Für Gott und den Papst

Als Missionar in Tver Wie ein katholischer Priester aus Polen in die Reviere der russischen-orthodoxen Kirche eindringt

Einer der größten Wünsche von Papst Johannes Paul II. wird wohl unerfüllt bleiben: ein offizieller Besuch in Russland. Die Fronten zwischen dem Vatikan in Rom und dem Patriarchat in Moskau sind verhärtet. Ohne das Plazet der russisch-orthodoxen Kirche hatte Rom vor zwei Jahren in Russland die erste Eparchie (vergleichbar mit einem Bistum) ins Leben gerufen: Sie erstreckt sich über den gesamten europäischen Teil Russlands. Millionen Russen, die nach einer neuen geistigen Heimat suchen, erscheint inzwischen die katholische Kirche naheliegender als die ritualisierte russisch-orthodoxe. Das gilt besonders dann, wenn katholische Priester das Gemeindeleben auf so ungewöhnliche Weise handhaben, wie Wladislaw Wojdat. Der 38-Jährige ließ sich vor zwei Jahren aus Polen in die russische Provinz nach Tver versetzen. Ein getreuer Diener des Papstes - allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es ihm, die Kirchenbänke zu füllen.

Zufrieden lächelnd sitzt Wladislaw Wojdat im Gestühl seiner riesigen Kirche. Überzeugt, auch heute wieder Gott dem Herrn zu gefallen und Gutes zu tun in Gedanken, Worten und Werken. Die Gewissheit lässt sein glattes und runden Gesicht den selig blickenden hölzernen Engelchen ähneln, mit denen der Altar geschmückt wurde. Aufmerksamkeit können sie an diesem Tage nicht erheischen, die gilt den klobigen Lautsprechern aus einem früheren Kulturhaus der Stadt Tver, irgendwer ließ sie mitgehen, um Jahre später der katholischen Kirche ein Geschenk zu machen.

Aus den Boxen ertönt Tango-Musik. Dazu stolpern Jungen und Mädchen der Unterstufe mit vor Anstrengung und Aufregung zusammengebissenen Zähnen Arm in Arm auf dem Platz zwischen Kanzel und Kirchenbänken hin und her. Lange haben sie für diesen Auftritt vor so viel Publikum geprobt. Die Kirche ist brechend voll. Wladislaw Wojdat sitzt zwischen Hunderten begeisterter Zuschauer. Viele von ihnen - das weiß er - sind bereits Schäfchen seiner stetig wachsenden Herde in der 500.000-Einwohner-Stadt Tver.

Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Der Geldsegen für seine erst vor zwei Jahren aus roten Ziegeln erbaute Kirche wurde Wojdat dank der freundlichen Zuwendung von Episkop Kondruszewicz, seinem Chef in Moskau, zuteil. Als das imposante Bauwerk stand, musste sich der Hausherr etwas einfallen lassen: Für seine Mission, in Tver eine Gemeinde ins Leben zu rufen, waren weitere finanzielle Steigbügel nicht vorgesehen.

"Das war weniger schlimm, als ich dachte", erinnert sich Wojdat. "Schon in meine ersten Gottesdienste kamen viele aus Neugier, weil sie gerüchteweise wussten, dass hier einiges anders ablief, als sie es kannten. Ich habe schnell gemerkt, dass die Menschen danach dürsten, seelisch behandelt zu werden. Menschen, um die sich sonst keiner kümmert. Ich musste nur predigen: Es ist zuviel Härte in dieser Gesellschaft, zu wenig Liebe - und sie folgten mir. Bis in die Familien hinein grassiert hier eine allgemeine Depression, die von vielen Männern in Alkohol ertränkt wird, während die Frauen ihren Kindern gegenüber gleichgültiger werden."

Schräg vor "Väterchen Wladislaw", wie der Priester inzwischen genannt wird, sitzt Vitali Podgorski. Die ungewöhnlichen Aufführungen in der Kirche sind die einzige Spielart von Kultur, die der 42-Jährige sich leistet: Zehn Rubel Eintritt wurden an der Kirchenpforte für den Tanzauftritt eingesammelt, gerade einmal zwei Cent. Vitali, den sich niemand ohne seine abgewetzte dunkelbraune Lederjacke vorstellen kann, gehörte zu den ersten, die zu Wojdats Gottesdiensten kamen. Aus Mitleid, wie er sagt.

Der Priester hatte mit seinem alten Volvo am Straßenrand gestanden und auf Gottes Hilfe oder - weniger allerdings - auf eines Menschen Beistand gehofft. Der erschien schließlich in Gestalt eines klapprigen Lada, dem Vitali entstieg. Autopannen waren in seinem Leben schon oft der Anstoß wunderbarer Freundschaften (worin er im Übrigen Millionen russischer Autofahrer gleicht).

Und da sich selten Ausländer in die einschläfernde Plattenbau-Metropole Tver an der Wolga verirren, wurde Väterchen Wladislaw bald zum erklärten Freund für den Markthändler Vitali Podgorski und dessen Anhang. Der polnische Geistliche merkte bald, dass ihn seine neuen Bekannten tief in ihre bislang vom Glauben unberührten Herzen blicken ließen. Er musste sich nur in ihren Plattenbau-Küchen sehen lassen, um die langen Winterabende mit Berichten aus dem heimatlichen Warschau zu beleben, das aus russischer Sicht längst zum Goldenen Westen zählt. So wurde der stets gütig lächelnde Pole vielen zu einem "fremdem Freund".

Strenge Gebote des Heiligen Vaters

"Ich bin zwar nach wie vor russisch-orthodox", meint Olga, Vitalis Frau, aber zu den Gottesdiensten gehe ich in die Kirche zu Väterchen Wladislaw. Bei den Orthodoxen muss man Stunden lang stehen. Und die Lieder dürfen nur Priester und Chöre singen, die Gemeinde hört zu. Und dann alles in altrussisch - das versteht doch heute keiner mehr!"

Als der Priester nach dem Tanz in seiner Kirche mit Vitali und Olga in einer kleinen Fast-Food-Bar am Ufer der Wolga sitzt, spiegelt sein Gesicht bald eine gewisse Fassungslosigkeit: Es ist wieder einmal soweit, Vitali, angeregt durch ein Fläschchen Wodka, erklärt sein Konzept zur Rettung Russlands. Dazu gehört, dass allen "Juden" - ob sie nun Yukos-Manager wie Chodorkowski oder Politiker wie der liberale Jawlinski seien - das Handwerk gelegt werden müsse. "Am besten ab ins Lager, Russland wird von diesen Leuten nur ausgeplündert, die saugen unser Blut!" Und Vitalis blutunterlaufene Augen funkeln. Olga mit ihrem etwas zu engen Glitzerfaden-Pullover und der heiseren Stimme, die nicht von einer Erkältung herzurühren scheint, stimmt ihrem Mann eifrig zu: "Putin hat das verstanden, und deshalb wählen wir ihn. Der Einzige, der etwas für uns Russen tut."

Mit gefalteten Händen, offenbar in dem Bemühen, ein stilles Stoßgebet an die heilige Muttergottes abzusetzen und - laut, aber sanft - die erhitzten Gemüter von ihren gotteslästerlichen Reden abzubringen, verfällt Wladislaw Wojdat in seinen nur noch schwachen polnischen Akzent. Er hat Erfolg mit dem Vorschlag, doch langsam an den Bus zu denken. Doppelten Erfolg: Draußen bei minus 17 Grad wird den beiden Podgorskis schnell wohler, auch die Gesprächsthemen sind wieder von jener Kontenance, die für einen Pfarrer zu später Stunde akzeptabel erscheint. Allerdings nur für kurze Zeit - nachdem die Podgorskis ihre Pläne für den morgigen Markttag besprochen haben, führt der Zufall eine langbeinige Schöne des Wegs, die sich trotz eisiger Temperaturen (und vermutlich ebensolcher Füße) in hochhakigem Schuhwerk elegant an Pfarrer Wojdat vorbei windet.

"Sieh mal, Väterchen", grinst Vitali süffisant. "Da bleibt dir doch einiges erspart, oder? Oder bedauerst du manchmal, nur in der Kirche unter deinen Heiligenbildern schlafen zu dürfen?"

"Ich habe" - wird Vitali scharfe Erwiderung zuteil - "mich für Gott entschieden, als ich noch jung war. In meiner Familie gab es einige Pfarrer, die mir diesen Weg vorgelebt haben. Ich konnte gar nichts anderes." Der polnische Akzent in den russisch gesprochenen Sätzen ist jetzt nicht zu überhören. Das passiert dem Väterchen nur selten, dass es so aufgeregt ist. "Natürlich hätte ich gern eine Familie. Aber es ist nun einmal der Wille des Papstes, dass wir im Zölibat leben."

"Na, dann musst du ja nicht mehr lange leiden", kichert Vitali und zwickt seine Frau belustigt in die Wange, "der nächste Papst ist deine Rettung!"

"Auf jeden Fall bin ich für Menschlichkeit", entgegnet der Pfarrer, der sich wieder gefangen hat. "Es ist schon merkwürdig, dass sich bei euch so viele von der orthodoxen Kirche abwenden, weil sie angeblich zu altmodisch ist. Eure Priester aber dürfen nicht nur heiraten und Kinder in die Welt setzen, sondern sich sogar bis zu dreimal scheiden lassen." - "Russland ist eben ein hochmodernes Land!", fällt ihm der streitsüchtige Vitali ins Wort - "sonst hätten sie dich schon längst ausgewiesen mit deinen futuristischen Methoden!"

Einen winzigen Slivovitz in stiller Nacht

Es ist kurz vor zwölf, als Väterchen Wladislaw die Tür zu seiner Wohnung aufschließt. Er hat seine Räume in einem Anbau direkt hinter der Kirche. Neben der Tür bewegt sich plötzlich ein dunkler Schatten - doch der Pfarrer erschrickt nicht. Er kennt den obdachlosen Kostja, der zu den unmöglichsten Zeiten Hunger, meist aber Durst bekommt. "Gib mir ein paar Rubel, ich kaufe mir etwas zu essen!" Pfarrer Wojdat verschwindet kurz in der Küche, Papier knistert, und kurz darauf gibt er dem Obdachlosen ein Paket Wurstbrote und seinen Segen.

Knurrend zieht der zerlumpte Mann ab und murmelt einen unzufriedenen Dank. "Er kommt oft, auch seine Kollegen", sagt Pfarrer Wojdat. "Sie kriegen nur selten Geld von mir, denn ich kann sie zwar nicht vom Trinken abhalten, aber dazu anhalten will ich sie auch nicht. Im Gegenteil, ich versuche gerade, mit dem Rabbiner der Stadt zusammen eine Caritas-Station aufzubauen, die auch solchen Menschen helfen kann. Aber ich habe nicht geahnt, dass es so schwer sein würde. Solange die orthodoxe Kirche in Moskau uns als Eindringlinge betrachtet, blocken auch die Behörden alles ab."

"Wir haben nichts dagegen, dass die katholische Kirche hier ihre Gemeinden betreut", steht in einem Brief aus dem Amt für Auswärtige Beziehungen des Patriarchats der Russisch-Orthodoxen Kirche. "Aber wir können es nicht dulden, wenn auf dem Territorium unserer rechtgläubigen Staatskirche missioniert wird. Als nichts anderes sehen wir die karitativen Bemühungen, die dazu geeignet sind, gerade Schwache und Arme durch vermeintliche Hilfeleistungen in den Bann einer Religion zu ziehen, ob der katholischen oder einer anderen."

Schulterzuckend faltet Wojdat den Brief aus Moskau wieder zusammen und lässt sein gesalbtes Lächeln auferstehen. Inzwischen hat er sie sogar ein bisschen liebgewonnen, die Alltagsschwierigkeiten in der russischen Provinz. Ohne sie wäre das Leben für einen gebildeten jungen Mann an einem Ort wie Tver selbst mit Gottes Hilfe trist und langweilig.

Morgen früh erwartet Pfarrer Wojdat ein Streichquartett, das zur früheren Oper gehörte. Anspruchsvolle Kultur gibt es nicht mehr in der Stadt. Dazu müsste man schon nach Moskau fahren. Also nimmt sich Pfarrer Wojdat vor, die Streicher vor seiner Gemeinde auftreten zu lassen, für zehn Rubel Eintritt. Wie gestern bei der Kindertanzgruppe. Und da es ohnehin schon so spät geworden ist an diesem Abend und seine Gedanken nicht von Sünde frei waren den ganzen Tag über, genehmigt sich der Pfarrer noch einen winzigen Slivovitz - in der Hoffnung, dass Gott ihm den kleinen Frevel verzeihen und ihn für kommende Aufgaben stärken möge. Und das Lächeln von Pfarrer Wojdat ist nun wieder ebenso unerschütterlich wie fast immer, seit er seinen Dienst fernab der Heimat versieht.


00:00 05.03.2004

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