Für eine bessere Zukunft

Offener Brief Das Afghan Students Movement fordert mehr Aufmerksamkeit und zivilgesellschaftliches Engagement beim Wiederaufbau. Wir dokumentieren den offenen Brief der Studierenden

Lieber Barack Hussein Obama,

Wir, die Mitglieder des Afghans Students Movement gratulieren Ihnen zu Ihrem Erfolg bei den Präsidentschaftswahlen, in dem wir ein Zeichen für eine bessere Zukunft erblicken. Ihre Gegenwart auf der politischen Weltbühne wird viele politische Gleichgewichte wieder herstellen und zu einer neuen Ordnung führen, von der wir hoffen, dass sie die Möglichkeit eines weltweiten Friedens in sich birgt.

Lassen Sie es uns unumwunden eingestehen: Wir alle haben die Hoffnung verloren. Aus der Flamme der Hoffnung, die im Jahr 2001 in unseren Herzen entzündet wurde, wurde aufgrund der in die falsche Richtung weisenden Politik und der politischen Unfähigkeit in Afghanistan ein blinder Knoten aus Zweifel und Dunkelheit. Hoffnung und Lebensmut sind in den vergangenen sechs Jahren geschwunden, während Terrorismus und Drogenproduktion zugenommen haben. Gesellschaftliche Zerrüttung, Entführungen, Gewalt gegen Frauen und Kinder und viele andere Probleme haben die afghanische Gesellschaft in ihrem Inneresten getroffen.

Wir sind der Ansicht, Sie sollten Ihre Aufmerksamkeit in Afghanistan vom Terrorismus der Taliban auf die afghanische Gesellschaft lenken. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Vernachlässigung durch die internationale Gemeinschaft und die USA nach dem Abzug der Sowjetarmee zum Bürgerkrieg und dem Erstarken der Taliban geführt hat. Diese Vernachlässigung ermöglichte, dass sich in weniger als sieben Jahren eines der gefährlichsten und finstersten fundamentalistischen Regime auf dem Erdball entwickeln konnte.

Die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft und insbesondere der USA sollte sich der afghanischen Zivilgesellschaft zuwenden. Das Sammeln von Spenden allein kann eine Krise nicht verhindern – es bedarf einer Verständigung darüber, in welche Richtung sich das Land politisch entwickeln soll. Sie müssen wissen, dass es zwar terroristische Zweige in Afghanistan gibt, deren Wurzeln aber in den Tiefen der saudi-arabischen Ölreserven und der pakistanischen Nuklearwaffenarsenale liegen.

Die Taliban, die die USA 2009 bekämpfen, sind nicht dieselben, die sie 2001 bekämpft haben. Die Erfahrung lehrt, dass Verhandlungen und Einbindung der Taliban die Situation nicht verändern kann, sondern den Fundamentalismus der Taliban nur stärker werden lässt. Die stammesmäßige Struktur der Regierung hat es ermöglicht, dass die amerikanische Wiederaufbauhilfe von den Taliban zur Finanzierung ihres Terrors genutzt werden konnte. Diese Struktur macht es möglich, dass Mitglieder der Taliban und Ex-Kommunisten im Parlament und in kleineren Regierungsgremien sitzen. Dass sie dort sitzen, scheint nach außen hin durch Wahlen legitimiert, ist im Grunde aber undemokratisch.

Die freie Marktwirtschaft, wie George W. Bush sie nach Afghanistan brachte, führte zu verschärfter Armut, zunehmender ökonomischer Ungleichheit und bereitete der Wirtschaftskriminalität einen fruchtbaren Boden. Alle Regierungsbereiche, staatliche Minen und Ressourcen wurden in die Hände privater Unternehmen gelegt, die von einem Netzwerk aus korrupten Politikern und einflussreichen Unternehmern verwaltet werden. Es ist der Internationalen Gemeinschaft trotz ausgiebiger Hilfslieferungen nicht gelungen, auch nur eine grundlegende Form einer stabilen einflussreichen Regierung in Afghanistan zu schaffen.

Jede Wahl birgt die Gefahr eines Staatsstreiches und es macht die Sache nicht einfacher, dass die westlichen Medien die Gegebenheiten vor Ort nicht berücksichtigen und ein falsches Bild der Situation transportieren, um den „Krieg gegen den Terrorismus“ und die Ausgabe von Milliarden von Dollar rechtfertigen zu können. Das von amerikanischen Steuerzahlern finanzierte Militärbudget der USA in Afghanistan, das eigentlich dazu dienen sollte, Frauen und Kindern Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand zu bringen, hat die Taliban statt dessen mit modernen Waffen ausgerüstet, um täglich Dutzende von Leuten zu ermorden.

Wir sind davon überzeugt, dass die Probleme Afghanistans nicht allein militärisch gelöst werden können. Wie die Dinge gegenwärtig stehen, macht diese Herangehensweise die Situation nur noch schlimmer.

Unsere Vorschläge lauten:

1. Veränderung der politischen Struktur. Weg von einem präsidialen, hin zu einem parlamentarischen System. Dies würde dafür sorgen, dass sich alle Afghanen gleichermaßen mit dem politischen System identifizieren und sich dafür verantwortlich fühlen, und es würde allen Bürgern erlauben, an freien und gleichen Wahlen teilzunehmen.
2. Stärkung der Zivilgesellschaft. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Situation entscheidend verbessert werden könnte, wenn weniger Geld für das Militär ausgegeben und dafür mehr in die Gesellschaft investiert werden würde.
3. Stabilisierung der 2700 Kilometer langen südlichen Grenze Afghanistans mit den von freien Stämmen beherrschten Gebieten Pakistans, um den Terrorismus einzuschränken.
4. Härte gegenüber den Taliban. Die nachgiebige Politik der USA und der Internationalen Gemeinschaft gegenüber den Taliban hat zu einer Stärkung des Fundamentalismus in der Region, insbesondere in Pakistan geführt. Die Möglichkeit, dass Terroristen Zugang zu Nuklearwaffen erhalten könnten, scheint nicht mehr weit entfernt.
5. Die Wirtschaft sollte von einer unkontrollierten Marktwirtschaft auf ein Mischsystem umgestellt werden. Gegenwärtig haben Regierung und Ministerien ihre Verantwortung an die Privatwirtschaft übergeben, wodurch den Armen schlechter geholfen werden kann.
6. Jedes größere Hilfspaket für Afghanistan sollte die Bekämpfung der Korruption zur Bedingung haben. Diese stellt den Hauptgrund für die Unzufriedenheit in der Bevölkerung dar. Die ungleiche Verteilung internationaler Hilfe führte zu einer Entfremdung verschiedene Gruppen der afghanischen Bevölkerung mit der Regierung und der Internationalen Gemeinschaft. Wenn in dieser Hinsicht nichts getan wird, könnte dieses entscheidende Thema die Menschen langfristig dazu bringen, die bewaffnete Opposition zu unterstützen.

Herr Präsident, wir hoffen,

dass Sie nicht zulassen werden, dass die Menschlichkeit in Afghanistan gering geschätzt wird.
In Solidarität und Kooperation,
Das Übersee-Büro des Afghans Students Movement

Das Afghans Students Movement ist eine unabhängige zivilgesellschaftliche Organisation, die 2004 in Kabul als Initiative aktiver Studenten begonnen hat. Sie wird von Studenten und aktiven Jugendlichen geführt und erhält keinerlei Unterstützung von politischen Organisationen. Die Mitglieder studieren sowohl in Afghanistan als auch im Ausland. Die Bewegung versucht, sich durch Erklärungen und Diskussionsveranstaltungen an politischen Debatten zu beteiligen.

15:35 01.02.2009

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