Fußabdruck der Geschichte

Medientagebuch Enthüllungen von kuriosem Informationsgehalt: "Operation Fernsehen" in der ARD(WDR/MDR)

Neubau, Altbau, Plattenbau - egal. Immer wieder dasselbe Szenario: Die Klingel gedrückt, die Tür wird einen Spalt geöffnet, Kameraschwenk auf Hausschlappen und beulige Hosenbeine des so wagemutig Enttarnten, da: ohne Vorwarnung das Mikrofon durch den Spalt gerammt, und schon kommt der Fernsehmensch-West knallhart zur Sache: "Hallo, ich komm von der ARD, ich wollt Sie was fragen!" oder, noch härter: "Sie haben doch für die Stasi beim (wahlweise ein ARD-Sender) spioniert!" Erwischt! Operation gelungen, Spion überrumpelt, "Enthüllungsjournalismus" demonstriert? So arbeitet die ARD.

Eine andere Szene: Ein älterer Mann sitzt nichts Böses ahnend am Seeufer mit einem jungen Pärchen und plaudert, als diese beiden quasi aus der Hüfte heraus den Älteren, der erst gar nicht weiß, wie ihm geschieht und worum es geht, verbal angehen: "Sie haben doch... Sie sind... Wir haben Unterlagen..." Unerbittlich diese Jugend, so hart am Mann! Der Alte flüchtet. Erwischt! Dem haben sie aber doll zugesetzt! "Investigativ" auf die Pelle gerückt? Zu fürchten, dass man in der ARD oder vielmehr, dass WDR-Redakteur Heribert Schwan und die Autoren Friederike Pohlmann, Tilman Jens und Tom Ockers so etwas darunter verstehen. Die Studie, die die ARD über die Umtriebe der Stasi (bei westdeutschen Journalisten in der DDR und bei den westdeutschen Rundfunkanstalten) in Auftrag gegeben hat und die gleichsam als Trailer für den inszenierten Medienwirbel zu der dreiteiligen Dokumentation Operation Fernsehen benutzt wurde, ist crossmedial umgesetzt worden: hier der Film zum Buch, und beides seltsam irrelevant und irreführend. Aber alle sind darauf reingefallen, haben mitgeklatscht und an den markierten Stellen draufgesattelt. So willfährig können Journalisten arbeiten. Oder wie soll man das sonst verstehen, was aus der Vorlage gedreht wurde?

Konspirativ sieht es aus, Unheil verheißenden Trommelschlägen gleich dräut die Musik im Hintergrund, eifrig und wichtigtuerisch verurteilt die Stimme (besonders die des Autors Tom Ockers im zweiten Teil) die Schandtaten ("täuschen - tarnen - abstreiten!"), nennt Name, Adresse, Hausnummer (warum eigentlich nicht Postleitzahl und Telefonnummer?), die Kamera fährt schnell über die alles-und-nichts-sagenden "IM"-Papiere und demonstriert an den verdrucksten Gesichtern und uncoolen Klamotten der Delinquenten, wie grässlich, hässlich diese ganze "DDR" war. Ein paar Betroffene hüben wie drüben dürfen kundtun, dass sie entweder nichts gewusst, aber doch geahnt oder gewusst, aber nichts bemerkt haben. Von geschredderten Unterlagen ist die Rede, von verwüsteten Büros des US-Propaganda-Senders in München, Radio Free Europe, dazu der Off-Kommentar: "Bilder, ganz nach dem Geschmack der Stasi". Vom "falschen Barschel-Brief", an dem die "Panorama-Redaktion" (damals) "immer noch festhielt, als den Kollegen schon längst klar war, dass der Brief eine Fälschung war", ohne dass dies in der Sendung belegt wird. Von verwanzten Büros und von Kollegen-Unarten wie Freundschaftsbrüchen und Weitergabe von Sitzungsprotokollen, deren Ertrag für die Stasi den Zuschauern kaum erschließbar sein dürften. So what?! War doch absehbar, ist üblich und ideologisch allseitig erprobt. Weiß man doch. Und fragt sich immer ungeduldiger, wozu der Aufwand eines Dreiteilers mit dem reißerischen Titel Operation Fernsehen gut sein soll.

Die Machart, die Wortwahl, die Interviewpartner - alles zielt darauf ab, den Sturm der Entrüstung zu entfachen, der über den Bildschirm rauscht. Dabei wird aber nur etwas Staub von gestern aufgewirbelt, und das auch noch so, dass er ins Auge gehen muss. Stasi-Spione haben West-Journalisten beobachtet? Haben sich als Journalisten in die Rundfunksender geschmuggelt? Haben versucht, "Kollegen" anzuwerben? Sind "rausgeworfen worden aus der DDR" wie Lothar Loewe, dem heute nichts Besseres einfällt als zu sagen, dass die Westjournalisten (er??) den Umsturz der DDR bewirkt hätten. Leitmotivisch kommt auch immer wieder "Dr.Jochen Staadt, FU Berlin" bedeutungsschwer zu Wort, ohne dass man informiert wird, dass er die ARD-Studie in einem Sonderforschungsbereich mit der Birthler-Behörde erstellt hat. Ergänzend ein gewisser "Günther Bohnsack" von der "Hauptaufklärung DDR" (?) und daher allem Anschein nach so etwas wie ein Kronzeuge der Anklage der Interviewer, der aber lallend etwas zu dick verbalisiert, als dass man ihm - Alkohol hin oder her - irgendetwas glauben möchte. Oder Roland Jahn, der, nachdem er kurzerhand als "Journalist" bei Kontraste gekennzeichnet wird, aus der DDR Videos in den Westen schmuggelt und sich empört über die "Bespitzelung" seiner Person wundert. Immer noch. Und das ist das Befremdliche an dieser Art der Dokumentation. Wem dient sie? Was will sie heute damit bezwecken, wenn die "Bespitzelten" es schon damals nicht einmal für wert erachteten, darüber im "freien Westen" zu berichten? Warum wurden, wenn es denn tatsächlich Geschädigte der Stasi-Rundfunk-Aktivitäten gab, nicht sie als Opfer heute interviewt? Hätte man nicht lieber das kleine Einmaleins des Journalismus anwenden sollen, das heißt: gegenrecherchieren, über Hintergründe und Zusammenhänge vollständig informieren, die Relevanz des Gesagten und der Unterlagen gewichten, die eigene Wortwahl bedenken, die Methodik der eigenen Vorgehensweise transparent machen, eine Struktur bieten? Sie wären wahrscheinlich dann nicht gemacht worden, weil ihr Informationsgehalt auf Kurioses schrumpft wie der - angeblichen - Stasi-Besetzung eines Kurorts, deren positive Aussagen zur Kur in der DDR der NDR-Journalist Hans-Jürgen Börner nicht durchschaut haben soll. Und der sich vor laufender Kamera trotzdem nicht als Opfer der Stasi sieht. Ein Fußabdruck der Geschichte, eine Arabesque, was wie im Kasperle-Theater aus dem Sack gezogen wird, wann immer es opportun erscheint, die Aufmerksamkeit von etwas Wesentlicherem abzulenken. Plump hat nicht nur "die Stasi" gearbeitet.


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00:00 30.07.2004

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