Fünfte Kolonne außer Tritt

Irak Die kurdischen Führer im Norden sind für die USA unsichere Kantonisten. Diskreditiert und zerstritten kommen sie für eine politische Neuordnung kaum in Betracht

Ein Hamid Karzai ist bisher nicht aufgetaucht. So verzweifelt die Amerikaner auch suchen, eine überzeugende Führungsfigur der irakischen Opposition, die sich gegen Saddam Hussein in Stellung bringen ließe, bleiben sie schuldig. Ein Post-Saddam-Modell zu finden, erweist sich als mindestens ebenso schwierig wie die Suche nach einem die NATO-Alliierten überzeugenden Grund für einen Militärschlag. Es gibt innerhalb der beiden einflussreichsten Anti-Saddam-Allianzen im Exil - der Nationalen Charta unter Iyad Allawi und dem Nationalkongress unter Ahmed Jalabi - keinen Politiker, der dank Statur und Autorität mit dem derzeitigen afghanischen Staatschef zu vergleichen wäre. Auch nicht die beiden charismatischen Frontmänner der Kurden-Region im Nordirak: Jalal Talabani, Chef der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), und Massud Barzani von der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) kommen als zuverlässige "Fünfte Kolonne" gegen den irakischen Herrscher heute weniger denn je in Betracht.
Die Geschichte der irakischen Kurden im Jahrzehnt nach dem Golfkrieg von 1991 ist geprägt von Zerwürfnissen, Zwist und Zweckallianzen. Als im März 1991der bislang letzte Aufstand gegen Saddam scheiterte - nicht zuletzt, weil die erhoffte Hilfe der Golfkriegsallianz des Westens ausblieb -, mauserte sich der innerkurdische Konflikt um Provinzen, Zolleinnahmen und Waffentransfers zum veritablen Bürgerkrieg. Atemberaubende Frontwechsel fanden statt. Im Sommer 1996 folgte die Republikanische Garde Saddam Husseins einem Ruf Masud Barzanis, um dem KDP-Patriarchen die kurdische Stadt Erbil (s. Karte) zu Füßen zu legen. Als es darum ging, eine Schneise in die Machtphalanx des Erzrivalen Talabani und seiner PUK-Bataillone zu schlagen, waren Saddams Eliteeinheiten - Giftkrieg gegen die Kurden 1988 hin oder her - willkommen. Diese Kollaboration ermöglichte der Regierung in Bagdad die seit dem Golfkrieg massivste Demonstration ihres Hoheitsanspruchs auf Irakisch-Kurdistan. Bei den Operationen der Republikanischen Garde - sie dauerten bis September 1996 - wurden Hunderte von irakischen Oppositionellen erschossen, die in kurdische Provinzen emigriert waren. Briten und Amerikaner bombardierten die Region zwar mehrfach, doch zeitigte das kaum Wirkung. Saddam Hussein konnte mit Barzani gelassen pokern, um Talabani auszumanövrieren. Wer sich mit dem Diktator als Kurde gegen Kurden verbündete, konnte kein Todfeind Bagdads mehr sein. Auch keine respektable Galionsfigur einer gegen Bagdad gerichteten kurdischen Autonomie.

Irakisch-Kurdistan seit 1988

Anfal-Offensive
In der Endphase des irakisch-iranischen Krieges (1980 - 1988) gehen Truppen der Zentralregierung gegen Städte und Dörfer in Irakisch-Kurdistan vor. Dabei müssen mehr als 400.000 Kurden Deportationen in Mujammatate (sog. "Kollektivstädte") auf sich nehmen. Am 16. März 1988 wird in der Stadt Halabja Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt - 5.000 Menschen sterben sofort, 6.500 in den folgenden Monaten.

Provide Comfort
Mit dem Sieg der von den USA geführten Staatenkoalition im Golfkrieg Anfang 1991 kommt es in der Kurdenregion zu einem Volksaufstand, der von Truppen Saddams niedergeschlagen wird, ohne dass die Alliierten eingreifen. Erst als fast zwei Millionen Flüchtlinge in Richtung Iran unterwegs sind, wird mit der Operation Provide Comfort im Norden des Irak eine Schutz- und Flugverbotszone ("Save Haven") eingerichtet. Die UN-Resolution 688 regelt jedoch nur Schutz und Status der Flüchtlinge - die Zugehörigkeit der Kurdengebiete zum irakischen Staat wird davon nicht berührt.

Angriff auf Erbil
Zwischen 1994 und 1997 geraten die beiden größten Kurdenparteien - die Demokratische Partei (KDP) Masud Barzanis und die Patriotische Union Kurdistans (PUK) Jalal Talabanis - in einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt um die Vorherrschaft in den Kurden-Provinzen Dohuk, Sulaimanya und Kirkuk (s. Karte). Im August 1996 greifen Truppen Saddam Husseins zugunsten Barzanis ein und besetzten das strategisch wichtige Erbil. Zugleich interveniert die türkische Armee mehrmals in Irakisch-Kurdistan, um mutmaßliche Rückzugsbasen der PKK anzugreifen.

Washingtoner Abkommen
Unter Ägide der USA handeln KDP und PUK im August 1998 in Washington einen Vertrag aus, der einen 1997 geschlossenen Waffenstillstand besiegelt, eine Machtteilung und den Aufbau gemeinsamer kurdischer Verwaltungen vorsieht. Es gibt zwar im Februar 2000 Kommunalwahlen, doch die Normalisierung zwischen den verfeindeten Lagern kommt nur schleppend voran.


Sollten irgendwann in den nächsten Monaten US-Truppen im Nordirak intervenieren und auf dem Landweg gegen Bagdad marschieren, die Peshmerga - die "Freiheitskämpfer" von PUK und DPK - dürften ihnen weder als moralisches Feigenblatt noch als taktische Reserve, vergleichbar der afghanischen Nordallianz, zu Diensten sein. Es ließe sich gewiss durch einen kurdischen Korridor ins irakische Kernland vorstoßen, doch fände sich zwischen Erbil und Halabja alles andere als ein stabiler politischer Brückenkopf, der für einen irakischen Nach-Saddam-Staat von Belang wäre. Die kurdische Klientel der Amerikaner ist vom Makel einer pragmatischen Liaison mit dem heutigen irakischen Regime gezeichnet. Wer auch immer Saddam Hussein politisch beerbt, kann nicht mit Barzani und Talabani paktieren. Denen bliebe nur die Flucht in die Separation, letztlich einen eigenen Staat im Nordirak. Notgedrungen unter der Protektion einer US-Besatzungsmacht und feindselig beobachtet von den Nachbarn Iran und Türkei, die natürlich wüssten, welche Signale die eigene kurdische Community erhielte. Mit einem solchen Kurdenstaat entstünde demnach ein weiteres Protektorat, das von außen zu ernähren und nach außen gegen seine Feinde zu schützen wäre. Eine Enklave ethnischer Hybris und geostrategischer Irrationalität - die kurdische Karte garantiert den Amerikaner ein verlustreiches Spiel.
Allerdings scheint der Operationsraum Nordirak inzwischen auch aus anderen Gründen suspekt. Das Gebiet an der iranischen Grenze wurde seit der Afghanistan-Invasion Ende 2001 zum Refugium einer islamistischen Guerilla, von der ein steter Druck auf die fragile kurdische Administration von KDP und PUK ausgeht. Vor allem der Gruppe Ansar al-Islam (Anhänger des Islam) werden Verbindungen zu al Qaida, mindestens aber nach Teheran, nachgesagt. Ihr Potenzial reicht für gezielte Attentate auf lokale KDP- und PUK-Führer. Sollten die Amerikaner in der Region auftauchen, wäre dieser fundamentalistische Widerstand ein beachtenswerter Störfaktor, über dessen Hinterland bisher nur spekuliert wird. Man weiß allerdings, dass der in Teheran wohlgelittene Scheich Ali Abdulaziz im März das Kommando der Ansar al-Islam übernommen hat. Für Masud Barzani und Jalal Talabani Indiz genug, um gemeinsam (!) zu erklären, dass diese islamistische Guerilla im Falle eines Militärschlages gegen den Irak als "Fünfte Kolonne" Saddam Husseins, aber auch der Ayatollahs in Teheran eingesetzt werden solle.

Der Autor arbeitet seit 1999 als Beobachter des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen, UNICEF, in Bagdad.


00:00 30.08.2002

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