Für Ferhat

Hanau 25 Jahre alt wäre Ferhat Unvar am 14. November geworden. Der rassistische Mord an ihm hat seine Hinterbliebenen den Kampf aufnehmen lassen – für eine andere Gesellschaft
Für Ferhat
Nesrîn Unvar, Ali Yıldırım, Serpil Temiz Unvar

Foto: Anne-Sophie Stolz für der Freitag

Nesrîn Unvar trägt ein silbernes Tablett mit einer rechteckigen Sahnetorte in einen großen Raum. Dort bestaunen mehrere Dutzend Gäste die Geburtstagstorte; in ihrer Mitte ist ein großes essbares, mit Lebensmitteltinte gedrucktes Foto zu erkennen. Es zeigt Nesrîns Bruder: Ferhat Unvar.

Ferhat Unvar wurde am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet. An diesem 14. November hätte er seinen 25. Geburtstag gefeiert. „Wenn er noch am Leben wäre, würden wir auch feiern“, sagt Nesrîn Unvar. Es gibt noch einen Grund zum Feiern: Heute ist der Geburtstag der Bildungsinitiative, die Ferhats Namen trägt. Sie existiert seit einem Jahr und eröffnet an diesem Tag offiziell ihre Räume am zentralen Freiheitsplatz in Hanau.

Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“, schrieb Ferhat fünf Jahre vor seinem Tod bei Facebook. Es ist ein viel zitierter Satz in seinem Freundeskreis, ein Satz, den viele hier als Auftrag verstehen, das Gedenken an den Freund, Bruder und Sohn aufrechtzuerhalten. Bis vier Uhr morgens hatten Nesrîn Unvar und die anderen Aktiven der Bildungsinitiative die Eröffnungsparty vorbereitet. Nesrîn hatte noch das Logo an die Wand gemalt.

Auch Serpil Temiz Unvar, Nesrîns Mutter, kam kaum zu Schlaf. Am Abend zuvor hatte sie vor Ort den Aachener Friedenspreis entgegengenommen. Ihn teilen sich die Bildungsinitiative und die Initiative 19. Februar, in der sich Freund*innen und Angehörige der Ermordeten wenige Wochen nach dem Anschlag organisiert haben. Serpil Temiz Unvar war bereits dort aktiv, entschied sich aber dann, schwerpunktmäßig zu Rassismus im Bildungssystem zu arbeiten. In der Schule hatte ihr Sohn Ferhat immer wieder mit Diskriminierung zu kämpfen, sagt die 46-Jährige. Vor allem in den ersten Monaten nach dem Anschlag hatte sie sich Vorwürfe gemacht, sie hätte Ferhat damals stärker unterstützen sollen, stattdessen habe es viel Streit zu Hause gegeben. Sie ärgerte sich damals sehr darüber, dass Ferhat immer Probleme in der Schule gehabt habe. Heute weiß sie: Nicht er war das Problem. Ein strukturell rassistisches Bildungssystem, in dem nachweislich Jugendliche mit Migrationserfahrung benachteiligt werden – das ist das Problem.

Die Schule hat ihn nicht unterstützt

Nesrîn Unvar stellt sich an die Fensterwand, als im großen Raum den Gästen ein Film gezeigt wird, der die Arbeit der Bildungsinitiative vorstellt. Darin erzählt ihre Mutter, Rassismus werde in der Schule erlernt, könne aber auch wieder verlernt werden. Zu den eindringlichen Aufnahmen der Gesichter einiger Aktiver, unterlegt mit Klaviermusik, ist Serpil Temiz Unvars Stimme zu hören: „Für mich hat meine Aufgabe mit seinem Tod angefangen. Ich muss seinen Kampf und seinen Schmerz immer wieder erzählen.“ Ganz am Ende sagt sie freundlich, aber bestimmt in die Kamera: „Wir haben uns auf einen langen Weg gemacht. Kommst du mit?“

Es ist die Story der Bildungsinitiative, die diese auf ihren sehr professionellen und erfolgreichen Social-Media-Kanälen immer wiederholt: Die Initiative macht der Gesellschaft ein Angebot – auch der weißen Mehrheitsgesellschaft. Denn in dieser ist in unterschiedlichen Nuancen jene rassistische Ideologie verbreitet, die Ferhat zur Zielscheibe hat werden lassen. Es sind vor allem junge Menschen, die sich in der Initiative einbringen, an Schulen gehen, für Workshops: Empowerment für Jugendliche mit Rassismuserfahrungen, Sensibilisierung für Mitschüler*innen und vor allem für die Lehrkräfte. Sie erzählen an den Schulen vom 19. Februar, von der Tat, den Ermordeten, den Fehlern der Behörden.

Obwohl sie wahrscheinlich alle Sätze, die im Film gesagt werden, schon oft gehört hat, wischt sich Nesrîn Unvar nach dem Imagefilm ein paar Tränen von der Wange. Die vergangenen Wochen und Monate seien sehr anstrengend gewesen, die Vorbereitungen für die Eröffnung, der Aufbau der Initiative. „Wir haben viel gekämpft, auch untereinander.“ Dann hat sie vor wenigen Wochen noch angefangen, Architektur zu studieren. „Ich habe während des Films erst wieder realisiert, was eigentlich passiert ist, warum wir diese Arbeit machen“, sagt die 19-Jährige.

Nesrîn Unvar wohnt mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in dem Haus, in dem bis zum 19. Februar 2020 auch Ferhat gelebt hatte – in Hanau-Kesselstadt, nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt von der Arena-Bar, wo Ferhat erschossen wurde. Familie Unvar lebt in Sichtweite des Hauses, in dem der Täter aufgewachsen ist, in dem er seine Mutter und anschließend sich selbst getötet hat, in dem noch immer der Vater des Täters lebt. Die Familie wollte aber nicht gehen, bewusst nicht mit dem Mord an Ferhat abschließen. Nesrîn Unvar ist sich sicher: Sie kann ihre Mutter nicht alleine lassen – auch nicht in der Bildungsinitiative, in der sie von Anfang an aktiv ist. Doch sie ist da nicht nur, um ihre Mutter zu unterstützen, auch den Ansatz findet sie richtig: „Ich denke weniger an den Täter, denn ich glaube, dass es viele gibt, die so denken wie er.“ Deshalb sei es wichtig, so früh wie möglich anzusetzen. Außerdem gebe ihr die Arbeit auch selbst Kraft. Fast täglich sei sie in den Räumen der Bildungsinitiative.

In Hanau hatten viele Wut

Mit dabei ist auch Ali Yıldırım, ein Kindheitsfreund Ferhats, Projektkoordinator der Bildungsinitiative. Wie Serpil Temiz Unvar ist Yıldırım an diesem Tag ständig in Gesprächen – mit anderen Angehörigen und Freunden der Ermordeten, mit Hanaus Oberbürgermeister, mit Lokalpolitikern und Landtagsabgeordneten. Ein paar Wochen nach dem Anschlag hat er Serpil Temiz Unvar zufällig auf dem Friedhof an Ferhats Grab getroffen. Sie habe ihn später gefragt, ob er sich vorstellen könne, bei der Bildungsinitiative mitzumachen. Beide haben dann weiteren Freundinnen und Freunden Ferhats von der Idee erzählt.

Viele in Hanau hatten nach dem Anschlag viel Wut in sich, Serpil Temiz Unvar habe die Wut der Menschen genommen und sie in etwas Produktives verwandelt, sagt Yıldırım. Zunächst gab es Treffen in verschiedenen Wohnzimmern der Aktiven, dann kamen die Räume am Freiheitsplatz. Monatelang haben sie diese renoviert. „Über Youtube haben wir gelernt, wie man eine Wand spachtelt“, lacht der 28-Jährige. Heute besteht die Bildungsinitiative aus 20 bis 30 engagierten Menschen – nur in Hanau. Hinzu kommen Aktive aus anderen Städten.

Die Basisinitiative finanziere sich vor allem über Spenden aus der Zivilgesellschaft, sagt Yıldırım. Projektbezogen gebe es außerdem Unterstützung von einigen bundesweiten Stiftungen. Doch es brauche dringend eine langfristige Finanzierung. Die Forderung: 100.000 Euro im Jahr, damit feste Stellen geschaffen werden können. Die Aktiven machen das alle neben Schule, Studium oder Job, betont Yıldırım. „Eine langfristige Finanzierung sei das Mindeste, was Bund und Land machen können.“

„Ja, es ist viel Arbeit“, sagt Temiz Unvar in den wenigen Augenblicken an Ferhats Geburtstag, in denen sie nicht angesprochen wird. „Aber das ist ja meine Aufgabe. Ich muss weitermachen, egal, ob es stressig oder gerade viel ist.“ Sie habe nach dem Anschlag zwei Möglichkeiten gehabt: diese Gesellschaft zu hassen oder sie zu verändern. Sie hat sich für die zweite Variante entschieden. Zuerst war sie vor allem bei der Initiative 19. Februar aktiv, in der sich Angehörige der Ermordeten gegenseitig Halt gegeben haben. Die zentrale Parole der Anfangszeit war „Say Their Names“: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov – die Namen aller beim Anschlag aus rassistischen Motiven ermordeten Menschen sind weit über Hanau hinaus bekannt. In ganz Deutschland gibt es Graffiti, Aufkleber, Transparente, die an linken Hausprojekten hängen. Auf antirassistischen und antifaschistischen Demos werden die Namen der Toten gerufen. Das ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass die Angehörigen in Hanau gemeinsam mit Unterstützer*innen das Gedenken und Erinnern an den Anschlag in eigene Hände genommen haben.

Auch die Bildungsinitiative ist eine Form des Erinnerns von unten – ein notwendiges Erinnern, wie Serpil Temiz Unvar deutlich macht. „Hätten wir das nicht getan, hätte es vielleicht ein, zwei Berichte zum Jahrestag gegeben“, sagt sie sichtbar wütend. „Man hätte gesagt, der Anschlag sei traurig gewesen, vielleicht hätte sogar jemand gesagt, das sei ein rassistischer Anschlag gewesen, aber dann wäre die Sache wieder unter den Teppich gekehrt worden.“ Der Bildungsinitiative geht es deshalb um etwas Grundsätzliches. „Wir kämpfen für eine andere Gesellschaft“, sagt Temiz Unvar, damit nicht noch weitere Mütter, Geschwister und Freunde Ermordete betrauern müssen. Die Bildungsinitiative kämpft dafür, dass Ferhats sinnloser Tod nachträglich einen Sinn erhält. In Ruhe zu trauern, sich zurückzuziehen, wie ihr einige geraten hätten, sei für sie nie infrage gekommen.

Das erste Ziel ist erreicht

Während ihrer Flucht nach vorne gibt es immer wieder Momente, in denen sichtbar wird, wie tief der Schmerz auch fast zwei Jahre nach dem Anschlag bei Serpil Temiz Unvar noch sitzt. An allen drei Tagen – bei der Pressekonferenz zur Fachtagung, bei der Rede beim Aachener Friedenspreis, bei der Begrüßung beim Geburtstag der Bildungsinitiative – gibt es Momente, in denen sie kurz stockt, ihre Stimme brüchig wird, sie mit der Fassung ringt, als würde ihr dann immer wieder neu bewusst werden, was geschehen ist.

So ist es auch, als Nesrîn Unvar den Kuchen mit Ferhats Bild in den großen Raum der Bildungsinitiative bringt. Am Anfang steht Serpil Temiz Unvar noch in der ersten Reihe und schaut, wie ihr jüngster Sohn Mirza den Kuchen anschneiden möchte. Dann stellt sie sich an den Rand, greift nach ihren Zigaretten, blickt noch einmal kurz auf das Foto und geht nach draußen.

„Ich glaube, man merkt draußen gar nicht, dass wir noch trauern. Jeden Tag ist der Gedanke da, dass da jemand fehlt“, sagt Nesrîn Unvar am Ende des Tages. Zwar gebe es wenig Zeit zu trauern, aber das habe auch etwas Gutes. „Jeder hat einen anderen Umgang mit der Trauer. Unser Umgang ist die Beschäftigung. Wir setzen unsere Trauer um und nehmen diese Kraft und machen daraus etwas, das die Gesellschaft positiv verändert.“ Es ist noch ein weiter Weg, das große Ziel zu erreichen, den Rassismus in dieser Gesellschaft zu bekämpfen. Ein erstes Ziel hat die Bildungsinitiative bereits erreicht: den Namen von Ferhat Unvar lebendig zu halten.

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06:00 20.11.2021

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