014

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