Full Metal? Ohne mich!

Ritual Eigentlich fährt unser Autor jeden August zum Festival in Wacken, um harten Sound zu genießen - dieses Jahr bleibt er zuhause
Full Metal? Ohne mich!
So sah das jedenfalls aus, als noch echte Metal-Fans ihren Göttern huldigten

Foto: Jazz Archiv/ dpa

Fassungslos schaute ich den Typ neben mir an, der mir beim Slayer-Auftritt das Kopfkreisen-Lassen verbieten will. „Kannste mit dem Bangen aufhören? Ich bekomm ständig deine Haare ins Gesicht.“ Aber wie sonst soll man dieser Thrash-Metal-Band angemessen Respekt zollen und richtig abgehen?

Es sind Situationen wie diese, die mir das Wacken-Open-Air verleidet haben. Der Trip in das Dorf in Schleswig-Holstein gehörte zu meinem Sommerurlaub einfach dazu. Schon vor ein paar Jahren konnte man zwar beobachten, wie Metal in den Hintergrund rückte. Als das Festival schließlich solche Leute lockte, die mit Musik der härteren Gangart gar nichts anfangen können, war es vorbei. Was habe ich bei so einem wild zusammengewürfelten Honky-Tonk-Publikum verloren? Dafür zahle ich keine 150 Euro. 6 Euro für labbrige Pizza-Ecken und 3 Euro 50 für weniger als einen halben Liter Bier.

Wir sind „zum Wacken“ gefahren, um unsere Lieblingsbands einmal live zu sehen, und um trotz langer Laufwege, Warteschlangen und Gedränge dem Metal zu huldigen: Bangen, Pogo, Biertrinken bei donnernden Drum-Stakkati, aufschreienden Gitarren und röhrenden Gesangsfetzen. Das war mal möglich, trotz einigen Posern im Publikum. Doch nach und nach mutierte das Open Air zum ritualisierten Kampftrinken vor Hard-Rock-Kulisse. Zum Ballermann von Schleswig-Holstein.

Was laut war, ist nun Gaudi

Und der wird gut bewacht. Ein Beispiel? Die Sonne brennt, im Paulaner-Biergarten gibt es einen Springbrunnen. Warum also nicht mal die Füße reinhalten? Das geht auch zwei Minuten gut, bis Securitys sich vor die Quelle stellen, als Schutz vor den Fans. Natürlich, es geht beim Metal auch um Alkoholrausch und Ekstase, aber vor allem um den Genuss exzessiver Musik. Das Motto „Faster, harder, louder“ war einmal ernst zu nehmen. Nun ist es Gaudi. Und ökonomisch wird Wacken immer erfolgreicher.

Was 1990 in einer Kiesgrube am Dorfrand mit 800 Menschen begann, wuchs sich zum Massenspektakel aus. Inzwischen strömen jährlich mehr als 80.000 Menschen am ersten Augustwochenende auf die 200 Hektar Weideland. Sie kommen aus der ganzen Welt. Die 2013-Ausgabe, die am 1. August beginnt, war schon im Herbst ausverkauft.

Die zur Tradition gewordene Eröffnung der Drei-Tages-Kirmes durch die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr konnte ich ja noch ignorieren, aber jetzt wird einem Spaß aufgezwungen. Ein Metal-Festival zielt immer auf den Ausnahmezustand: Schlechte Witze kursieren: It’s not about Satan, it’s about pussy – oder ist das jetzt schwarzer Humor? Wie soll man Ausrasten, mitten im Club-Urlaub? Wenn Wacken wie Wellness ist? Und sogar die Tagesschau ganz routiniert von der Festivaleröffnung berichtet. Mehrere Dokumentarfilme adelten die Party für alle, berühmt wurde Full Metal Village von 2006. Wie soll man da noch von Untergrund sprechen?

Wild kann jetzt jeder sein, alles ist Wacken-Gemeinde, auf die Musik kommt es gar nicht mehr so an. Es ist so bierselig wie die Fanmeile am Brandenburger Tor oder die Silvesterparty. Mal gucken, was los ist. Saufen.

Freiheit fühlt sich anders an

Oder man lässt sich im Mittelalterdorf zum Knappen ausbilden. Stürzt sich in Wrestling-Duelle, ergötzt sich an einer Steam-Punk-Show, nimmt am Miss-Wet-T-Shirt-Contest teil. Man kann auch den Bullhead City Circus besuchen, das größte mobile Zelt der Welt. Natürlich gehören auch Souvenirs zum Event: So kann man sich mit einem persönlich gravierten Stein – Gebrauchsmuster: „W:O:A für ever! Since 1999 Hotte“ – für 66 Euro 60 verewigen. W.O.A. Wacken-Open-Air statt Mauerstück.

Aus Markensicht haben die Organisatoren alles richtig gemacht. Es gibt Fanmail und App, Teilnehmer haben sich sogar das Logo, einen skelettierten Stierschädel, auf den Körper tätowiert. Wacken ist zur Marke geworden. Und die Hartmetaller-Szene wird nur noch simuliert.

Dass erfolgreiche Underground-Festivals jedoch nicht im Kommerz enden müssen, beweisen andere Open-Airs, wie das bei Mühlhausen stattfindende Party.San.

Bei meinem letzten Mal in Wacken hat mich, viel zu früh, ein Funpunk-Gegröle geweckt. „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist!“ Ich verließ also mein Zelt, und kam mit der Gruppe junger Männern ins Gespräch. „Nö, wegen einer speziellen Band sind wir nicht hier.“ Auf den ganz harten Kram würden sie sowieso nicht so stehen, aber „vom Feeling her“ wollten sie schon immer mal aufs Wacken. Dann intonierte einer von ihnen einen Böhse-Onkelz-Song. Die Onkelz?! Krautrock für schlichte Gemüter – auch auf dem Wacken haben die Nicht-Metaller schon gespielt. Und die Scorpions waren gleich zwei Mal da. Nur was sucht Mambo-Kurt mit der Heimorgel hier? Aus einem Autoradio klingt Achim Mentzel herüber: „Hier fliegt heut die Kuh.“ Bestimmt alles ironisch gemeint.

Klar, es treten auch verdammt gute Bands hier auf, 2013 etwa Meshuggah und Legion of the Damned. Oder Motörhead. Aber will ich sie aus 200 Metern Entfernung erleben? Was, wenn sich die Lieblings-Gigs überschneiden? Freiheit fühlte sich mal anders an. Ich habe tolle Menschen auf dem Wacken kennengelernt: Pepe aus Brasilien etwa und dieses schwedische Pärchen. Wir plauderten stundenlang über Spott und die Welt, grölten gemeinsam zu Cannibal Corpse, haben bei Dying Fetus geschwitzt. Gerade internationale Metalheadz finden sich noch immer auf dem Wacken. Aber – das ist wunderbar – sie verbringen ihren gesamten Festivalsommer in Deutschland. Man trifft sich auch auf den kleinen Szene-Open-Airs, bei Bier und Headbangen, vorn direkt an der Bühne, wo einem Popper nicht die Sicht versperren.

Auf Wacken gibt es dafür nun eine eigene Bühne, die Headbanger-Stage. Da lief ich aber ständig Gefahr, vom RTL-Explosiv-Team mit der Kamera angesprungen zu werden. It’s all over now.

16:06 31.07.2013

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