Führungsstil

Linksbündig Was ein Meistertitel für Schalke, Stuttgart oder Bremen über die deutschen Verhältnisse sagt

Im letzten und vorletzten Jahr wurde Bayern München zwar glanzlos, aber immerhin Deutscher Meister. Das verstanden die zu jeder Interpretation bereiten Fußballfeuilletonisten als Fortsetzung des vorangegangenen Meistertitels von Werder Bremen und damit als Vorwegnahme der großen Koalition. Diese war 2005 gestartet mit Schwung, der von sich dazu berufen fühlenden Kommentatoren als sozialdemokratisch gedeutet wurde. Die Koalition hatte ihren Elan aber bald verloren, wurde zum gewöhnlichen Verwaltungsorgan, das fußballerisch am ehesten durch Bayern München repräsentiert wird. Bremen 2004 plus Bayern 2005 plus Bayern 2006 - so lässt sich die mehrheitliche Wahrnehmung in einer Formel zusammenfassen - ist gleich Stillstand von Nord bis Süd, christdemokratischsozial dominiert.

Nun, in der Saison 2006/2007, sind die Münchner Bayern zumindest bezüglich der Meisterschaftserwartung abgeschlagen, und der begehrte Titel, den die interpretationswütigen Fußballfeuilletonisten ja so gerne mit politischen Gegebenheiten gleichsetzen, wird unter dem FC Schalke 04, Werder Bremen und dem VfB Stuttgart ausgemacht. Das stellt die Exegeten vor eine sehr schwere Aufgabe: Wer soll denn in dieser Saison Angela Merkel repräsentieren? Wer steht fußballerisch für Beck oder Müntefering? Oder sollte von einem der drei Vereine gar die Botschaft in Richtung einer neuer politischen Konstellation ausgehen?

Gucken wir genauer hin: Werder Bremen steht fürs Sozialdemokratische. Das ist zwar nicht von der Sache, sondern nur von der Historie her zu begründen, aber exakt dieser Befund eint ja Werder und die SPD. Das Gerücht, der Verein aus dem Norden repräsentiere die Sozialdemokratie, rührt noch aus Zeiten des langjährigen Managers Willi Lemke, der nun für die SPD den Bildungssenator gibt. Außerdem erinnert der Habitus von prägenden Bremer Trainern wie Otto Rehhagel oder Thomas Schaaf an den sozialdemokratischer Betriebsräte.

Schalke 04 gilt ebenso als fußballerische Repräsentanz gewerkschaftlich und sozialdemokratisch geprägter Arbeiterbewegung. Im Ruhrgebiet gelegen, von seinen Fans als proletarisches Milieu gepflegt und verehrt und bis vor kurzem von autokratischen Führungspersönlichkeiten geprägt. Oskar Siebert, Günter Eichberg oder zuletzt Rudi Assauer traten auf wie Teddy Thälmann oder Heinz Kluncker. Und sein Geld bezieht der Klub wie der frühere SPD-Kanzler Gerhard Schröder vom russischen Energiekonzern Gasprom.

Der VfB Stuttgart hat einen anderen Ruf. Bis ins Oettingerhafte hinein konservativ, ein fantasieloser Bayern-München-Imitator. Das war zwar historisch nicht immer so, zu früheren Zeiten galt der VfB als der eher proletarische Verein Stuttgarts, während das Bürgertum zu den Kickers ging. Aber viele Jahrzehnte Vereinspräsidentschaft Gerhard Mayer-Vorfelders haben derart schlimme kulturelle Effekte hinterlassen, dass kaum mehr jemand an den VfB des Robert Schlienz denken mag.

Dass, wie man einwenden könnte, alle drei Vereine - Werder, Schalke und Stuttgart - gerade in den letzten Jahren erfolgreiche Modernisierungsschübe erlebt haben, dass sie alle drei von ökonomisch gut ausgebildeten Ex-Profis eben dieser Vereine gemanagt werden und dass alle drei Teams durch die gelungene Mischung aus gewagten Einkaufspolitik und solider Nachwuchsförderung geprägt sind - das alles fällt kaum ins Gewicht; schließlich würde es alle Analogien kaputt machen.

Die Nachwuchsarbeit, die Manager Horst Heldt und Trainer Armin Veh in Stuttgart zur Blüte gebracht haben, mit Ursula von der Leyens Familienpolitik in Zusammenhang zu setzen - hm, für eine solche Behauptung müsste schon einer der wagemutigsten Fußballfeuilletonisten ran. Die schwierigen Personalentscheidungen um Diego und Miroslav Klose, die Bremens Manager Klaus Allofs zu fällen hat, mit der Arbeitsmarktpolitik Franz Münteferings in Einklang bringen zu wollen - hm, hm, das wird ja noch schwerer. Aber die sehr auf Kommunikation und Konsens zielende Art, mit der Schalkes Trainer Mirko Slomka seinen schwierig und konfliktträchtig zusammengebauten Kader harmonisiert und zur Höchstleistung antreibt, das hat schon etwas von Angela Merkels Führungsstil.

Dann, wenn Schalke Meister würde, wäre das deutsche Fußballfeuilleton gerettet. Und das dürfte das einzige Argument gegen eine Schalker Meisterschaft sein. Fußballerisch spricht alles dafür.


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00:00 11.05.2007

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