Für Träumer gehalten

Porträt Jody Williams gründete eine der erfolgreichsten Nichtregierungsinitiativen der Neuzeit – die Kampagne gegen Landminen

Jody Williams, Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1997, hört nicht auf. Sie kämpft weiterhin gegen Antipersonenminen – neben Streubomben eine der heimtückischsten Mord- und Verstümmelungswaffen dieser Erde. Ausgezeichnet gemeinsam mit der „International Campaign to Ban Landmines“ (ICBL), der sie damals als internationale Sprecherin diente, arbeitet die inzwischen 60-jährige Aktivistin aus dem US-Bundesstaat Vermont als Autorin für den jährlich erscheinenden „Landmine-Monitor“.

Dessen jüngste Ausgabe, die diese Woche veröffentlicht wurde und alle Entwicklungen bis Ende August 2010 erfasst, zeigt den großen Erfolg einer Kampagne, für die sich neben der berühmt gewordenen Williams tausende Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt jahrelang engagierten. Fast 160 der 192 UNO-Staaten haben das von der ICBL vor 13 Jahren durchgesetzte Abkommen zum Verbot von Antipersonen inzwischen ratifiziert. Seit 2007 setzten nur noch zwei Länder – Russland und Myanmar – mutmaßlich Antipersonenminen ein. 1999 waren es noch 15 Staaten. In vielen einst von unexplodierten Minen verseuchten Regionen dieser Welt wurde die große Gefahr für die Bevölkerung durch umfangreiche Räumungsarbeiten beseitigt.

Doch – wie erwähnt – Williams hört sowieso nicht auf. Jetzt setzt sie ihre Erfahrungen aus der Anti-Minenkampagne auch für die Forderung nach einer internationale Konvention zur Abschaffung und zum Verbot atomarer Massenvernichtungswaffen ein. Den Aufruf für eine solche Verbotskonvention verlas Williams vor wenigen Tagen beim alljährlichen Gipfeltreffen der noch lebenden Friedensnobelträger am Mahnmal zur Erinnerung an den ersten Atomwaffeneinsatz im japanischen Hirohima.

Prominente Mitkämpfer

Mit dabei waren der Dalai Lama, die iranische Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi und der ehemalige Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed ElBaradei, außerdem die frühe Vorkämpferin für einen Frieden in Nordirland, Mairead Corrigan Maguire (Nobelpreis 1972) und Frederik Willem de Klerk, der als letzter weißer Präsident des einstmals nach Atomwaffen strebenden Apartheidregimes in Südafrika 1994 gemeinsam mit seinem Nachfolger Nelson Mandela in Oslo ausgezeichnet wurde. Durch Abwesenheit beim Gipfeltreffen in Hiroshima glänzte ausgerechnet der letztjährige Friedensnobelpreisträger Barack Obama, obwohl er sich zum Zeitpunkt der Zeremonie in Hiroshima nur eine halbe Flugstunde entfernt in Tokio befand. Viele Teilnehmer der Zeremonie sahen darin einen weiteren Beleg, dass der US-Präsident es mit seiner im April 2009 formulierten „Vision einer atomwaffenfreien Welt“ nicht ernst gemeint hat und dieses Ziel daher weiterhin in unerreichbarer Ferne bleibt.

Doch Williams lässt sich nicht entmutigen. „Auch am Anfang des Kampfes für das Verbot von Antipersonenminen hielt man uns für Träumer“, erinnert sie an die Jahre kurz vor Ende des Kalten Krieges. Damals war die Englischlehrerin und Politologin als stellvertretende Direktorin einer medizinischen Hilfsorganisation für El Salvador tätig. Hier lernte sie Mitarbeiter der Vietnam Veterans of America Foundation kennen, die unter anderem auf Orthopädie und Prothesen spezialisierte Kliniken für Opfer von Antipersonenminen betrieben. Seit 1991 arbeitete Williams für diese Stiftung und entwickelte für sie ein Programm zur Bekämpfung von Landminen.

Ganz ähnlich verliefen die Karrieren von vielen der Aktivisen in Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich dann 1993 zur ICBL zusammenschlossen. Mit rund tausend NGOs aus 70 Ländern ist die ICBL eines der drei größten internationalen Aktionsbündnisse seit Ende des Kalten Krieges. Ähnlich groß und erfolgreich wie die ICBL waren in den vergangenen 20 Jahren nur die weltweite NGO-Koalition, die 1998 die Schaffung des Internationalen Strafgerichtshofs durchsetzte, und die „Cluster Munition Coalition“ (CMC), die vor zwei Jahren die Konvention zum Verbot von Streubomben erkämpfte.

Der Erfolg der Träumer

„Am Anfang hielt man uns für Träumer“ – unter diesem Motto wird am 2. Dezember auf einer Veranstaltung in Berlin auch das deutsche „Aktionsbündnis Landmine“ Bilanz der erfolgreichen Verbotskampagnen gegen Antipersonenminen und Streubomben ziehen – und seine Auflösung zum Jahresende bekanntgeben. Diese Auflösung wegen großen Erfolgs bedeutet allerdings nicht das Ende des Engagements. Einige der Mitgliedsorganisationen – darunter Handicap International und medico international – werden einzeln und im Verbund weiterhin Projekte zur Räumung von Minen und Streumuniton sowie zur Opfer­rehabilitation unterstützen.

Sie wollen darüber wachen, dass die beiden Abkommen eingehalten werden und dass Deutschland sowie die anderen Vertragsstaaten ihren Verpflichtungen bei der Unterstützung der Opfer und der Beseitigung der Minen durch Bereitstellung der notwendigen Finanzen nachkommen. Und sie wollen gemeinsam mit Organisationen aus anderen Ländern dafür sorgen, dass wichtige Staaten, die den beiden Abkommen noch nicht beigetreten sind – darunter die USA, Russland, China, Indien, Pakistan und Israel – diesen Schritt bald vollziehen. Jody Williams ist zuversichtlich, sagt sie, dass sie die Unterschriften eines US-Präsidenten unter die Verbotskonventionen für Minen und Streubomben „noch erleben“ wird.

Einmal gefragt, warum eigentlich gerade die Landminen-Kampagne im Gegensatz zu so vielen anderen NGO-Kampagnen derart erfolgreich wurde, sagte sie bloß: „Ich weiß es nicht“. Es wird aber auch an ihr gelegen haben.

Andreas Zumach ist UN-Korespondent in Genf. Im Freitag schrieb er zuletzt über Barack Obamas neue Nukleardoktrin

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11:20 30.11.2010

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