Für immer Drag

Popnografie Seit 15 Jahren performt Peaches ihre Lehre, zuletzt immer bombastischer. Nun erscheint ihr neues Album, und sie steigt in den Ring
Klaus Walter | Ausgabe 39/2015 2

Die Wirkung des Catchens liegt darin, daß es ein übertriebenes Schauspiel ist.“ So lautet der erste Satz der Mythen des Alltags von Roland Barthes über „Die Welt des Catchens“, 1954 veröffentlicht. Darin beschreibt der – nicht heterosexuelle – französische Zeichentheoretiker, wie „Gesten, Posen und Mimiken fortwährend zur besseren Lesbarkeit des Kampfes beitragen“ und wie die Physis der catchenden Männer ihr Verhalten vorzeichnet: Da ist der „lächerliche Hahnrei“, der „arrogante Gockel“ und eine „rachsüchtige Schlampe“ namens Orsano, ein „effeminierter Jazzfan, der anfangs im blau-rosa Bademantel auftrat“.

Was hätte Roland Barthes wohl zu der Sorte Catchen gesagt, die in Close Up zu sehen ist, einem von drei Videos zu Peaches’ neuem Album Rub? Auftritt Kim Gordon. Nach dem Ende von Sonic Youth sucht die 62-Jährige neue Bühnen. In grüner Bomberjacke zu rotem Lippenstift gibt sie den dominant bossigen, E-Zigarette rauchenden Coach der Wrestlerin Peaches, die zum Warmmachen auf Schweinehälften einboxt. Später steht Gordon im weißen Prinz-von-Homburg/René-Weller-Gedächtnis-Pelz und XXL-Sonnenbrille am Ring. Das Catcherspektakel kriegt einen Dreh ins Genderfluide. Hier die überzeichneten Witzfiguren aus dem barthesschen Bestiarium des Männerwrestlings: ölige Muskelprotze, ein kleinwüchsiger Freak, ein voluminöser Glatzkopf, dem braune Soße aus dem Hintern quillt, die er Peaches ins Gesicht schmiert. Dort Catch-People von unbestimmter Geschlechtlichkeit und polymorpher Sexualität, auch mal im rosa Petticoat. Aus einer nackten Frauenbrust spritzt weiße Flüssigkeit – in Peaches’ geöffneten Mund.

Für Barthes war Catchen „der einzige Sport, der sich nach außen hin den Anschein der Folter gibt“. Bei Peaches ist Wrestling ein Sport, der sich nach außen hin den Anschein von BDSM und lesbischem Sex gibt. Lesbischer Sex, der pornoaffin auch zum Pläsir heterosexueller Männer inszeniert wird. Peaches und ihr Regisseur Vice Cooler plündern die Bildwelt von Ultimate Surrender. Ultimate Surrender ist ein Wachstumssegment der Wachstumsbranche Pornografie. Eine Reality-Show mit nackten Frauen beim Wrestling, das – angeblich ohne Script! – in Fucking übergeht, gern mit Dildopenetration und Torturen für die Unterlegene.

Als Marke etabliert

„Sexual Wrestling für echte Sportfans“ will Ultimate Surrender liefern. Peaches’ Video kann also als Kommentar zu einem Pornophänomen gelesen werden, so wie das komplette Album Rub eine einzige Reflektion zum Stand der Körper-Dinge im Zeitalter der digitalen Massenpornografie ist.

Auf der Tonspur injiziert Kim Gordon ihrem Downtown-Manhattan-Nölsound reichlich Testosteron. Dazu reimt Peaches hormonal zone auf testosterone und better get stone(d). Der Kontrast der beiden Frauenstimmen – cool vs. hot – gemahnt an Kool Thing, Sonic Youths Meisterstück von 1990. Da wurde das sexualpolitisch weite Feld aus Anziehung und Abstoßung, Sichtbarmachung und Ausbeutung zwischen weißem Rock-Chick und schwarzem Rapper durchmessen: attraktive Blondine (Kim Gordon) vs. viriler schwarzer Mann (Public Enemys Chuck D.). „Kim Gordon war mein Chuck D. in diesem Song“, sagte Peaches über Close Up.

Im Porno läuft diese Konstellation unter „interracial“, und „interrassisch“ (auf deutschsprachigen Pornoseiten heißt das wirklich so), meint immer: Schwarzer Mann fickt weiße Frau. Niemals: Weißer Mann fickt schwarze Frau. Geschweige denn: Weiße Frau fickt schwarzen Mann.

Fuck the Pain Away!, mit diesem ausgestreckten Mittelfinger von einem Song erregt Peaches im Jahr 2000 zum ersten Mal – nicht nur Aufmerksamkeit. Der Körper als Quelle von Lust und Schmerz, als Ressource von Macht bleibt ihr Thema, ob sie nun Jesus spielt – Peaches Christ Superstar – oder sich selbst – Peaches Does Herself. Mit diesen großen Inszenierungen etabliert sich die agile Performerin bald als Marke, das Erregungspotenzial bleibt konstant. Und berechenbar. Mit Rub kehrt die Künstlerin zurück zum Album, weg von den Bombastformaten. Ein Fortschritt.

Musikalisch profitieren die besten Tracks vom reduzierten, übersexualisierten, bassschweren Sound aktueller Tanzgenres wie Trap und New Orleans Bounce, dem ja nichts Pornoides fremd ist, auch von Trans*Rapper*innen wie Zebra Katz, die nicht mehr brauchen als Bass, Bass und Bass. Endlich lässt Peaches ihr Gerocke, das zwar symbolisch begründet, aber sonisch auf Dauer schwer erträglich war. (Cock-)Rock hat im Peaches-Universum einen ähnlichen Stellenwert wie Porno: Er ist da, er regiert die Welt, und er ist Teil des paradigmatischen Dreisatzes, der Merrill Beth Nisker, geboren am 11. 11. 68 (kein Witz), genannt Peaches, geprägt hat: Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Peaches ist gerade noch alt genug, um in dieser Parole etwas anderes erkennen zu können als die Pathosformel einer untergegangenen Epoche.

Wie Porno heute bildet Rock ein Zeichensystem, dem Leute, die vor 1970 in Toronto geboren wurden und in den 90ern nach Berlin gingen, nicht einfach qua Negation entkommen können. Peaches stellt sich diesem biografischen Dilemma, wenn sie die transgressiven Verheißungen von Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll noch mal in Erinnerung ruft und zugleich in ihren Rock-goes-Electroclash-Shows die ganze Lächerlichkeit dieses Imperativ und Ware gewordenen Versprechens zur Schau stellt. Abgefuckte Gesten, verhärmte Rock-Jungs mit Umhängekeyboard, nackte Oberkörper.

Peaches umgibt sich gern mit Rockstars. Ein Gig bei Henry Rollins, ein cheesy-ironisches Duett mit Iggy Pop, der auch mit 68 noch ohne Hemd rumläuft. Ein Akt wider die Altersdiskriminierung? Oder doch eine Kapitulation vor den neoliberalen Diktaten der Selbstdisziplin, nach denen oben ohne nur auftreten darf, wer sich das auch leisten kann, fitnesstechnisch? Dass Peaches Kim Gordon für die Rolle des abgewichsten Wrestle-Trainers engagiert, hat politische Symbolkraft vor dem Hintergrund von Girl in a Band (siehe der Freitag 14/2015), Gordons desillusionierender Autobiografie, deren Refrain die Geschichte vom genialen Künstler wiederholt, der seine langjährige Frau – und Ekelwort: Muse – wegen einer deutlich Jüngeren verlässt und darüber seinen Geniusheiligenschein einbüßt.

Weder PorNo noch PorYes

Ohne es ausdrücklich zu formulieren, behauptet Peaches in den Videos zum Album den pursuit of sexual happiness, das selbstverständliche Recht auf guten Sex für alle. Auch für alle, die nicht den rigiden Normen von Körper und Alter entsprechen. Und das Recht der biologischen Frau auf einen Schwanz. „Ich wollte schon immer einen Penis und einen Tag mit Peaches verbringen, und jetzt bekam ich beides auf einmal.“ Sagt die Künstlerin Margaret Cho zu Dick in the Air, laut Peaches „das lustigste und lächerlichste Video“. Da tollen die beiden Frauen in Strickstrampelanzügen herum, Peaches in Pink, Cho in Gelb, beide mit dicken Eiern und dicken Dicks. Peaches rappt: „Let me see you put your dick in the air / We shake our asses like we don’t care / We’ve been shaking our tits for years / So let’s switch positions.“

In diesem lächerlichen Aufzug spielen die beiden Frauen gängige Pornoroutinen durch, Peaches leckt Chos Schwanz, der ein paar Wollfusseln an ihrem Mund hinterlässt. Hier geht es weder um Persiflage noch um Entlarvung. Im Umgang mit Porno unterläuft Peaches die alte Dichotomie PorNo oder PorYes. Porno ist da und geht nicht weg, also machen wir uns einen eigenen Reim drauf. In der Sprache des Massenporno sehen wir also zwei MILFs (Moms I’d Like to Fuck steht für Filme mit Frauen über 40), die schwulen Sex performen, ein Unding im strengen Kategorienraster der Sexindustrie. Zwischendurch landen die beiden auf dem Hollywood Walk of Fame und knien vor dem Stern von Barbra Streisand. Peaches singt The Way We Were, wohl wissend, dass die Streisand in der gleichnamigen Komödie nicht nur Robert Redfords Partnerin und Sängerin des Titelsongs war, sondern später Yentl, das jüdische Mädchen, das sich als Mann verkleidet. Barbra in Drag, Idol auch biederer Homos.

Wir sind alle immer irgendwie in Drag, auch und gerade wenn wir nackt sind. Wir sind nicht Geschlecht, wir performen Geschlecht, das Doing-Gender-Mantra predigt Peaches seit 15 Jahren. Und sie findet mit Rub mal wieder neue Facetten. „What Else Is in the Teaches of Peaches?“, fragt zudem ein neues Buch. Leider nicht von Roland Barthes.

Rub Peaches I U She Music/Indigo 2015

What Else Is in the Teaches of Peaches Holger Talinski Akashic Books 2015, 160 S., ca. 21 €

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06:00 25.09.2015

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