Furios in den Untergang

Literaturkritik Wie beim Zeitungssterben verschwinden die klassischen Literaturkritiken. Das hat teils ökonomische Gründe. Aber was ist bloß mit der literaturpolitischen Einstellung los?
Jörg Sundermeier | Ausgabe 05/2015 5
Furios in den Untergang
Niemand nimmt seinen Job mehr ernst. Dieser Literaturkritiker etwa trägt eine Brille aus Pappe
Foto: spacejunkie/ Photocase

Thierry Chervel hat kürzlich aufgezeigt, dass sich die Anzahl der täglich erscheinenden Literaturkritiken, die auf seiner Webseite perlentaucher.de zusammengefasst werden, in den letzten zehn Jahren halbiert hat. Stattdessen liest man in den Feuilletons nun viel darüber, wie die Autoren rauchen, oder erfährt, dass ein Literaturspektakel „umstritten“ sei. Warum aber ein Roman gut oder schlecht ist, wird immer weniger begründet.

Dafür gibt es diverse Gründe. Das „Zeitungssterben“ allein erklärt nicht, warum auch die Rezensionen in den öffentlich-rechtlichen Sendern durch Interviews mit Autoren ersetzt werden oder viele Internetuser gleich nur noch über ihre Gefühle reden.

Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews hat einmal aufgezeigt, dass die Literaturkritik kaum mehr in der Lage sei, schwierige Romane zu kritisieren. Er begründete das ökonomisch. Der freie Rezensent wird pro Rezension bezahlt, warum also sollte er sich auf den komplexen Roman stürzen, wenn er in der Zeit, die er für dieses Buch braucht, mehrere simplere Bücher lesen könnte. Die festangestellte Redakteurin wiederum muss immer mehr Texte selbst schreiben, folglich hat sie nicht mehr die Zeit für anstrengende Lektüren. Und der Blogger braucht Klicks und muss daher regelmäßig liefern.

Jörg Sundermeier leitet den Verbrecher-Verlag, Berlin. Hier präzisiert er seine Thesen aus einem Gespräch mit buchmarkt.de, die eine Kritikerdebatte ausgelöst haben

Das erklärt die Misere der Literaturkritik aber nicht hinreichend. Dieser fehlen vor allem die Kriterien. Stilistisches Können eines Autors wird oft nur behauptet, nicht belegt, offenkundige Stilblüten werden nicht angeprangert, die Figurenkonstellationen werden nicht untersucht, der Plot nicht analysiert – im Gegenteil. Ein Buch wird von einer Rezensentin für eine Besonderheit gelobt, das nächste Buch von derselben Kritikerin für ebendiese Besonderheit verrissen. Ein Kritiker lobt einen Roman einer Autorin ein bisschen im Radio, um ihn wenige Tage später, bei einem Fernsehauftritt, gnadenlos zu verreißen. Dass jemand davor zurückschreckt, Bücher zu rezensieren, die in dem Verlag erscheinen, in dem er selbst publiziert, erwartet niemand mehr, enge Freunde besprechen gegenseitig ihre Werke. Das liegt an der mangelnden Selbstkritik der Kritiker. Die Presseabteilungen der Verlage lieben sie, man trifft sich immer wieder in den gleichen Cafés – mit anderen Autoren. Es fehlt die notwendige Distanz, eine literaturpolitische Einstellung ist kaum noch festzustellen. Hinter vorgehaltener Hand lästern sie über den Betrieb, doch zu einer Kritik desselben raffen sie sich nicht auf.

Daher ist nun vieles einfach „furios“, „brillant“ oder „schon jetzt das Buch des Jahres“ – am Jahresende erinnert sich dann selbst derjenige, der das ausgerufen hat, nicht mehr daran. Das führt (wenn es um komplexere, hart erarbeitete Bücher geht) nicht nur bei Autoren und in den Verlagen zu Frust, auch die Leser misstrauen der Kritik zunehmend. Sie ziehen sich zurück.

Die Literaturkritik aber hat die Möglichkeit, die Gegenwartsliteratur zu beeinflussen, eigentlich soll sie die Maßgaben, an denen sich die Literatur messen lassen muss, anwenden. Wenn die Literaturkritik aber die Literatur verlässt und den Autor um ein „Statement“ zum Buch bittet (oder gleich die Presseabteilung des Verlags), schadet das der Literatur. Und der Kritik selbst. Sie arbeitet an ihrer Abschaffung.

06:00 29.01.2015

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