Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Wie lässt sich die Begeisterung erhalten?

Fußball-EM der Frauen Das Turnier in England hat einmal mehr gezeigt, wie begeisternd der Fußball der Frauen ist. Doch wie rettet man den Schwung in den Liga-Alltag? Dafür muss die Gesellschaft über die vielschichtigen Kämpfe von Frauen im Sport sprechen
Svenja Huth steht wie viele andere Spielerinnen dieser Fußball-EM der Frauen für den Erfolg ihres Sports
Svenja Huth steht wie viele andere Spielerinnen dieser Fußball-EM der Frauen für den Erfolg ihres Sports

Foto: picture alliance/Eibner-Pressefoto

Die EM ist vorbei und wer sich jetzt fragt, wie es gelingen kann, den unglaublichen Schwung des Turniers in den Alltag der Ligen zu retten, erhält oft die Antwort: gar nicht denn schließlich sei das auch nach der WM der Frauen in Deutschland 2011 nicht gelungen. Da melden sich allerdings vielfach Leute zu Wort, die sich seit diesem Turnier nie wieder mit Fußball beschäftigt haben, wenn Frauen am Ball sind. Mit ihrer Behauptung wedeln sie elf Jahre Entwicklung einfach weg – nicht ohne Grund. Viele von ihnen haben gar kein Interesse daran, sich plötzlich mit dem Spiel der Frauen zu befassen. Da ist es einfacher, deren Erfolg bei der EM abzutun: Mit etwas Glück, fällt die Ignoranz dahinter nicht auf.

Die Aussage verschleiert zudem, zur Realität dieser Entwicklung gehört, dass andere Länder in diesen elf Jahren an Deutschland vorbeigezogen sind, weil mehr in den Fußball der Frauen investiert und sein Potential klarer erkannt wurde. Das gilt für Verbände und Vereine ebenso wie Übertragung und Berichterstattung. So schmerzhaft die Niederlage im Finale nach den begeisternden Auftritten der Deutschen war, so folgerichtig ist England als Europameisterin. Das „Mutterland des Fußballs“ wird der Bezeichnung im Umgang mit den Frauen gerecht.

Wer ernsthaft davon spricht, woran ein Erhalt der Begeisterung scheitern könnte, muss sich mit den Strukturen im Fußball der Frauen auseinandersetzen. Die Diskussion um „Equal Pay“ verschleiert vieles: Es geht nicht darum, den Frauen dieselben absurden Millionenbeträge zu zahlen wie den Männern, das betonen auch die Spielerinnen. Was nicht heißt, dass über höhere Gehälter nicht gesprochen werden muss. Denn zur Realität gehört, dass selbst in der Ersten Liga viele Spielerinnen neben dem Fußball arbeiten müssen, weil sie von den Vereinen eher eine Aufwandsentschädigung als ein Gehalt beziehen.

Es geht um bessere Bedingungen

Prinzipiell geht es aber vor allem um die Diskussion des „Equal PLAY“, also darum, im Fußball der Frauen die Bedingungen zu verbessern. Da geht es um Fragen der Ausbildung ebenso wie jene der Ausstattung, es geht um vernünftige Trainingszeiten und -plätze, Unterbringung und Fahrten zu Spielen oder Turnieren, Ansetzungen von Begegnungen zu attraktiven Zeiten und TV-Übertragungen auf einem angemessenen technischen und journalistischen Niveau. All das wurde übrigens irgendwann auch mal in den Fußball der Männer investiert, der sich nämlich nicht einfach über Nacht in jenes Millionengeschäft entwickelt hat, das er heute ist.

Wie bei früheren großen Turnieren lässt sich auch diesmal eine Tendenz erkennen, den Spielerinnen nun die Erwartung umzuhängen, sie sollten für einen besseren, ehrlicheren Fußball stehen als den überfrachteten Zirkus der Männer. Es wäre sicherlich ein Fehler, sich dort alles abzuschauen. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Frauen, nun alles besser zu machen und dabei möglichst keine Ansprüche zu formulieren. Es geht auch um die Rechte der Spielerinnen.

Und es geht um ihre Geschichte, zu der es gehört, dass der DFB den Frauen von 1955 bis 1970 ein Verbot auferlegte, innerhalb des Verbands Fußball zu spielen. Deswegen wird oft erzählt, der Fußball der Frauen sei eine junge Sportart, so als ob diese vor 1970 nicht am Ball gewesen wären – das Gegenteil ist der Fall. Die Wiederaufnahme der Spielerinnen in den Verband war keine aus Überzeugung, sie geschah, weil ihr Sport sich entwickelte; es ging um Kontrolle.

Wie Kontrolle so oft ein Faktor ist, wenn Frauen öffentliche Räume für sich beanspruchen. Sie müssen dann damit leben, dass ihre Brust in einem Sport-BH intensiver diskutiert wird, als ihr entscheidendes Tor, sollen einen Umgang damit finden, kleingehalten zu werden, belehrt und belächelt, geduldig zuhören, wenn man ihnen den eigenen Job erklärt. All diese Kämpfe gehören zur Realität der Frauen im Fußball und darüber sollten wir sprechen, wenn es darum geht, die Begeisterung für diese EM in den Alltag der Ligen zu übertragen. Von mangelndem Interesse nämlich kann keine Rede sein, von mangelnder Unterstützung schon.

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