Für oder gegen uns?

Spaltung Die Heftigkeit der Debatte um Mesut Özil muss auch als Erfolg der AfD verbucht werden: Identitäts- statt Sachfragen dominieren
Für oder gegen uns?
Özil gilt vielen nicht als ein „in England lebender und arbeitender Multimillionär“. Er ist der Türke, der die Hymne nicht mitsingt

Foto: Jan Huebner/Imago

Neulich in der U-Bahn: Eine Frau in, sagen wir, berlintypischer Bekleidung, kurze Hose und BH, wird von dem Mann gegenüber aufgefordert, eine Bluse anzuziehen. Sie, freundlich: „In Deutschland darf man sich so anziehen.“ „Wenn dir das nicht passt“, schaltet sich lautstark ein anderer Mann zwei Sitze weiter ein, „dann geh doch zurück nach Kurdistan!“ Das hat nichts mehr mit Zivilcourage zu tun, nichts mit Frauenrechten, da hat jemand einfach die Gelegenheit genutzt, rassistische Ausfälligkeiten loszuwerden.

Man kann über vieles diskutieren: BH in der U1, kurze Hosen im Büro, das Ende des Ballbesitzfußballs. Aber mittlerweile führt sogar ein Gespräch über Dönerfleisch in einen Asylstreit. Und der PR-Termin eines Premier-League-Spielers mit dem türkischen Präsidenten löst eine Staatskrise aus.

Mesut Özil hat erlebt, was alle, die den richtigen Deutschen nicht richtig deutsch genug sind, erleben. Es geht nicht darum, was jemand sagt, denkt oder tut – es geht immer um die Frage: „Bist du einer von uns?“ Es ist eine rhetorische Frage. Özil gilt einer breiten Öffentlichkeit eben nicht als Deutscher, er ist auch kein „in England lebender und arbeitender Multimillionär“ (Bundesaußenminister Heiko Maas), er ist der Türke im Nationaltrikot, der die Hymne nicht mitsingt.

„AfD wirkt“, schrieb die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel zwinkernd auf Facebook, als Özil beim Schweden-Spiel auf der Bank saß. Nach seinem Rücktritt ist das leider kein Witz mehr. Die AfD wirkt tatsächlich, sie hat es geschafft, dass jede, aber auch jede gesellschaftliche Frage auf das gleiche Thema hinausläuft. Für Özil oder gegen Özil? Für Einwanderung oder dagegen? Hätte Angela Merkel im September 2015 Flüchtlinge über die deutsche Grenze lassen dürfen oder nicht?

Es geht nicht mehr um Sachfragen, sondern um Blockbildung. Die AfD weiß, dass sie es geschafft hat, die ohnehin oft breiförmig geführte Diskussion in den letzten Jahren weit nach rechts zu verschieben. Schlimmer: Sie hat sie emotionalisiert. Es ist ihr gelungen, ein überspanntes gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem ständig von „gescheiterter Integration“, „Flüchtlingskrise“ und „unserem Land“ die Rede ist.

Dieser alarmistische Tonfall, der die gesellschaftliche Mitte erreicht hat, diese schleichende Veränderung der Sprache: Das alles ist entscheidend, um zu verstehen, warum die Özil-Debatte eine derartige Dramatik bekam. Verschütt geht, was gerade auch die Mitte einer demokratischen Gesellschaft auszeichnen sollte: die Fähigkeit, über Sachfragen zu diskutieren, zu differenzieren, Widersprüchlichkeiten zu erkennen – skeptisch zu sein.

Nur so konnte es passieren, dass Özil eben nicht (nur) vorgeworfen wurde, einen autokratischen Präsidenten zu unterstützen, sondern Integrationsverweigerung zu betreiben. Nur in diesem Klima konnten Oliver Bierhoff und Reinhard Grindel auf die Idee kommen, Özils PR-Fotos mit Erdoğan allen Ernstes mit der fußballerischen Leistung der Nationalmannschaft in Verbindung zu bringen – so abwegig das ist.

Sie mussten nicht einmal konkrete Vorwürfe erheben, es genügten vage Andeutungen, um allen klarzumachen, dass es um eben diese Frage geht: „Bist du einer von uns?“

Dieser Stil funktioniert nicht nur bei Fußballstars, sondern auch im Alltag. Wer einen türkischen Nachnamen oder ein Kopftuch trägt oder vermeintlich „nicht deutsch“ aussieht, wird ständig dazu gedrängt, sich bitteschön zu Deutschland, zum Grundgesetz und zu „unseren“ Werten zu bekennen. Nicht dass einer mit türkischem Namen nicht fragwürdige politische Positionen haben kann, aber in ihrer Akzeptanz sind sie offenbar den richtigen Deutschen vorbehalten. Das Ringen um die Frage, welche Werte gelten und welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen, wird so von vornherein erstickt.

Um dem erstarkenden Rechtspopulismus etwas entgegenzusetzen, braucht es weniger Identitätsgedöns und mehr Gelassenheit. Es ist nichts Neues, dass Rassismus gern damit getarnt wird, zivilisatorische Errungenschaften zu überbringen. Plötzlich werden Populisten zu Demokratieverfechtern und alte Herren in der U-Bahn zu Frauenrechtlern – solange es nur gegen „die Anderen“ geht.

Aber wollen wir uns in ein „Wir“ und „die Anderen“ drängen lassen oder können wir echte und respektvolle Auseinandersetzungen führen? Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Rechtspopulisten Özils Treffen mit Erdoğan ausschlachten, während Jan Böhmermanns „Reconquista Internet“ Özils Konterfei auf das Brandenburger Tor projiziert.

Ja, man kann diskutieren, ob ein deutscher Nationalspieler in die Hotel-Lobby pinkeln, ohne Führerschein Auto fahren oder sich mit autokratischen Präsidenten fotografieren lassen darf. Man kann zu dem Schluss kommen, dass zum Beispiel Letzteres eben nicht tragbar ist.

Dabei muss gelten, dass über die Sache an sich diskutiert wird und nicht über diffuse Identitätsfragen. Für einen Mesut Özil und einen Ilkay Gündogan muss der gleiche Maßstab gelten wie, sagen wir, für einen Marco Reus. Und jetzt reden wir vielleicht mal darüber, wie der DFB seine viel zitierten „Werte“ bei der nächsten WM in Katar für jeden wahrnehmbar zur Geltung bringen kann.

06:00 27.07.2018

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