Omid Nouripour, Christoph Schnurr, Matthias Zimmer, et al.
14.04.2011 | 17:10 4

Für die Rettung einer eigenständigen, überregionalen Frankfurter Rundschau

Appell 27 prominente Frankfurter aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft appellieren an die Verleger, die FR als zentrale Institution der Stadtgesellschaft zu erhalten

Uns allen liegt die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung der Rhein-Main-Region sehr am Herzen. Daher ist für uns die Nachricht von den bevorstehenden Veränderungen in der Redaktion der Frankfurter Rundschau ein schwerer Schlag. Die Rundschau war und ist eine zentrale Institution der Stadtgesellschaft und ein markanter Teil der Repräsentation Frankfurts nach außen. Im Gefüge des Medienstandorts spielt sie eine herausragende Rolle. Eine weltoffene, diskussionsfreudige und dynamische Region wie Rhein-Main braucht die lebendige Debatte mehrerer überregionaler Medien.

Wenn nun die wesentlichen, überregionalen Bestandteile der Redaktion mit der Berliner Zeitung zusammengefasst werden sollen, steht das Ende des eigenständigen Profils der Rundschau zu befürchten, und damit einer eigenständigen deutschen Qualitätszeitung. Unsere Unterstützung gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die von dieser Umstrukturierung betroffen sind. Unsere Sorge gilt der Stadt, der damit ein wichtiges Forum verloren geht: Frankfurt braucht die Rundschau, und die Region braucht die Rundschau. Aber nicht nur für das Rhein-Main-Gebiet wäre das Ende der Rundschau ein herber Verlust. Für die föderale Struktur des Landes ist es wichtig, die zunehmende Medienkonzentration in Berlin durch profilierte Stimmen aus anderen Städten auszubalancieren.

Wir appellieren deshalb an die Verleger: Erhalten Sie die Rundschau als eigenständige Frankfurter Zeitung. Wir danken Ihnen, dass Sie die FR in den schwierigen letzten Jahren begleitet haben und ermuntern Sie, den Weg der Erneuerung der Zeitung als eigenständiges Frankfurter Blatt mit überregionaler Ausstrahlung weiter zu gehen.

Omid Nouripour, MdB
Christoph Schnurr, MdB
Matthias Zimmer, MdB
Prof. Werner Müller-Esterl, Präsident, Goethe-Universität Frankfurt
Salomon Korn, Vorsitzender, Jüdische Gemeinde Frankfurt
Prof. Micha Brumlik
Joachim Paech, CEO, Silvia Quandt Cie. AG
Oliver Reese, Intendant Schauspiel Frankfurt
Bernd Loebe, Intendant Oper Frankfurt
Joachim Unseld, Verleger, Frankfurter Verlagsanstalt

Dieter Buroch, Intendant, Künstlerhaus Mousonturm
Daniel Cohn-Bendit, MdEP
Olaf Cunitz, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Römer
Claudia Dillmann, Direktorin Deutsches Filminstitut/Deutsches Filmmuseum
Tobias Fila, Vorsitzender Junge Liberale Frankfurt
Laura J. Gerlach
Tom Koenigs, MdB
Peter Kurzeck
Heiner Maier
Renate Nyssen-Brumlik
Hans-Joachim Otto, MdB, Parlamentarischer Staatssekretär
Rupert von Plottnitz, Hessischer Justizminister a.D.
Annette Rinn, Fraktionsvorsitzende FDP im Römer
Sarah Sorge, MdL, Vizepräsidentin des Hessischen Landtags
Jutta Stössinger
Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB
Nils Wendtlandt, Pressesprecher Schauspiel Frankfurt

Kommentare (4)

R Stilzchen 14.04.2011 | 21:46

Von nichts eine Ahnung, aber folgenlose Appelle unterschreiben. So kennen wir Sie, die größtenteils von allen Steuerzahlern subventionierten Besserwisser aus dem politisch-kulturellen Komplex. Und dann auch noch latent fremdenfeindlich und leicht größenwahnsinnig: Frankfurt ist gut, Berlin ist schlecht.
München hat eine deutschlandweit bedeutende Qualitätszeitung, Frankfurt auch. Wieso braucht die Rhein-Main-Region eine zweite überregionale Zeitung? An Rhein und Ruhr gibt es nicht ein einziges Blatt mit diesem Anspruch, im Südwesten und Norden auch nicht.
Was ist daran falsch, wenn Teile der FR in Berlin entstehen? Die regionale Berichterstattung der Frankfurter Rundschau bleibt doch erhalten.
Eine Medienkonzentration in Berlin kann ich nicht erkennen. Es stimmt zwar, dass die Zentralen von "Bild" und "Welt" nach Berlin gegangen sind, aber damit hat es sich auch schon.
Alle sonstigen wichtigen Sender und Presseorgane kommen nicht aus der Hauptstadt, sondern aus Hamburg, München, Frankfurt oder Köln.
Dieser Appell ist eine lächerliche Pflichtübung. Konkret folgt daraus nichts. Er ist überflüssig.

wwalkie 14.04.2011 | 22:15

Mich nervt dieses Funktionendropping ebenfalls (MdB, MdEP, Fraktionsvorsitzende, Pressesprecher von was auch immer - und der geniale Peter Kurzeck "nackt", weil funktionsfrei). Andererseits kann man es den Frankfurtern nicht vorwerfen, dass es zum Beispiel im Ruhrgebiet "kein einziges Blatt mit Anspruch" gibt, vielleicht eher den "Ruhris", dass sie keine Ansprüche haben. Welche "Ansprüche" hat eigentlich die FAZ? Besser: Wer "beansprucht" sie?

Ich lese seit langem die FR - oft ziemlich traurig, weil ich den Druck spüre, unter dem die Journalisten ihre Texte verfassen. Ich glaube nicht, dass sie mit allem, was sie schreiben, einverstanden sind. Und trotzdem ist sie um Längen besser als das, was der WAZ-Konzern uns in NRW zumutet.

Was man den Verfassern der Petition (?) - wie lieb (!) - vorwerfen kann, ist, dass sie nicht auf die Inhalte eingehen, sondern nur vage auf die Relevanz einer Zeitung für eine Region. Sind wir schon so weit, dass die politische Ausrichtung einer Zeitung völlig aus dem Blick gerät? So wie bei dem Bescheidwisser RStilzchen, der dekretiert: "Eine Medienkonzentration in Berlin kann ich nicht erkennen". Ja, dann muss es ja stimmen. Und ich muss mich nicht ärgern, wenn meine Frankfurter Rundschau in Berlin gemacht wird - wie fast alle anderen "Qualitätszeitungen" auch. Warum aber nicht in Bombay? Müsste doch im Zeitalter des Internet möglich sein. Ist billig - und wird nicht vom Steuerzahler RStilzchen subventioniert. Der kann dafür in Arbeitsplätze investieren. Der Lokalteil für Frankfurt wird dann halt in Berlin gemacht. Oder Manila. Ist ja auch egal. Die Zeitungen sterben so wie so. Oder etwa nicht?

silvio spottiswoode 19.04.2011 | 01:40

Der Appell ist sicherlich gut gemeint – ja, lieb – ist durchaus richtig. Und er zeigt vor allem wie meilenweit entfernt unsere Frankfurter Würdenträger und Fraktionsvorsitzenden vom Tagesgeschehen einer Zeitung sind. Mir wird bei diesen Meldungen inzwischen regelrecht schlecht, bedeuten sie doch immer, dass es an die Substanz und an Existenzen geht. Über die letzten 10 Jahre habe ich hier in Frankfurt so viele gute Leute gehen sehen, das schmerzt echt. Und irgendwie fehlt es immer noch an guten Ideen mit denen man dem adäquat Wandel begegnen könnte.

Mein ZeitungsGESTALTUNGSliebling, der Guardian, (best editorial design, brilliant website) ist wegen seinem generösen Stifter dem "Scott Trust" noch halbwegs in einem Schutzraum was die Bilanzen angeht. So ziemlich allen anderen, ganz gleich ob Le Monde, die New York Times, das Wallstreet Journal, selbst die NZZ und ganz klar hier bei uns die FAZ oder die Rundschau haben ernste finanzielle Probleme. Wo man hinsieht es ist ein Blutbad. Die Mediengruppe "M. DuMont Schauberg" (MDS) hat allein im vergangen Jahr ein Defizit von 19 Millionen Euro nur mit der Rundschau gemacht.

Wen wundert es da noch, dass überall Redaktionen zusammengelegt oder zumindest bis zur Unkenntlichkeit dezimiert werden. Reduziert und ausgehungert bis auf die letzten bulemischen Reste, dem Erdboden gleich gemacht; um Kosten zu sparen weichen fähige, erfahrene Redakteure planlosen Voluntären, mehr noch, ganze Graphik Abteilungen werden "outgesouced" oder einzelne Personen machen Objekte vollkommen allein: Redakteur, Korrektor, Recherche, Bildredaktion und Layout, alles in Personalunion. Dabei haben sie dann locker 70 - 80 Stunden Wochen und freuen sich auch noch überhaupt Arbeit zu haben. Das ist alles komplett Kamikaze.

Ganz objektiv würde ich schon eine Medien Konzentration in Berlin sehen: Springer, BZ, taz, Freitag, Monopol, DE:BUG, Spex, Face, Dummy mit Hauptsitz in Berlin. Etliche andere haben zumindest eine Redaktionsbüro in der Hauptstadt. Auch im Kunst- und Designbetrieb gibt's deutschlandweit inzwischen kaum eine global agierende Galerie, kaum ein hippes Designbüro, ohne zumindest eine Berliner Depandence. Berlin zieht da objektiv schon einiges ab.

Und in Frankfurt sind sie momentan noch dabei nicht nur den Verlust von Suhrkamp sondern auch den Abgang des Eichborn Verlags zu verarbeiten. Beide wechselten ja letztes Jahr in die günstigere Hauptstadt.

silvio spottiswoode 23.04.2011 | 15:57

Wieso braucht die Rhein-Main Region eine zweite Überregionale Zeitung? Als KORREKTIV!
Denn auch für die etablierten Redakteure bei der FAZ ist die kritische, vitale Rundschau belebend.
Die FAZ ist gut, hat ein klasse Feuilleton aber nur zusammen mit der links-liberalen Rundschau existiert in Frankfurt am Main ein kritisches Spannungsfeld.

Zeitungen haben ja immer auch was mit Identität und Verortung zu tun. Ein Stück Identität und Unabhängigkeit schwindet aus Frankfurt mit der Umstrukturierung der Rundschau.