Für immer Pappkopie

Porträt Ai Weiwei fühlt sich in Berlin nicht mehr geschätzt – es ist das letzte Glied in einer Kette von Missverständnissen
Für immer Pappkopie
Er wurde hier oft für einen großen Künstler oder für einen politischen Denker gehalten. Das ist er aber genauso wenig, wie er wirklich ein Dissident ist

Foto: Beowulf Sheehan/Zuma Press/Imago

Die ganze Geschichte des Verhältnisses zwischen Ai Weiwei und dem Westen ist geprägt von Missverständnissen. Der erste große Irrtum ist wohl die hierzulande noch vor einiger Zeit nahezu flächendeckend verbreitete Meinung, Ai sei ein großer Künstler, eventuell sogar, so der Stern, der „wichtigste der Welt“. Dagegen haben Leute, die etwas davon verstehen – sagen wir mal, der international renommierte Kritiker und Kurator Hou Hanru –, schon länger betont: „Als Künstler ist er völlig uninteressant.“ Der globale Erfolg Ais verdankt sich – neben westlichen Galeristen, die ihn massiv gefördert und eingekauft haben – hauptsächlich den westlichen Medien. Die haben ihn gemacht. Sie interessierten sich besonders für den Mann, weil er nach einem zwölfjährigen USA-Aufenthalt nicht nur präzise wusste, welche Kunst im Westen ankommt, sondern auch Englisch spricht und man anders als mit den meisten chinesischen Künstlern ähnlichen Formats direkt mit ihm kommunizieren kann.

Das zweite große Missverständnis lautet: Ai Weiwei ist ein großer politischer Denker. Tatsächlich hegt er eher schlichte politische Vorstellungen, die sich zumeist darauf beschränken, dass der Staat ein Feind der Kreativität und Freiheit sei, und deshalb zu bekämpfen. Damit kommt er besonders gut bei Leuten an, die ähnlichen neoliberalen Thesen anhängen. Dass beispielsweise der ehemalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie und zwischenzeitliche AfD-Politiker Hans-Olaf Henkel im April 2011 vor der Berliner Akademie der Künste Flugblätter verteilte, auf denen Freiheit für den damals inhaftierten Ai gefordert wurde, passt sehr gut ins Bild.

Das größte Missverständnis aber ist, dass Ai ein echter Dissident sei, womöglich sogar „Chinas Staatsfeind Nr. 1“ (Bild). Zunächst einmal: Ai ist einer, den man in China einen „Princeling“ nennt. Sein Vater, Ai Qing, Dichter und hochrangiger Kulturfunktionär, verbrachte die Kriegszeit an der Seite Maos in den Höhlen von Yan’an. Zwar fiel er – wie sehr viele Funktionäre der KP – zwischenzeitlich in Ungnade und musste einen Teil seines Lebens in der Verbannung verbringen, wurde jedoch sofort nach der Kulturrevolution voll rehabilitiert und zum Vizepräsidenten des Schriftstellerverbands ernannt. Aufgrund der Stellung seines Vaters durfte sich Ai Weiwei in puncto abweichender Meinungsäußerung immer deutlich mehr erlauben als andere; der Name des Vaters dürfte Ai auch bei den diversen Bauprojekten, in die er involviert war und die von der Partei unterstützt wurden, genutzt haben.

Dass Ai schließlich doch für 81 Tage verhaftet wurde, lag daran, dass er sich zusehends für unangreifbar hielt und seine Attacken auf die Behörden verstärkte. Doch auch nach dieser kurzen Haft passierte ihm kaum etwas, zumindest im Vergleich zu anderen Renitenten: Er wurde unter Hausarrest gestellt – den er bald ohne Folgen ignorierte – und erhielt schließlich seinen Pass zurück. Das heißt: Ai kann immer noch jederzeit nach Peking fliegen, was er von Zeit zu Zeit auch tut, unter anderem, weil dort die Frau, mit der er verheiratet ist, seine Liegenschaften verwaltet.

Dass die Missverständnisse zu Ai gerade in Deutschland stärker ausgeprägt waren als anderswo, mag mit dem Faible der Deutschen für exotische Märtyrergestalten zu tun haben. Hier war jedenfalls die Soli-Bewegung während seiner Haft international am stärksten, in Berlin wurde er zeitgleich zum Mitglied der Akademie der Künste ernannt. Ai bedankte sich, indem er unter anderem – ungelogen – eine lebensgroße Pappkopie der Bundeskanzlerin in seinem Atelier aufstellte, damit er sie immer um sich hatte.

Als Ai sich dann im Sommer 2015 in Berlin niederließ, schien sich die Traumbeziehung zwischen dem „Märtyrer-Künstler“ (Die Zeit) und Deutschland zunächst fortzusetzen. In der Berliner Philharmonie wurde er mit einer Podiumsdiskussion empfangen, die über 1.000 Zuhörer gegen ein nicht geringes Entgelt besuchten, und man versorgte ihn sofort mit einer Professur. Doch in dem Maße, in dem sich nun aufgrund der fehlenden Distanz die Missverständnisse aufklärten, trübte sich die Beziehung zwischen dem Meister und seinen deutschen Fans. Das fing bereits mit einem Zeit-Interview 2015 an, in dem Ai die Festnahme von Rechtsanwälten in China beschönigte. Den ersten Höhepunkt erreichte der Unmut, als der Chinese im Januar 2016 am Strand von Lesbos das Foto des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan Kurdi nachstellte. Dabei hatte Ai eigentlich nichts anderes getan als schon zuvor in China: irgendeinen Anlass genommen, um sich selbst zu inszenieren.

Als er schließlich auch noch ein Selfie mit der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel voll in Ordnung fand, hatte er den Kredit verspielt. Wie schon auf die Kritik an seinem Flüchtlingsfilm Human Flow reagierte Ai unwirsch. Damals hatte er erklärt: „Aber Deutsche attackieren einfach immer die Personalität.“ Dass er mit seinen Selbstinszenierungen zu den Angriffen auf seine Person immer wieder Anlass gibt, kommt ihm – darin typisch Egomane – nicht in den Sinn.

Jetzt ist es also Ai selbst, der sich von den Deutschen missverstanden fühlt. Daraus hat er die Konsequenz gezogen und beim „Art Leaders Network“ der New York Times in Berlin angekündigt, die Stadt demnächst zu verlassen. Aber eigentlich ist auch das schon wieder ein Missverständnis: Es ändert sich ja nicht viel. Ai behält seinen Atelierbunker im Pfefferberg und jettet wie bisher durch die Weltgeschichte. Nur dass er vielleicht künftig ein paar Selfies mehr woanders knipsen wird.

Christian Y. Schmidt lebt als Schriftsteller in Peking und Berlin. Soeben ist sein Roman Der letzte Huelsenbeck bei Rowohlt Berlin erschienen

06:00 22.05.2018

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