Für ein Großes Britannien

Ikone Vor 30 Jahren wurde Margaret Thatcher Premierministerin und veränderte die Insel radikal. Noch heute spalten die Folgen ihrer Politik die britische Gesellschaft

Als Margaret Hilda Thatcher 1975, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, Vorsitzende der Konservativen Partei Großbritanniens wurde, sahen wohl nur sehr wenige vorher, welchen Einfluss sie auf die britische Gesellschaft haben sollte. Zu jener Zeit kannten die meisten sie als Erziehungsministerin in der Regierung Edward Heaths, die die kostenlose Milchausgabe an den Schulen eingestellt hatte. Die Boulevardzeitung The Sun, die sie später von allen Medien am tatkräftigsten unterstützen sollte und deren proletarische Leserschaft später ausschlaggebend für ihren spektakulären Wahlerfolg war, nannte sie schlicht die unbeliebteste Frau Großbritanniens.

Allein schon die Länge ihrer Amtszeit als Premierministerin ist erstaunlich. Sie gewann drei Wahlen in Folge und blieb mit elf Jahren länger im Amt als alle britischen Premierminister des 20. Jahrhundert vor und nach ihr. Aber vielleicht noch überraschender war das Wesen der sozio-ökonomischen Revolution der 80er Jahre, die mit ihrem Namen identifiziert werden sollte. Tatsächlich war vieles von dem, was später als „Thatcherismus“ bekannt wurde, das genaue Gegenteil davon, was man von der Frau erwartet hätte, die am 4. Mai 1979 zur ersten weiblichen Premierministerin Großbritanniens gewählt wurde.

Verkörperung hausfräulicher Sparsamkeit

Wenige hätten beispielsweise erwartet, dass die Tochter eines Lebensmittelhändlers aus dem ländlich geprägten Lincolnshire, die in der britischen Politik als die Verkörperung hausfraulicher Sparsamkeit bekannt geworden war, eine Ära des Kasinokapitalismus und des kreditfinanzierten Konsums einläuten würde, die sich bis in die Amtszeiten ihrer Nachfolger Tony Blair und Gordon Brown hinein fortsetzen sollte und erst jetzt, in Anbetracht des Schocks der gegenwärtigen Finanzkrise, vielleicht zu einem Ende kommt.

Bevor sie an die Macht kam – und auch noch einige Jahre danach –, galt Thatcher als europafreundlicher als viele ihrer Parteifreunde und in jedem Fall als europa­freundlicher als die Labour-Partei. Zu jener Zeit war Euroskeptizismus vorwiegend eine Sache der Linken. Dennoch wurde sie im Laufe ihrer Regierungszeit zunehmend zum Symbol für die britische Ablehnung der europäischen Integration. Tatsächlich hat das, was heute unter dem Begriff Thatcherismus subsumiert wird, die Insel weiter von Kontinentaleuropa entfernt und näher an die Vereinigten Staaten herangebracht. Und dass, obwohl es sich hierbei eigentlich um eine improvisierte und in sich widersprüchliche Ideologie handelte, die im Laufe der Zeit mehreren Veränderungen unterworfen war.

Als Margaret Thatcher vor 30 Jahren das Amt vom abgesetzten Labour-Premier James Callaghan übernahm, wollte sie vor allem dem „nationalen Verfall“ des Vereinigten Königreiches Einhalt gebieten oder, wie sie nicht müde wurde zu wiederholen, „Britannien wieder groß“ machen. Mitte der 1970er Jahre hatte der nach dem Zweiten Weltkrieg langsam vonstatten gehende Verlust der imperialen Rolle Großbritanniens als „Werkbank der Welt“ dazu geführt, dass die Industrien des Landes nicht mehr profitabel und die Inflation hoch war. 1976 musste Großbritannien das Pfund abwerten und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um einen Kredit bitten, den Westdeutschland zu finanzieren half. Zu dieser Zeit fungierte die Bundesrepublik für viele Briten viel eher als Vorbild als die USA. Es schien, als hätten wir den Krieg gewonnen, den Frieden aber verloren. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam dann für viele Wähler mit dem „Winter der Unzufriedenheit“ 1978, in dem aufgrund der Streiks im öffentlichen Dienst der Müll sich in den Straßen auftürmte und Krankenhäuser Patienten wieder nach Hause schickten.

Kampf gegen den „nationalen Verfall“ Großbritanniens

Viele Briten, darunter auch Mitglieder der Labour-Partei, sind der Meinung, dass Thatcher diesen „nationalen Verfall“ nahezu allein aufgehalten hat. Die wirtschaftlichen Reformen, die später mit Thatcher in Verbindung gebracht wurden, waren indes schon von ihrem Vorgänger Callaghan vorweggenommen worden. So hatte dieser beispielsweise damit begonnen, Sozialwohnungen an ihre Mieter zu verkaufen. Und viele der Veränderungen, die Thatcher durchführte, waren durch langfristige globale Veränderungen bedingt, auf die keine britische Regierung hätte Einfluss nehmen können. „Es gab große Veränderungen (unter Thatcher), aber sie stellten sich nicht gegen die historische Entwicklung“, sagt der Historiker Dominic Sandbrook. Und die thatchersche Reaktion erfolgte weder unmittelbar noch war sie vorhersehbar. Tatsächlich, sagt Sandbrook, sei in dem Programm der Konservativen, mit dem Thatcher 1979 die Wahlen gewann, von Deregulierung – später das wichtigste Schlagwort der Wirtschaftspolitik des Thatcherismus – überhaupt nicht die Rede gewesen.

Es besteht allerdings kein Zweifel darüber, dass Thatcher den Prozess der Liberalisierung in den 80er Jahren beschleunigte, der die britische Wirtschaft verändern sollte. Auch wenn es laut Sandbrook wenig Anhaltspunkte dafür gibt, dass Margaret Thatcher selbst die liberalen Wirtschaftstheoretiker gelesen hat, die sie als ihre Vorbilder angab – in erster Linie Adam Smith, Friedrich Hayek und Milton Friedman – so wurde sie doch von anderen, wie beispielsweise Keith Joseph, beraten und geführt, die diese Quellen kannten. Unter ihrem Einfluss wurde die City of London dereguliert, die Kontrollen der Wechselkurse wurden abgeschwächt, und während Thatchers zehn erster Amtsjahre wurden 13 staatseigene Betriebe privatisiert. Eine Folge hiervon bestand in einem explosionsartigen Anstieg des Aktienhandels, den Thatchers Vater noch als eine Form des Glücksspiels betrachtet hatte.

Die blutigste Front in Thatchers Revolution bestand im Kampf mit den Gewerkschaften. Die ganzen 70er Jahre hindurch hatten diese dabei geholfen, die Preise hochzuhalten und Innovationen zu verhindern. Sie bezwangen sowohl Heath als auch Callaghan. Thatcher bekämpfte sie mit einer Härte und Grausamkeit, die keiner ihrer beiden Vorgänger an den Tag gelegt hatte. Die Auseinandersetzung kulminierte 1984/5 in dem brutalen Streik der Minenarbeiter. Viele britische Linke sind der Ansicht, dass Thatcher die verarbeitende Industrie in Großbritannien zerstörte. Nach Ansicht Sandbrooks hat sie aber lediglich für die Einstellung von Maßnahmen gesorgt, die unrentable Industrien wie den Kohlebergbau bis dahin am Leben erhalten hatten. Auch wenn einige Sektoren des verarbeitenden Gewerbes in den 80er Jahren durchaus prosperierten, kam der Großteil des Wirtschaftswachstums aus dem Dienstleistungsbereich, vor allem von den Finanzdienstleistungen.

Die Auswirkungen der ökonomischen Revolution waren für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich, weshalb Thatcher bis zum heutigen Tag die britische Gesellschaft so stark spaltet. Während sich die Lage der ungelernten Arbeiter dramatisch verschlechterte, verbesserte sich die der gut qualifizierten Facharbeiterschaft. Man konnte sich nun nicht nur leichter ein Haus kaufen, man bekam auch leichter einen Kredit und konnte sich leichter selbstständig machen.

Ganze Gemeinden wurden wirtschaftlich vernichtet

Die Teilung der Gesellschaft hatte auch eine geographische Dimension. In manchen Gebieten im Norden Englands, in Wales und in Schottland, wo sich Industrien wie der Bergbau konzentrierten, hatten die Umstrukturierungsmaßnahmen verheerende Folgen. Ganze Gemeinden wurden vernichtet. Auf der anderen Seite entstand insbesondere im Südosten Englands eine neue besitzende Arbeiterklasse. Da hier auch viele Wahlkreise lagen, die sich nicht fest in der Hand einer Partei befanden, wurde die Gegend zum Garanten der thatcherschen Wahlerfolge. Die Leute hier hatten mehr Geld und mehr Dinge, für die sie es ausgeben konnten – in den 8oer Jahren erlebte das Einkaufen seinen Aufstieg zum Freizeitvergnügen.

Die Aufsplitterung der traditionellen Arbeiterklasse mag mit ein Grund dafür gewesen ein, dass das Klassensystem sich in dieser Dekade zu lockern begann – eine der nachhaltigsten Veränderungen, die mit der Ära Thatcher in Verbindung gebracht werden. Bereits seit den 60ern war die britische Gesellschaft immer durchlässiger geworden. Unter Thatcher verstärkte sich dies noch einmal. Sie selbst kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und umgab sich gerne mit Geschäftsleuten, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hatten. Laut Sandbrook verlor die soziale Herkunft in den 80ern zwar nicht gänzlich an Bedeutung, nahm aber ab – ein weiterer Punkt, in dem sich Großbritannien den USA annäherte.

Die Arbeitslosenzahl stieg auch nach 1979 weiter an, erreichte 1980 die Zwei-Millionen-Marke und war weitere 18 Monate später bei drei Millionen angekommen. Doch die, die ihren Job behielten, schienen sich während der Thatcher-Jahre mit dieser Tatsache abzufinden. „Thatcher machte den Leuten weis, es gebe keine Möglichkeit, den Armen zu helfen“, sagt Sandbrook, „dies liege nicht in der Verantwortung der Gesellschaft. Das Leben sei nun einmal so.“ Richard Vinen, Professor für Moderne europäische Geschichte am Londoner King’s College, behauptet, die Arbeitslosigkeit sei zunehmend unsichtbarer geworden: Seit den 80er Jahren sei die Inflationsrate im Vergleich zur Arbeitslosenrate immer wichtiger geworden.

Fast ebenso wichtig wie die unter Thatcher vollzogenen wirtschaftlichen Veränderungen war vielleicht der wiedergewonnene Nationalstolz in der neuen, von Kredit und Konsum geprägten Zeit. Auch wenn Thatchers Wirtschaftspolitik zu mehr ökonomischer Ungleichheit führte, habe sie es dennoch vermocht, das Gefühl zu überwinden, Großbritannien sei der kranke Mann Europas, unabhängig davon, ob dies Gefühl der Realität entsprach oder nicht. „Sie änderte die Kulisse und den Soundtrack“, sagt Sandbrook.

„Man’s woman“ mit Vermächtnis für alle Frauen

Der Punkt, an dem die Stimmung vollends zu ihren Gunsten kippte, dürfte der Falkland-Krieg gewesen sein. Er war mindestens so wichtig wie alle ökonomischen Veränderungen zusammen. Thatcher hatte schon immer Winston Churchill als Vorbild genannt und nirgends war sein Einfluss deutlicher spürbar als in der Entschlossenheit, mit der sie auf die Invasion der Argentinier auf den Falklandinseln 1982 reagierte. Der Krieg, der fast im Desaster endete, schließlich aber doch noch gewonnen wurde, fügte der politischen Persönlichkeit Thatchers eine neue Dimension hinzu, nämlich die der elisabethanischen Kriegsherrin und half ihr, die Wahlen von 1983 mit einer größeren Mehrheit zu gewinnen. Bei vielen Wählern hatte sie, wie Reagan in Amerika, den Nationalstolz wiederbelebt. Nach dem Falkland-Krieg, sagt Vinen, hatte man in Großbritannien „das Gefühl, in einem hässlichen, aber mächtigen Land zu leben, nicht mehr in einem hässlichen und schwachen Land.“

30 Jahre nach dem Machtantritt Margaret Thatchers herrscht immer noch wenig Einigkeit darüber, wie die Kombination aus wirtschaftlichem Liberalismus und gesellschaftspolitischem Konservatismus, die sie in den Augen der Menschen verkörperte, Großbritannien letztlich veränderte. Die schwierigste Frage ist vielleicht die, welchen Einfluss Thatcher auf das Leben von Frauen hatte. Die australische Feministin Germaine Greer sagt, Thatcher sei eine „man’s woman“ gewesen, die einen Millionär geheiratet und wenig für ihre Geschlechtsgenossinnen getan habe. Nur wenige Frauen arbeiteten in ihrem Kabinett. Die Historiker sind sich aber einig, dass trotz Thatchers Distanzierung vom Feminismus ihre Ernennung zur Premierministerin von gewaltiger symbolischer Bedeutung gewesen sei. Und hierin dürfte auch Margaret Thatchers nachhaltigste und dauerhafteste Hinterlassenschaft für die Briten liegen.

Hans Kundnani, geboren 1972, lebt in London, war zuvor Deutschland-Korrespondent des Observer und schreibt außerdem für den Guardian und die Times. Im September erscheint sein Buch Utopia or Auschwitz: Germanys 1968 Generation and the Holocaust

05:00 29.04.2009

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