Furiose Spießer

Oper Für seine erste Premiere hat sich Serge Dorny, der neue Intendant an der Staatsoper München, Gogols „Die Nase“ ausgesucht – und holt es in Putins Russland

Verflucht kalt ist es im Winter in Sankt Petersburg. Vom ersten bis zum letzten Ton rieseln die Flocken. Schneeberge türmen sich vor dem Orchestergraben. An der Newa ziehen Angler Leichenteile aus Löchern im Eis. Was frieren lässt, ist also nicht bloß das Klima. Dagegen hilft der viele Wodka nur bedingt.

Ein Stück wie von Kafka: Polizeimajor Kovaljov wacht auf und vermisst seine Nase. Sie taucht wieder auf, allerdings ist sie da bereits zu einer höhergestellten Persönlichkeit befördert worden und will nicht zurück ins Gesicht des Polizisten, der aus Verzweiflung darüber zum Strick greift. Ein Dämon rettet ihn. Und die Nase wird gefasst, als sie mit gefälschtem Pass das Land verlassen will. Kaum hat der Major sie wieder, ist er wieder die gewohnt prügelnde Respektsperson. Es ist eine surreal-sarkastische Gesellschaftssatire, doch mehr noch eine aberwitzige Tragödie. Denn wer seine Nase verliert, verliert nicht nur sein Gesicht. Er gehört dann nicht mehr dazu. Leider endet das Stück ziemlich harmlos. Die Nase sitzt wieder, wo sie soll. Ihr Verlust war nur ein Albtraum. Da ist Kafkas Erzählung verstörender, radikaler. Der in einen Käfer verwandelte Bürger ist die tragische Realität, die sich nicht abschütteln lässt.

Regie geführt via Zoom

Die Nase ist zugleich ein frühes Stück Dadaismus wie auch hochpolitisch. Nicolai Gogol, der die gleichnamige literarische Vorlage schrieb, knöpfte sich 1835 die zaristische Spießergesellschaft vor. Mit einer extrem langen Nase – wie sie Gogol besaß – wird man zum Sonderling. Ganz ohne Nase aber ist man ein Nichts. Manche tragen ihre Nase hoch wie ein Privileg. Fast hundert Jahre später traf Schostakowitsch mit seiner Vertonung das stalinistische Russland. Ein Sowjetbürger ohne Nase ist kein Sowjetbürger. Und wiederum ein knappes Jahrhundert später lässt Regisseur Kirill Serebrennikov das Stück im Russland Putins spielen, wieder in einer von Angst und Anpassung gepeinigten Gesellschaft voller Duckmäuser und Gewalttäter.

Dabei friert der Witz ein. Die Atmosphäre ist nicht nur der Eiszapfen wegen bedrückend. Wasserwerfer fahren auf. Polizisten mit Schlagstöcken verhaften Demonstranten. Die staatlich organisierte Großdemo der Jasager wirkt nicht weniger bedrohlich. Auch den Käfig haben wir in russischen Gerichtssälen schon gesehen. Der Regisseur kennt ihn von innen. Russland darf er nicht verlassen. Per Zoom und mithilfe von Co-Regisseur Evgeny Kulagin hat er in München inszeniert, auch Bühnenbild, Video und Kostüme entworfen, ist zum kräftigen Schlussapplaus zugeschaltet.

Die atemlose, auch musikalisch furios-verrückte zweistündige Revue beweist, dass das erst 22-jährige Genie Dmitri Schostakowitsch 1928 bereits alles kann. Stampfende Märsche, wilde Tänze, Zirkusmusik, orthodoxe Choräle, Fugen. Es ist die zwar tonal eingängige, doch total durchgedrehte Musik der zwanziger Jahre. Eine Balalaikaband spielt auf und neun Schlagzeuger entfachen ein irres Intermezzo. Entfesselte Rhythmen und dazu beseelter Streicherklang – zumal in der Münchner Fassung auch der Anfang des 8. Streichquartetts erklingt. Das Stück endet mit dem Lamento einer singenden Säge (Flexaton) und einem Donnerschlag.

Schostakowitsch „war ein Punk. Ein schlauer Punk“, findet Regisseur Serebrennikov. Er war damals noch ein „ziemlich überzeugter sowjetischer Bürger“, widerspricht Dirigent Vladimir Jurowski. Der Komponist bekommt nach dem rasenden Erfolg der Uraufführung 1930 in Leningrad noch keinen Ärger. Das Land ist wild bewegt, revolutionär im eigentlichen Sinne; der „Große Terror“ Stalins hatte noch nicht begonnen. Der offiziösen Kritik entgeht aber nicht, dass das Stück „die Handgranate eines Anarchisten“ sei und fortschrittlichen Arbeitern und Bauern nicht zuzumuten. Der Mann, der gerade erst das Konservatorium hinter sich hat, aber dessen Musik schon in der ganzen Welt gespielt wird, und der doch die Oper von innen sprengen will, bekommt kalte Füße. Kleinlaut bittet er die Obrigkeit, sein Werk abzusetzen. Der Komponist steckt von nun an in einem Zwiespalt. Einerseits sowjetischer Staatskünstler par excellence, andererseits in Todesangst vor Stalins Launen.

Die Besetzungsliste weist mehr als fünfzig Solopartien plus Chor auf. Aus dem Riesenensemble vorwiegend russischer Stimmen ragt die Partie des Major Kovaljov, der mal autoritär bramarbasierende, mal hysterisch klagende Bariton des Boris Pinkhasovitch, hervor. Als Generalmusikdirektor zum ersten Mal am Pult Vladimir Jurowski – ein Russe wie auch sein großer Vorgänger Kirill Petrenko. Das Orchester klingt nie grob und effekthascherisch. Es glüht und glänzt, kommt aber nicht ins Schwitzen. Es ist der eigentliche Star des Abends. Mit der ersten Premiere der neuen Saison ist auch der belgische Intendant Serge Dorny neu im Amt und beweist sogleich eine gute Nase.

Auch im wieder voll besetzten Saal der Bayerischen Staatsoper sitzt dank Maskenpflicht ein nasenloses Publikum. Auf der Bühne haben sie auch alle Masken auf: Nasenmasken aus Silikon, die zum Verbeugen mit demonstrativer Erleichterung von den Gesichtern gerissen werden. Durchs Stück ist ein Arzt im Schutzanzug gegeistert und hat die Nasen mit Teststäbchen drangsaliert. So ist Die Nase in diesen Zeiten eben auch das Stück über eine ganz andere Art konformistischer Zwangsgesellschaft.

Info

Die Nase Dmitri Schostakowitsch (nach der gleichnamigen Novelle von Nikolai Gogol), Regie: Kirill Serebrennikov Bayerische Staatsoper, München

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