Für drei Euro gehen Banken über den Ladentisch

Finanzkrise in Russland Die Finanzkrise verschont auch Russland nicht. Sie führt zu Einbrüchen beim Automobilbau und im Bausektor. Experten rechnen mit Reallohneinbußen von 30 Prozent und der Entlassung von Millionen Gastarbeitern.

Seit die Finanzkrise wütet, wird der Aktienhandel in Moskau immer wieder ausgesetzt, um extreme Kurs-Schwankungen zu verhindern, wie die Aufsichtsbehörde erklärt. Aber damit ist es nicht getan, die russische Regierung hat allein in den vergangenen sieben Tagen bereits 190 Milliarden Dollar bereit gestellt, um den Finanzmarkt zu stabilisieren. Wie im übrigen Europa gilt die Formel: Systemrelevante Banken werden mit öffentlichen Geldern gestützt, auch wenn das bisher wenig hilft oder die Bankrotteure in anderen Fangnetzen landen wie die in Not geratene Investmentbank Kit Finanz, die für symbolische 100 Rubel (umgerechnet 2,7 Euro) von der russischen Staatsbahn RZD und dem Diamantenförderer IG Alrosa aufgekauft wurde.
Die Regierung von Premier Putin gibt sich demonstrativ gelassen, verweist auf die staatlichen Rücklagen aus dem Öl- und Gasgeschäft und hat auch Geld für andere Länder übrig. Spätestens Mitte der Woche will das Finanzministerium über den geplanten vier-Milliarden-Euro-Kredit an das in Not geratene Island entscheiden – Russland lasse eben nichts unversucht, um sich für die Einflusszonen am Nordpol mit seinen Öl- und Gas-Ressourcen zu empfehlen, meint die Nesawisimaja Gaseta. Der Leiter des „Instituts für Probleme der Globalisierung“, Michail Deljagin, empfindet den Island-Kredit als unnötige Machtdemonstration. „Unsere Regierung versteht offenbar nicht die Tiefe der Krise. Mit dem Geld sollte man besser der russischen Wirtschaft helfen“, lässt er sich in der Nesawisimaja Gaseta zitieren. Er rechne allein im Bausektor wegen der Finanzkrise, die viele Investoren treffen werde, mit der Entlassung von fünf Millionen Gastarbeitern aus Armenien, Aserbeidschan oder der Ukraine allein im Bausektor. Wem es nicht den Job koste, der müsse in dieser Branche mit Lohneinbußen von 30 Prozent und verspäteten Lohnzahlungen rechnen, meint Wladimir Gimpelson vom Zentrum für Arbeitswissenschaften. Schon bevor die Banken ins Schleudern gerieten, war Russland mit einer steigenden Inflationsrate konfrontiert, so dass im ersten Halbjahr 2008 die Reallöhne im Schnitt um zehn Prozent an Wert verloren.
Der erste Unternehmer, der in Moskau Großprojekte einfrieren will, ist Sergej Polonski, Chef des Branchen-Giganten Mirax Group, der im Augenblick den 360 Meter hohen „Federation Tower“ im Hochhaus- und Hochglanz-Areal Moscow City hochzieht und eigentlich ein Zeichen für ein Wirtschaftswachstum ohne Höhenangst setzen wollte. Polonski bietet in einem Brief an russische Journalisten, sie sollten Verantwortung zeigen und die Situation nicht dramatisieren. Immerhin hingen vom Bausektor Hunderttausende Arbeitsplätze ab. Keine prophetischer Blick, sondern die realistische Beschreibung der Lage. Werden Bauvorhaben storniert, schlägt das nicht nur auf die Lieferanten durch. Das Stahlunternehmen Magnitogorsk im Ural will seine Produktion im Oktober um 25 Prozent zurückfahren. Auch in der Automoil-Branche gibt es Einbrüche. Das Unternehmen GAS stellt seine Lastwagenproduktion bis Mitte Oktober sogar vorübergehend ein und schickt die Belegschaft für zwei Drittel des Lohnes in einen Zwangsurlaub, von dem keiner weiß, wie lange er dauern wird. Der Lastwagenbauer KAMAS verfährt ähnlich. Wladimir Putin traf sich am gegen Ende vergangener Woche mit der Duma-Fraktion der Kommunistischen Partei und erklärte, die Möglichkeiten des Staates, die Krisen-Folgen sozial abzufedern, seien begrenzt, doch wolle der Staat für alle Spareinalgen bis zu einer Höhe von 20.000 Euro bürgen.

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