Für ein Stück Seife

Kino Billige Abscheu, einfaches Mitleid: Das preisgekrönte Drama „12 Years a Slave“ von Steve McQueen oder wie neuere Filme über den amerikanischen Rassismus fantasieren
Armond White | Ausgabe 03/2014 1
Für ein Stück Seife

In letzter Zeit wurde in den USA ausführlich über Filme geschrieben, die sich mit Rassismus als nationalem Problem auseinandersetzen (eine Aufzählung rückwärts von 12 Years a Slave, The Butler, Captain Phillips, 42, Fruitvale Station, Lincoln, Django Unchained, Beasts of the Southern Wild, The Help bis Precious von 2009). Der Tenor war zumeist: Zustimmung. Das machte und macht viele der Filme zu aussichtsreichen Anwärtern auf die Preise, die jährlich verliehen werden – ein Ritual, das einem Film historische Bedeutung garantiert.

Es ist merkwürdig und pervers, dass den Preisen in den USA heute eine so viel größere Bedeutung beimgemessen wird als den Filmen selbst. Manche Filmproduzenten wie Harvey Weinstein – früher Miramax, heute The Weinstein Company – verwenden eine Menge Geld auf die Promotion von Filmen über Race [Wir verwenden, analog zu „Gender“, bewusst das englische Wort, weil „Race“ anders als der deutsche Begriff „Rasse“ die Konstruiertheit dieser Idee einschließt, Anm. dF]. Die Werbekampagnen unterscheiden sich in nichts von denen für Schnulzen, die rein kommerzielle Interessen verfolgen.

Der „Obama-Effekt“

Steve McQueens Sklavengeschichte 12 Years a Slave wie auch The Butler und The Help, Steven Spielbergs Lincoln und Django Unchained von Quentin Tarantion sind so zu Projekten eines Race-Hypes geworden. Ein typisch amerikanische Phänomen der Gegenwartskultur, das das gesellschaftliche Problem der Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen nicht nur nutzt, um Filme zu verkaufen. Sondern auch um linksliberale Standpunkte zu propagieren, die nichts mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA zu tun haben; an denen hat sich in den vergangenen 25 Jahren kaum etwas geändert. Durch den Race-Hype repräsentieren diese Filme die „progressive“ Haltung der Medienarbeiter wie der von jenen favorisierten Politiker in Washington.

Kulturmogul Weinstein, der über großen Einfluss verfügt, erklärte die Ansicht, die Welle amerikanischer Filme, die sich mit der Geschichte der Afroamerikaner auseinandersetzen, sei Teil eines „Obama-Effektes“. Weinstein hat Obama in beiden Präsidentschaftswahlkämpfen 2008 und 2012 kräftig unterstützt und mehr Filme des Race-Hypes produziert und vertrieben als irgendein anderer.

Da es Weinstein beruflich und persönlich zum Vorteil gereicht, diese Filme als Belege für die gesellschaftlichen Fortschritte im Umgang mit dem Erbe der Sklaverei zu verkaufen, erzeugt er die Illusion, sie seien soziologisch von Bedeutung. In Wahrheit sind die meisten dieser Filme lediglich Fantasien einer liberalen Stimmung der Obama-Ära. Selbst der entsetzlichste der Filme, 12 Years a Slave, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, appelliert überwiegend an die „post-rassistische“ Vorstellung der Obama-Zeit, wonach rassistische Beleidigungen und xenophober Fanatismus der Vergangenheit angehören.

Fiktives Dokument

Die meisten der besagten Filme spielen in der Vergangenheit: The Help und The Butler in den 1960ern, Beasts of the Southern Wild zur Zeit von Hurricane Katrina, Django Unchained, Lincoln und 12 Years a Slave im 19. Jahrhundert, als solle dem Publikum von heute versichert werden, dass Probleme wie Sklaverei und rassistische Ungleichbehandlung mit dem Aufstieg von Barack Hussein Obama in die symbolträchtigste und einflussreichste Position innerhalb der Regierung der USA quasi automatisch ein Ende gefunden hätten, weil er der erste US-Präsident ist, der von sich selbst sagt, er habe eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater – was der Großteil der Medien zu der missverständlichen Bezeichnung „schwarz“ verengt.

Der Umstand, dass nur wenige Race-Hype-Filme sich mit zeitgenössischen Ereignissen befassen, legt nahe, dass ihre „liberalen“ Absichten und Fantasien die Wahrnehmung bestimmter Tatsachen verstellen. Das könnte erklären, warum 12 Years a Slave die politische Aktualität fehlt, die in älteren Filmen über die Sklaverei zu sehen war (noch eine Aufzählung die von Michael Apteds Amazing Grace von 2006 über Steven Spielbergs Amistad, Jonathan Demmes Beloved, Charles Burnetts Nightjohn von 1996 bis zu den Siebziger-Jahre-Filmen Mandingo, Zwei Galgenvögel oder Der Weg der Verdammten reicht).

Race-Hype-Filme befriedigen das Bedürfnis des linksliberalen Amerikas nach gerechtfertigter Genugtuung, indem sie vergangene Ungerechtigkeiten thematisieren, ohne dazu anzuregen, die noch immer bestehenden Benachteiligungen zu überwinden und Veränderungen zu erzwingen. Das belegt etwa eine Besprechung in einem bekannten amerikanischen Magazin, in der McQueens Film wiederholt als „ein Dokument“ bezeichnet wird – als handele es sich bei der aufgebauschten Darstellung von höchst unwahrscheinlichen Ereignissen um ein Zeugnis, das für sich selbst steht. 12 Years a Slave basiert auf einer der Sklaven-Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert, die oft Ergebnis von Kooperationen, Eingriffen und Erfindungen waren – und nicht immer Resultat unstrittiger Wahrheit.

Kein Kasperletheater

Wer so lobt, bringt lediglich zum Ausdruck, dass er die These des Films unterstützt, ohne ihn infrage zu stellen. Moralische Entrüstung und gesellschaftliche Analyse werden so durch billige Abscheu und einfaches Mitleid ersetzt. Steve McQueen stellt die Erniedrigung des dunkelhäutigen Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der in 12 Years a Slave entführt und wieder versklavt wird, so minutiös und detailliert dar, dass eine politische Betrachtung unmöglich wird. Der Film gerät zu einer Aneinanderreihung von albtraumhaften Erniedrigungen, die im übertrieben expliziten Zeigen einer brutalen Auspeitschung der Sklavin Patsey (Lupita Nyong’o) kulminieren, nachdem diese die Plantage auf der Suche nach einem Stück Seife verlassen hatte. Am Ende hängt ihr das Fleisch in Fetzen vom Leib.

Die Unverhältnismäßigkeit von Patseys Demütigung und der Brutalität ihres Besitzers (Michael Fassbender) verwandelt die historisch-politische Tatsache der Sklaverei in den Leichenhausbetrieb von Torture-Porn-Filmen wie Hostel (vertrieben durch The Weinstein Company). Die Barbarei erinnert an das von Octavia Butler gespielte Dienstmädchen aus The Help (2011), das sich an ihrer weißen Arbeitgeberin (Bryce Dallas Howard) rächt, indem sie ihr einen mit menschlichen Exkrementen gefüllten Kuchen backt. Solch ein psychotischer Akt, der als „linker“ comic relief, als komische Auflockerung dienen soll, ist eine Beleidigung der organisierten Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre, befriedigt mit seinem respektlosen und scheinheiligen Blick auf die rassistische Geschichte der USA aber den Obama-Effekt.

Race-Hype und dessen zweifelhafte Intention bedingen die Effekthascherei und Instrumentalisierung, auf die 12 Years a Slave, The Help, Django Unchained und die meisten anderen Filmen zielen. Eine Ausnahme stellt 42 aus dem letzten Jahr dar, Brian Helgelands besonnener Bericht über Jackie Robinson (Chadwick Boseman), der von Branch Rickey (Harrison Ford) als erster Schwarzer in ein weißes Baseball-Team eingekauft wurde.

In 42 werden die gesellschaftlichen Umstände der rassistischen Ungleichheit mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit kontrastiert, die sowohl Robinson als auch Rickey erfüllt. Die Erzählung von Rivalität, persönlicher Überzeugung und menschlicher Solidarität unterscheidet sich von der Hysterie und reißerischen Gewalt, die der Geschichte des amerikanischen Rassismus den Rahmen eines politischen Horrorfilms gibt. Die Stelle, an der Robinson sich von dem Trommelfeuer an Beleidigungen eines Mitspielers nicht beirren lässt, macht die moralische Dimension des Rassismus als soziale Tatsache und seelische Demütigung deutlich – ganz ohne Kasperletheater um ein Stück Seife oder einen vollgeschissenen Kuchen.

Die Geschichte von Rassismus, Genozid und Sklaverei in Amerika ist nicht unterhaltsam. Die Race-Hype-Filme versuchen aber auf schamlose Art und Weise, die Katastrophen der Geschichte in Unterhaltung zu verwandeln. 12 Years a Slave, The Help, Django Unchained und The Butler befassen sich mit der Vergangenheit, um die Zuschauer von den sozialen Problemen und dem Rassismus der Gegenwart abzulenken. Der Race-Hype stellt die Beziehungen zwischen schwarzen und weißen Amerikanern falsch dar – und reduziert die Bedeutung des Kinos auf die Jagd nach Preisen und ein Mittel zur Selbstbeweihräucherung.

Armond White ist Filmkritiker für das New Yorker Magazin CityArts und war Vorsitzender des New York Film Critics Circle 

 

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 29.01.2014

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