Fundgruben für Literaturliebhaber

Geistesleben Die „Neue Rundschau“ feiert munter ihren 125. Geburtstag. Soll keiner sagen, die deutschen Kultur- und Literaturzeitschriften seien tot. Ein Rundgang

Der ganze Kleist sollte ­sichtbar werden, die Stadien aller seiner Werke vom ­Manuskript bis zum Druck

Unter dem Titel Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind ist das Sonderheft der Zeitschrift Merkur erschienen, ein umfangreicher Band mit 25 anspruchsvollen journalistischen und akademischen Beiträgen, deren Bedeutsamkeit hier nur angetippt werden kann. Im Vorwort verweisen die scheidenden Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel auf Michel Foucault, der die philosophische Form, die Wahrheit zu sagen, mit dem altgriechischen Wort „Parrhesia“ bezeichnet hat. Deren Merkmale seien Offenheit, Engagement, Risiko. Verlangt werde die „unumwundene Rede“, ohne Rücksicht auf mögliche Reaktionen der anderen.

Dazu ist nur ein Außenseiter fähig, der „existenzielle Nonkonformist“, womit gewiss nicht die in den Talkshows gefeierten sogenannten „Tabubrecher“, diese „blinzelnden Opportunisten des Zeitgeists“ gemeint sind, sondern wirkliche Dissidenten, kritische Intellektuelle, die – so Adorno – „nicht mitmachen“, dabei freilich der Gefahr ausgesetzt sind, sich für besser zu halten als die Übrigen. Wobei es, wie Gustav Seibt anmerkt, für ganz durchschnittliche Menschen nicht wünschenswert ist, Außenseiter zu sein, denn ein erzwungenes Leben am Rand kann zur Hölle werden.

Als stolze Verweigerer sahen sich Paul Valéry, André Breton und Jean-Paul Sartre, die sogar miteinander konkurrierten und ihren Nonkonformismus jeweils verschieden begründeten. Der wahre Außenseiter war für Sartre der zum „Heiligen“ erhöhte Dieb, Homosexuelle und Schriftsteller Jean Genet; aber auch Jean-Jacques Rousseau mit seiner radikalen Zivilisationskritik, dessen Widersprüche Peter Bürger im Merkur vorstellt.

Dem Katastrophenfilm widmet sich Jörg Lau. Stets sei es in diesem Genre der Außenseiter, der die Welt rettet. In seiner selbstgebauten Hütte am Rand der Gesellschaft spüre er das leise Knirschen der Erdachse, während die Etablierten, blind und behäbig, das nahende Unglück nicht wahrhaben wollen. Insofern erscheint der Außenseiter als eine spezifisch amerikanische Figur der kulturellen Selbsterneuerung. Ein berühmtes Vorbild ist der Waldgänger Henry David Thoreau, der 1854 mit seinem Buch Walden „die mythische Schrift des amerikanischen Nonkonformismus“ vorgelegt hat. Ohne ihn, meint Jörg Lau, „kein Gandhi, kein Martin Luther King, kein Greenpeace.“ Jedenfalls nahm Thoreau Wendungen der Alternativbewegung des folgenden Jahrhunderts vorweg, vom Vegetarismus bis zur Apologie des politischen Terrors.

Gang zu den Quellen

Reiche Funde kann man auch im jüngsten Heft von Sinn und Form machen. Etwa ein Gespräch, das Ralph Schock mit Peter Kurzeck über dessen auf 12 Bände angewachsenes Erinnerungsprojekt führt, das vor allem die Jahre 1983/84 thematisiert. Oder ein Vortrag von Helmut Heißenbüttel aus dem Jahr 1982 über Landschaft im Gedicht, wobei es Heißenbüttel auf die Entzauberung der Naturmetapher ankommt, die noch immer als Ausdruck subjektiver Befindlichkeit gelte. Oder die grausigen Erzählungen aus Kolyma, den stalinistischen Straflagern, von Warlam Schalamow.

Zum Abschluss der Brandenburger Kritischen Kleist-Ausgabe schildert Sibylle Wirsing klug und kenntnisreich deren Vorzüge. Der ganze Kleist sollte sichtbar werden, die Stadien aller seiner Werke vom Manuskript bis zum Druck. Dieser Plan, der in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre von Roland Reuß und Peter Staengle entwickelt wurde, liegt nun zum Kleistjahr 2011 in 22 blauen Textbänden und 20 roten Beiheften verwirklicht vor – ein Gipfel, an dem alle Vorgänger gescheitert sind. Erfasst wurden sämtliche Texte Kleists; jeder Brief, jedes Gedicht, jeder Aufsatz wurde kritisch durchleuchtet. Die einzelnen Bände sind allein mit der Konsolidierung der Texte befasst, sie geben keine Erläuterungen zu Kleists Leben. Die Beihefte führen ein Eigenleben; ihre Aufgabe ist, so Wirsing, „der Gang zu den Quellen.“ Die Quellen sind Briefe und Briefwechsel der Zeitgenossen, Tagebücher, Erinnerungen, Aktenstücke und Nachrufe, und sie sind so vollständig wie nirgendwo sonst. Auch Kleists im Herbst 1810 gegründete Zeitung Berliner Abendblätter ist vollständig in die Brandenburger Ausgabe eingegangen.

Die Kleist-Blätter sind das Forum für eine Kampfschriften-Folge, verfasst vom Herausgeber Roland Reuß. Zielscheibe ist „die institutionalisierte akademische Welt, Editoren, Philologen und Kommentatoren.“ Reuß und Staengle haben ihr Werk subventionslos begonnen. Dagegen hat die etablierte Kleist-Forschung Jahrzehnte lang ergebnislos, aber gut subventioniert, über einer kritischen Ausgabe gebrütet.

Einen überraschenden Fund präsentiert Sinn und Form in Gestalt eines Aufsatzes von Louis Aragon über Heinrich von Kleist. Der Mitbegründer des Surrealismus hat ihn 1950 in Paris veröffentlicht; er erscheint hier erstmals auf Deutsch. Ein biografisch orientierter Text, der die Zeitgeschichte berücksichtigt, das radikale Werk Kleists aber nur am Rand erwähnt. Das Interessante ist die Gleichsetzung von Kleists aggressiver Reaktion auf den Vormarsch der napoleonischen Armeen in Deutschland mit der Reaktion der französischen Patrioten der Résistance am Vorabend des Zweiten Weltkriegs – womit Aragon auch Kleists glühenden Nationalismus rechtfertigt.

Eine Kiste voller Bücher

Vor genau 125 Jahren, im September 1886, ist der S. Fischer Verlag gegründet worden. Die nur vier Jahre jüngere Zeitschrift Neue Rundschau, die noch immer bei S. Fischer erscheint, hat Autoren von heute gebeten, einen kurzen Text über ihren Verlag zu verfassen. Zusammengekommen sind 29 Beiträge, darunter auch ein paar brave, neckisch witzelnde, lobhudelnde Texte – Geschichten und Dialoge, die von der Realität des Verlagswesens nichts wissen, von der prekären Lage mancher Autoren.

Dagegen berichtet Reiner Kunze von einer Signierstunde nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1977. Eine Frau fragte ihn provozierend, warum er in den Westen gekommen sei. Um nicht ins Gefängnis geworfen zu werden, antwortete er. „Na und, sagte sie, ist das so schlimm?“ Michael Lentz besucht Samuel Fischers Grab auf dem jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin, Stephan Wackwitz Fischers Geburtsstadt Liptovsky Mikulás. Rainer Merkel berichtet von einer Kiste voller Büchern des Verlags, eine Spende für ein Krankenhaus in Liberia, die dort nie angekommen ist. Was hätten die Afrikaner auch mit den auf Deutsch abgefassten Büchern anfangen können? Man erfährt auch, von Peter de Mendelssohn, wie es Thomas Manns reichem Schwiegervater Alfred Pringsheim 1905 gelang, die Veröffentlichung der Novelle Wälsungenblut, die vom Inzest eines jüdischen Zwillingspaars handelt, in der Neuen Rundschau zu verhindern, obwohl das Heft bereits gedruckt war.

Und das noch: Wallace Stevens, der 1955 in Hartford starb, wo er sein Geld als Vizepräsident einer großen Versicherungsgesellschaft verdiente, gilt heute als der bedeutendste amerikanische Lyriker des 20. Jahrhunderts. Die im aktuellen Heft von Akzente abgedruckten, vermutlich späten Gedichte von Stevens vermitteln einen guten Eindruck von der poetischen Dichte, Rätselhaftigkeit und Feierlichkeit seiner Poesie.

Merkur Heft 9/10, September/Oktober 2011 (Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 21,90 €

Sinn und Form Heft 5, 2011 (Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9 €

Neue Rundschau Heft 3, 2011 (Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt a. M.), 12 €

Akzente Heft 4, August 2011 (Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €

Fundgruben für

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Michael Buselmeiers Theaterroman Wunsiedel ist für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 nominiert

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16:24 11.10.2011

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