Für indígene Völker das Todesurteil

Befreiungstheologie Pablo Richard, Direktor des Ökumenischen Forschungsbüros in Costa Rica, über die heutige Mission der Befreiungstheologie und Konsequenzen der Globalisierung

Für die meisten Kirchenführer Lateinamerikas ist die »Theologie der Befreiung« heute nur noch ein Relikt von gestern. Sáenz Lacalle, der Erzbischof von San Salvador, meinte kürzlich: »Sie ist aus der Mode gekommen, jedenfalls kenne ich nicht mehr viel Leute, die sie verteidigen.« In den sechziger und siebziger Jahren hatten Geistliche wie der brasilianische Priester Leonardo Boff als Wortführer der Befreiungstheologie die Auffassung vertreten, wirtschaftliche Ausbeutung sei eine »zynische Beleidigung Gottes«. In Staaten wie Brasilien, Guatemala, Nikaragua und El Salvador hatten sich mit den Volkskirchen (Iglesia Popular) und ihren Basisgemeinden Zentren gebildet, die auf einer sozialen Mission des Christentums beharrten. Für eine »Kirche von unten« in Zentral- und Südamerika ist die Erinnerung daran inzwischen kein anachronistisches Ritual mehr.

FREITAG: Wie reagiert die Befreiungstheologie, die einst als Sprachrohr der Armen und Unterdrückten in der »Dritten Welt» galt, auf die Debatte über Globalisierung?

PABLO RICHARD: Es ist heute nicht mehr ausreichend, nur über die Armen zu sprechen. Wir müssen über die Bewegung der Jugendlichen, der Frauen, der Indígenas, der Landlosen, der AIDS-Kranken, der Homosexuellen sprechen. So wie die Welt ist auch die Befreiungstheologie komplexer geworden. Sie denkt in neuen Kategorien: dem Geschlecht, der Generation, der Ökologie, der ethnischen Zuordnung. Ich würde sie kosmologische Kategorien nennen. Allerdings: Wenn es zu einer Fragmentierung kommt und die globale Vision verloren geht, kommen wir nicht weiter. Also eine globale Vision, die ökonomisch oder politisch ist und gleichzeitig die kulturelle, ethnische und spirituelle Dimension berücksichtigt.

Offenbar wird der Dialog mit den verschiedenen globalisierungskritischen Gruppen seitens der katholischen Kirche nur sehr zaghaft geführt...

Es gibt einen konservativen Kirchenflügel, der das Dogma der Einheit und der Institution gegen die bestehende Pluralität und Vielfalt durchsetzen will. Die Befreiungstheologie stellt sich dieser konservativen Richtung entgegen. Wir müssen die Vielfalt der Gruppen verteidigen, die Unterschiedlichkeit auch der Kirchen selbst, der lateinamerikanischen religiösen Traditionen und die gesamte Vielfalt der Zivilgesellschaft. Die Absicht der Kirche, sich auf sich selbst zu beziehen, ist sehr gefährlich. Die Befreiungstheologie muss sich mit diesem Phänomen auseinander setzen.

Welche Rolle hat die Kirche angesichts der sozialen Konflikte heute in Lateinamerika?

Ihre Aufgabe ist es, die Zivilgesellschaft von unten, von den Gemeinden her, wieder aufzubauen. Auch wenn es die Arbeit einer Ameise sein wird - wenn wir diese Aufgabe kontinuierlich, mit Ausdauer und langfristig verfolgen, dann glaube ich, dass auch eine Wiederherstellung des Staates von unten als strategisches Ziel möglich ist. Wichtig ist auch, dass die Kirche das religiöse Empfinden der Bevölkerung versteht. Nicht umsonst wird gesagt: »Die katholische Kirche entschied sich für die Armen, doch die Armen entschieden sich für die evangelikalen Pfingstkirchen.« Wir hatten eine Option für die Armen, aber wir verstanden die Welt der Armen nicht richtig.

Was wurde nicht richtig verstanden?

Die kulturelle Dimension, die religiöse Dimension, der volkstümliche Katholizismus. Vielleicht war unsere Option für die Armen zu ideologisch geprägt, und wir haben übersehen, was die Armen von unserer Kirche erwarteten. Das heißt, dass die Kirche dem Bedürfnis nach mehr Spiritualität, nach mehr Festlichkeit und Charismatischem entgegenkommen muss.

Hat der Dialog mit den indígenen Religionen eine Annährung an die volkstümliche Religiosität gebracht?

Bei dem Versuch, die Kulturen anzuhören, die Präsenz Gottes in den Kulturen auszumachen, gab es meiner Meinung nach große Fortschritte. Nicht aus einer Eroberungs- oder Evangelisierungsposition heraus, sondern als Dialog zwischen zwei Kulturen. Allerdings bedeutet das aktuelle neoliberale Wirtschaftssystem für die indígenen Völker das Todesurteil. Deswegen ist die Kirche an vielen Orten bereits einen Schritt weiter: Sie engagiert sich in der Verteidigung der indígenen Völker, weil viele Organisationen sie im Stich gelassen haben. In Guatemala beispielsweise ist die Kirche oft die einzige Organisation, die auf der Seite der Indígena geblieben ist. Vielerorts hat sich die Kirche auch entschieden, die indígenen Völker in der Migration vom Land in die Stadt zu begleiten.

Was sind da für Sie markante Beispiele?

Man braucht sich nur die chilenische Hauptstadt Santiago anzusehen. Dort lebt inzwischen eine Million Mapuche-Indígenas. Die katholische Kirche hat ihnen ein Refugium, Seelsorge, Ausbildung angeboten. Das hat ihnen ermöglicht, etwas von ihrer Identität zu erhalten.

Wie kann die Ablehnung des neoliberalen Modells mit der Notwendigkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, verknüpft werden?

Ein äußerst komplexes Problem. Es gab erste Erfahrungen mit dem Aufbau von Kleinstunternehmen, mit der Unterstützung von Gewerkschaften, des Kampfes der Landlosen. Die Kirche hat den Aufbau örtlich begrenzter Ökonomien unterstützt, aber sie hat keine langfristige ökonomische Strategie. Viele Ökonomen sagen, dass selbst innerhalb des aktuellen Systems Wege gefunden werden können, die Lebensbedingungen zu verbessern. Ich halte es jedoch für sehr wichtig, eine kritische Position gegenüber dem System zu bewahren.

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00:00 31.08.2001

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