Für öffentliches Doping

Sportplatz Kolumne

Man brauchte keine prophetischen Kräfte, um für die zu Ende gegangenen Olympischen Winterspiele in Turin einen Dopingskandal vorherzusagen. Warum, erklärt sich aus der Sache selbst: Doping beruht nicht auf einer Persönlichkeitsstörung, sondern wird durch das Kontrollsystem geradezu gezüchtet.

Zum Ersten: Die klassische Begründung, dass Sportler sich nicht dopen sollten, weil das gesundheitsgefährdend sei, stimmt medizinisch ohne Zweifel. Allerdings beeindruckt das Hochleistungssportler wenig, denn sie wissen, dass Sport auf höchstem Niveau die Gesundheit gefährdet. Der Bewegungsapparat wird verschlissen und das Intensivtraining macht anfällig für Infektionen. Zyniker können sogar zu recht sagen, dass die mit Doping verbundenen Gesundheitsgefährdungen nichts Besonderes sind, gemessen an den Krankheitsrisiken etlicher traditioneller Berufe vom Bergmann bis zum Röntgenarzt.

Die zweite Begründung für ein Dopingverbot ist noch unsinniger und zugleich Motor der gesamten Dopingmaschinerie: der "saubere Sport". Der unsaubere Sport kann nur auf eine Art und Weise definiert werden, die Lücken lässt, durch die ehrgeizige Sportler immer wieder schlüpfen können. Abstrakt gesehen ist Doping ein medizinischer Eingriff in den Körper des Athleten, der nur der Leistungssteigerung und nicht dem Kurieren eines Gesundheitsproblems dient. Diese Definition ist in der Praxis jedoch völlig unbrauchbar, da viele Hochleistungssportler von Krankheiten geplagt oder zumindest bedroht sind, etwa besagten Infektionen. Das macht die Unterscheidung in gesundheitlich sinnvolle und nur der Leistungssteigerung dienende medizinische Behandlungen von Athleten unmöglich. Da das die Sportjuristen wissen, haben sie eine Doping-Liste geschaffen, die explizit aufführt, welche Therapien und Medikamente für Sportler verboten sind. Umgekehrt - und das ist das Problem - sagt die Doping-Liste aber auch: Alles, was nicht darauf steht, ist erlaubt. "Clean sein" heißt also nur, nichts zu nehmen, was auf der Liste steht. Es gibt aber jede Menge leistungssteigernder Mittel, die dort nicht zu finden sind. Sie dienen der "Substitution" von Mangelerscheinungen, die durch Leistungstraining auftreten. Oder sie werden als "Nahrungsergänzungsmittel" bezeichnet, etwa das beliebte Fleischextrakt Kreatin. Solange ein Athlet, der gewinnen will (und das will jeder, sonst würde er keinen Sport betreiben), nicht sicher sein kann, dass seine Konkurrenten wirklich clean sind, wird er zumindest die Grauzone der Substitution und Nahrungsergänzungsmittel ausnutzen und im Zweifel richtig dopen, da die Chancen gut stehen, nicht aufzufallen. Das Gewissen ist dabei beruhigt, da die Norm von sauberen Sport allein wegen Substitution und Nahrungsergänzung offenkundig eine Farce ist. Wer gar ein Mittel entdeckt, nach dem nicht gesucht wird oder das nicht einmal auf der Doping-Liste steht, der geht kein Bestrafungsrisiko ein, wenn er trickst. Die Doping-Kontrolllabors werden mit ihren Nachweismethoden den Athleten immer hinterherlaufen. Der Ruf nach einem Strafgesetz gegen Doping ist deswegen reiner Populismus.

Die an der Fiktion eines sauberen Sports interessierten Sportfunktionäre und Sportwissenschaftler verdrängen das Grundproblem erfolgreich: Das Doping-Kontrollsystem mit seiner Verbotsliste schafft erst die Anreize, den gesundheitsschädlichen Dopingwahn immer weiter zu treiben. Abhilfe verspräche eine Alternative, die für das gesamte System des Profisports höchst riskant wäre, weshalb sie wohl nie Anwendung finden wird: Transparenz.

Das könnte man sich wie folgt vorstellen. Erlaubt ist, was gefällt, aber alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, die ein Athlet zu sich nimmt, muss er in einen Pass eintragen, der veröffentlicht wird. Dies ist datenschutzrechtlich möglich, da ja niemand gezwungen wird, Leistungssport zu treiben und seinen Medikamentengebrauch offen zulegen. Wer dabei erwischt wird, etwas genommen zu haben, dass er nicht deklariert hatte, wird wegen Dopings bestraft. Das hätte den Effekt, dass die heimliche Anwendung von Medikamenten-Innovationen riskant würde. Und vor allem könnte sich die Öffentlichkeit ein Bild davon machen, was bei Wettkämpfen in den Körpern der Gladiatoren geschieht. Wer es mit den "fördernden" Mitteln übertreibt, würde schwieriger Sponsoren finden. Und mit etwas Glück könnte sich am Ende durch die Transparenz der "saubere Sport" von selbst wieder einstellen. Experimente haben gezeigt, dass Normen entstehen, wenn man weiß, wie andere sich verhalten.

Transparenz im Hochleistungssport ist eine Utopie. Denn dafür müsste die umsatzträchtige Illusion vom sauberen Sport erst einmal gründlich zerstört werden. Dass daran kein Interesse besteht, zeigt der Fall Lance Armstrong: Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger flog als Doper erst auf, nachdem er seine Karriere beendet und alle ihr Geld mit ihm verdient hatten. Die laufende Show wollte keiner stören.


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00:00 03.03.2006

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