„Für gutes Geld“

Interview Merle Kröger recherchierte für ihren Thriller die fragwürdige Aufbauhilfe deutscher „Experten“ in den 1960ern in Ägypten
„Für gutes Geld“

Foto: Maria Sturm für der Freitag

Anfang der 1960er-Jahre setzt die westdeutsche Politik im Nahen Osten auf ein doppeltes Spiel. Während Bundeskanzler Adenauer dem von seinen arabischen Nachbarn bedrohten israelischen Staat Militärhilfe verspricht, helfen deutsche Wissenschaftler und Ingenieure – auch einstige Nazis sind unter den „German Experts“ – dem ägyptischen Präsidenten Nasser dabei, sein nach Unabhängigkeit strebendes Land mit moderner Waffenindustrie kriegstüchtig zu machen. Fünf Jahre ist Merle Kröger für den Roman tief in die Archive abgetaucht. Mit ihrem packenden Thriller Die Experten führt sie mitten hinein in ein fast vergessenes Geschichtskapitel.

der Freitag: Frau Kröger, Rita, die junge Protagonistin Ihres Romans, besucht eine rheinische Karnevalsfeier, die Anfang der 1960er-Jahre in Kairo stattfindet.

Merle Kröger: Eine Zeitzeugin, die in einer Fabrik für Triebwerke als Sekretärin gearbeitet hatte, zeigte mir Bilder aus ihrem Fotoalbum und erzählte von diesem Karneval, den die „German Experts“ im damals noch nagelneuen Hotel Hilton am Nilufer feierten.

Was ist das, ein „German Expert“?

So werden die Wissenschaftler und Ingenieure bezeichnet, die Präsident Gamal Abdel Nasser einlud, beim Aufbau einer eigenen ägyptischen Rüstungsindustrie mitzuhelfen, durch die man von den Großmächten unabhängig zu werden hoffte. Schon in den 1950er Jahren waren Experten aus dem zusammengebrochenen Militärapparat Nazideutschlands gekommen, um für gutes Geld beim Aufbau des Militärs und der Geheimdienste mitzuhelfen. Daraus resultierte die Idee, deutsche Ingenieure zu holen, um mit deren Know-how eine eigene Flugzeug- und Raketenproduktion zu beginnen.

Noch heute glauben viele Ägypter, es sei ein Kompliment, wenn sie deutschen Touristen zu den vermeintlichen Leistungen Adolf Hitlers oder des Generalfeldmarschalls Rommel im Zweiten Weltkrieg gratulieren.

Ich glaube, dass die Kontinuität, die die Macht des Militärs in Ägypten hat, dazu führt, dass ein bestimmter Diskurs ungebrochen fortgesetzt wird. Das betrifft auch die Hochachtung gegenüber den „German Experts“. Auf der anderen Seite gibt es eine jüngere Generation, die infolge der Revolution von 2011 kritischer auf die Geschichte blickt. In der Zeit, in der mein Roman spielt, nahm man die Bewunderung auf Seiten der westdeutschen Regierung gerne an, denn sie erleichterte ihr Bestreben, die eigenen Experten dort zu installieren. Es ging darum, der Sowjetunion das Feld streitig zu machen. Nasser drohte den Westmächten damit, ihre kommunistischen Kontrahenten im Kalten Krieg stärker einzubinden, wenn man nicht das tut, was er möchte.

Damals bildeten Ägypten und Syrien einen gemeinsamen Staat.

Das war die Vereinigte Arabische Republik, die während der Zeit, in der die Romanhandlung spielt, schon wieder auseinanderbrach. Es gab damals die Bewegung der Blockfreien, der Indien, Ägypten, Jugoslawien und viele andere Länder angehörten. Das große Projekt von Nasser bestand darin, die Industrialisierung voranzutreiben, um der bäuerlichen Landbevölkerung eine alternative Lebensperspektive zu bieten. Ein Teil des Eigentums der Großgrundbesitzer wurde verstaatlicht. Er entwickelte einen Großmachtanspruch in der Region, aber viele Leute trauten ihm zu, im Zuge der Entkolonisierung eine fortschrittliche Entwicklung in Gang setzen zu können.

Zur Person

Merle Kröger, geboren 1967 in Plön, ist Krimi-Schriftstellerin, Dokumentarfilmerin und Produzentin. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Preise. Die Experten ist im Suhrkamp Verlag erschienen (688 Seiten, 20 €)

Wenn man nach Ägypten reist und es gibt Komplikationen mit den Behörden, dann kann einem der Hinweis, man sei die Nachfahrin eines „German Expert“, eventuell weiterhelfen.

Meiner Freundin und Kollegin Stefanie Schulte Strathaus, die auch den Anstoß zu meinen Buchprojekt gab, erging es so. Sie stand am Flughafen mit einer Filmrolle, die man ihr wegnehmen wollte. Ein ägyptischer Freund, den sie daraufhin anrief, riet ihr zu sagen, dass ihr Großvater ein Experte war. Das hat funktioniert. Sie und die Filmrolle sind wohlbehalten wieder in Deutschland angekommen. Diese Zeit wird immer noch glorifiziert. Doch das Projekt der Industrialisierung kam nicht so richtig voran. Man versuchte beispielsweise, eine eigene Automobilproduktion in Gang zu setzen, aber es fehlte dafür an Kapital. So wurden am Tag nur ein paar Fahrzeuge in Handarbeit hergestellt.

Wie viele deutsche Experten waren damals in Ägypten tätig?

Das ist nicht so ganz klar. Von Seiten der Bundesrepublik wurde deren Engagement eher unter dem Teppich gehalten, da man sich zu dieser Zeit auch um Israel bemühte, was die Vermittlung von militärischem Know-how und Waffenexporte einschloss. In den Reihen der Experten selbst war von mehreren Hundert die Rede. Zählt man die Familienangehörigen dazu, waren es vielleicht dreitausend. Ich habe mit mehreren Personen gesprochen, die als junge Menschen in Ägypten gelebt hatten. Sie alle erinnerten sich an viele Deutsche.

Gab es denn auch Experten aus der DDR?

Nein. Es gab einige Deutsche, die in der Sowjetunion im Triebwerkbau beschäftigt gewesen waren, dann nach Ägypten kamen und bei denen man nicht sicher war, ob sie nicht vielleicht doch für den Geheimdienst KGB spionierten. Aber Experten aus der DDR gab es zu der Zeit nicht.

Wo spielte sich das Leben der Experten ab?

Zum Beispiel in den Clubs, die ein Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft waren. Das sind nach außen abgeschlossene Orte, an denen sich die Angehörigen der besseren Gesellschaft treffen, ihre Freizeit gestalten, ihren Geschäften nachgehen und Netzwerke knüpfen. Man ging ins Schwimmbad, spielte Tennis, besuchte das Kino oder Lesungen und ging in Parkanlagen spazieren. Auch Nassers Offiziere und die jungen ägyptischen Ingenieure, die von deutschen Experten an den Universitäten ausgebildet wurden, kamen dorthin. Man ist auch gemeinsam auf die Jagd gegangen.

Die Upper Class pflegte die Traditionen einer Feudalgesellschaft inmitten einer Bewegung des sozialistischen und nationalen Aufbruchs.

Es gibt diese Clubs auch heute noch. Ich hatte eine Mitarbeiterin in Kairo, die aus einer großen und einflussreichen Familie stammt und über die ich Zutritt bekam. Ihre Großeltern, die mir bei meinen Recherchen halfen, waren in diesen Clubs praktisch aufgewachsen. Sie spielten dort Tennis. Die Clubs waren der einzige Ort, an dem ägyptische Frauen das damals tun konnten.

Sie beleuchten die Geschichte der „German Experts“ aus der Perspektive der Familie eines westdeutschen Ingenieurs.

Ich wusste zunächst nicht, wen ich zum Protagonisten der Geschichte machen sollte. Sollte es wirklich einer der Ingenieure sein, ein Mann in mittleren Jahren, der schon unter den Nazis gearbeitet hatte? Ich dachte, wie naiv kann jemand sein, der immerzu sagt: „Ich war doch nur Wissenschaftler“ oder „Ich habe doch nur Flugzeuge gebaut“. Nach den Begegnungen mit den Frauen der Vor-68er-Generation, die zum Zeitpunkt des Geschehens noch Kinder oder Jugendliche waren, kam mir die Idee, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu erzählen – als eine Coming-of-Age- und Politisierungsgeschichte. Daher steht Rita im Mittelpunkt, eine Schülerin, die den von ihrem Vater erzwungenen Aufenthalt in Ägypten bald als Chance erkennt.

Es fällt auf, dass Sie den Vater, Ingenieur Friedrich, keineswegs als reine Negativfigur darstellen. Dabei böte er sich dafür geradezu an. Er ist selbst zwar kein überzeugter Nazi, hat aber wenig Probleme damit, mit solchen zusammenzuarbeiten. Außerdem betrügt er seine kranke Gattin mit einer sehr viel jüngeren Frau.

Durch die Augen der Tochter, die ein enges Verhältnis zu ihm hat, bin ich der Figur dieses Ingenieurs nähergekommen. Ritas Vater gehörte zu den Leuten, die nach dem Krieg in ihrem erlernten Beruf nicht arbeiten durften und deshalb viel Frust mit sich herumtrugen. Sie wollten beweisen, was sie können und dass sie es noch können. Die Deutschen, die damals in Ägypten zusammenkamen, waren nicht alle von dem Gedanken beseelt „Nun vollenden wir, was wir unter Hitler nicht geschafft haben.“

Mir scheint, als hätten Sie ganz bewusst auf erzählerische Tricks verzichtet, um die Leserschaft bei der Stange zu halten. Nehmen wir die Liebesgeschichte zwischen Rita und dem ägyptischen Ingenieur. Da gibt es die Szene, wo er zögert, ihr eine Zigarette zu geben, weil sich das für eine Frau in der Öffentlichkeit in seinen Augen nicht gehört. Man vermutet sofort, diese interkulturelle Beziehung steht unter keinem guten Stern. Die Geschichte führt dann aber ganz woanders hin.

Es gibt Krimis, die auf solche Effekte setzen, um den Plot voranzutreiben. Aber es gibt auch eine Menge Autorinnen und Autoren, die das nicht tun – Dominique Manotti zum Beispiel. Ich höre hin, lese, beobachte und versuche, daraus etwas zu machen, was der Komplexität der Geschichte und der Figuren gerecht wird. Das entspricht auch meiner Herangehensweise als Dokumentarfilmerin.

Sie überblenden zwei komplexe Strukturen: das Beziehungsgeflecht innerhalb einer Familie und eine geopolitische Konstellation, in der die alten Großmächte sowie Staaten wie Ägypten, Israel und Deutschland mit ihren Geheimdiensten undurchsichtige Spiele spielen. Man verliert leicht den Überblick und doch ist der Roman so spannend, dass man ihn nicht aus der Hand legen mag.

Auch bei mir als Autorin stellte sich ein Gefühl der Überforderung ein. Ich habe nach dem kleinen verborgenen Eckchen gesucht, in dem sich die Wahrheit verbirgt.

Die plausible Verschwörungstheorie.

Genau. So funktioniert dieses Genre der großen Welterklärungsthriller, das sich mit Namen wie John le Carré und Forsythe verbindet, schon immer. Ich habe mich dann gefragt: „Wie viel willst du noch recherchieren, bevor du endlich mit der Erzählung beginnst?“ Schließlich habe ich begriffen, dass es mir nicht darum geht, die eine Wahrheit zu finden, die es vielleicht gibt. Mit dem Ergebnis bin ich nun zufrieden. Denn ich möchte eher Unruhe erzeugen als das Gefühl: „So war es halt.“

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06:00 18.05.2021

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