Fußball extrem

A–Z Der Unmut über die Advents-WM 2022 in Katar ist groß. Als ob Fußballschauen sonst nur das reine Vergnügen wäre. Unser Lexikon der Woche
| Ausgabe 10/2015

A

Auswärtssieg Millerntor, Südtribüne, 5.000 St.-Pauli-Fans und ich. Meine Kumpels stehen alle gegenüber, im Hertha-Fanblock. Den blau-weißen Schal habe ich im Auto gelassen. Jetzt spielen sie die Gästehymne. Vielleicht filtern sie so die Auswärtsfans raus. Aber was bleibt mir übrig, ich schmettere los: „Nur nach Hause geh’n wir nicht!“ Paar beunruhigte Blicke, sonst bleibt alles ruhig. Ich habe gut singen, wir sind fast sicher Meister, Pauli schwebt in Abstiegsangst. Bisschen wurstelig geht Hertha in Führung, schläft dann ein, liegt kurz vor Schluss mit 1:2 hinten. Dann fällt Ronny der Ball auf den Fuß, er zieht ab, baff, Winkel – Ausgleich! Ich brülle, ich tobe. Ich sehe mich um. Oje: unglückliche Gesichter. In der Nachspielzeit plumpst Sandro Wagner der Ball auf den Kopf: 3:2 für Hertha! Ich sehe die Kumpels drüben jubeln. Und tu selber keinen Mucks mehr. Klaus Ungerer

B

Blinde Liebe Für den einen ist sie das faulige Gefühl in der Magengegend, für andere ein Traum in Schwarz-Rot-Gold: die Fanmeile. Statt immer nur über Public Viewing zu schimpfen, ist es heute mal an der Zeit, Mitleid zu zeigen. Die Fanmeile ist nämlich nur so lange ein Eldorado für Partypatrioten, wie die Sonne mitspielt. Wenn die sich am späten Nachmittag tief hinter die Leinwand neigt, ist es selbst mit deutschen Adleraugen schwer, noch irgendetwas vom Spiel zu erkennen. Beobachter werden dann Zeuge einer Choreografie, die der große Lew Iwanow nicht schöner hätte inszenieren können: erst das Bier in die linke Hand übergeben und die rechte vor das Gesicht heben. Dann wie ein moderner Ikarus die Augen zusammenkneifen, „Hääää“ blöken. Es folgt das großen Finale genervt schmatzender Schnalzlaute. Und dann: Resignation und verzweifelte Versuche, wenigstens dem Kommentator zu folgen. Da wird jedem Ballettkenner warm ums Herz. Simon Schaffhöfer

E

Extrawurst Das Länderspiel Rumänien gegen Serbien im Jahr 2009 fand in Constanța statt, ich war zufällig in der Gegend. Das Stadion hatte Sowjet-Appeal. Eine Karte fand ich auf dem Schwarzmarkt, ein Zivilbulle muss mich beobachtet haben, er griff mich aus der Menge, zeigte mir irgendeine Marke, musterte meinen Pass und übergab mich einem Ordner. Das Ergebnis der Intervention: ich sah das Spiel aus einem Sektor, den Ich für mich allein hatte. Nicht ganz, genau genommen. Ich stand neben einer Hundertschaft von Polizisten, die das Gitter zu den serbischen Fans bewachten. Eine raue Truppe da drüben im Käfig, vielleicht 500 Brandschatzer, die das ganze, nicht überdachte Stadion in einen gefährlich stinkenden Nebel hüllten.

Serbien ging bald in Führung, die zunehmende Aggression im Gästesektor nützte ich in der zweiten Halbzeit, um diskret über eine Absperrung zu den rumänischen Fans zu wechseln, mit denen ich mich danach im Lavatempo durch ein Nadelöhr ins Freie drängte. Aus dem Stadion waren immer noch Böller zu hören. Rumänien qualifizierte sich nicht für die WM in Südafrika. Bert Rebhandl

H

Hoffnungsloser Fall Das Rosenaustadion in Augsburg, errichtet auf Weltkriegstrümmern, steht heute unter Denkmalschutz. Der FCA, die Überraschungsmannschaft der Bundesliga, spielt seit 2009 in einer dieser austauschbaren Arenen am Stadtrand, den Namen hat ein Unternehmen gekauft. Um die Jahrtausendwende spielte der FCA noch in der Rosenau – ich erlebte dort als Schüler aber mehr Bundesjugend- als Fußballspiele. Denn Augsburgs Fußball war damals viert- und drittklassig, ins Stadion gingen höchstens Rentner (➝ Kreisliga), die frische Luft schnappen wollten.

Dann kam ein Investor mit Geltungsdrang, Aufstieg und Stadionneubau begannen, aber das Stimmungsdefizit blieb: Neulich ärgerte sich Kapitän Daniel Baier, dass er die Gästefans aus Frankfurt lauter hörte als die eigenen. Fankultur lässt sich eben nicht kaufen. Sebastian Puschner

K

Kreisliga Wer sich über eine WM im Winter beschwert, hat nie ein Kreisligaspiel im Januar gesehen: Der Kaffee ist kalt, das Bier gefroren und der Nebel (➝ Nebelspiel) so dicht, dass man nicht einmal die gegenüberliegende Eckfahne sieht. Da verbrüdert sich das Publikum aus erfolgshungrigen Eltern und grummeligen Rentnern gegen den Schiedsrichter, der wahlweise „voll Panne“ ist oder einfach „keine Augen im Kopf“ hat und eh die größte Pfeife seit Menschengedenken ist. In der Kreisliga geht es nicht ums Zaubern, sondern ums Kämpfen – vor allem mit dem eigenen Kater von der Mannschaftsfeier gestern Nacht. Frei nach dem Motto: „Kreisligafußball ist, wenn die Neuverpflichtungen morgens um vier in der Kneipe klargemacht werden.“ Mal sehen, wie schnell dieser Ronaldo noch ist, wenn er kurz nach Anpfiff mit einer Blutgrätsche von den Beinen geholt wird. Simon Schaffhöfer

L

Livestream Europa League, Qualifikation. Der Heimatverein gegen Ermis Aradippou aus Zypern. 950 Zuschauer im Stadion und über dem Bildschirm die Anzeige eines Wettanbieters. Wo ist bloß das Kreuzchen zum Wegklicken? Hier. Immer öfter hängt das Bild. Mein Team bewegt sich ruckartig zum Auswärtssieg. Renato Steffens Tor habe ich verpasst. War gerade mal wieder die Anzeige drüber. Auch das zweite Tor von Michael Frey kann ich nur nachlesen. Der Stream ist tot. So tot wie livestream2 und livestream3. Später auf Youtube schaue ich die Tore nach. Arabisches TV. Es gibt dort Menschen, die Michi Frey kennen. Verrückt. Michael Angele

N

Nebelspiel Es ist ja schon einige Zeit her, dass man im Berliner Olympiastadion Champions-League-Spiele sehen konnte. Wer im November 1999 kam, um das Spiel Hertha BSC – FC Barcelona live zu erleben, dem bot sich ein bizarres Hörspiel. Dichter Nebel hing im Stadion. Vorm Anpfiff musste der Schiedsrichter sicher prüfen, ob man von der einen Torlinie das andere Tor überhaupt sehen konnte. Von den Rängen sah man nur einen Ausschnitt, durch den ab und zu Spieler huschten. Auch der eingewechselte orangerote Ball leuchtete nicht durch die Suppe. Angewiesen auf die Jubelrufe oder Schmerzenslaute derer, die näher dran saßen, stimmte man beherzt ein oder sprang mit auf. So wogte eine beständige La-Ola-Welle durchs Wolkenmeer. Das offizielle Ergebnis lautete 1:1. Aber der Schiedsrichter soll wohl auch nicht ganz durchgeblickt haben. Ulrike Bewer

P

Pärchen Besoffene, Besserwisser, Hooligans – sie alle sind nichts gegen Pärchen. Gefangen in der Blase ihrer Zweisamkeit stecken sie verhuscht die Köpfe zusammen und schmiegen sich bei jeder gelungenen Flanke aneinander. Halsreckend möchte man schreien: „Auseinander! Ihr versperrt die Sicht und die Stimmung! Hier wird gegrölt, nicht gekuschelt!“ Im schlimmsten Fall gibt er den Erklärbär und sie das hobbyinteressierte Anhängsel. So zerstören sie ganz nebenbei die hart erkämpfte Anerkennung der gemeinen Fußballfachfrau. Juliane Löffler

Phalluspolonaise Mit menschenunwürdigen Bedingungen haben in Dortmund weniger die Fußballfans zu kämpfen als der gemeine Pendler, der unerschrocken an Spieltagen die U-Bahn nutzt. Während die Fans nämlich am Signal-Iduna-Park Westfalenstadion aussteigen, bleibt der Rest bis zu den Westfalenhallen in der U-Bahn sitzen. Und die dreht dann gemächlich genau an dem Pinkelzaun vor dem Stadion. Von dort winken einem die urinierenden Stadiongänger mit der einen, freien Hand freundlich zum Abschied. Nur so viel: Eine Runde Penis-La-Ola ersetzt gut und gerne den Besuch in der Männersauna. Und zwar ein ganzes Leben lang. Simon Schaffhöfer

R

Rikschakorso Das Halbfinale der EM 2008 Deutschland – Türkei sah ich in der indischen Kleinstadt Udaipur im Haus eines befreundeten Muslims. Bier war drinnen nicht erlaubt und lag bei weit über 30°C draußen in einer Rikscha. In der Halbzeitpause kämpften wir die warme Plörre tapfer herunter. Dann der Sendeausfall. Die Freunde in Berlin schickten via SMS die Tore. Auf dem Heimweg waren wir der einsamste Korso ever. Die indischen Freunde schrien lauthals „Finale“ in die Nacht. Das einzige deutsche Wort, das sie bis heute kennen und mir fröhlich entgegenschmettern, wenn wir uns sehen. Elke Allenstein

S

Schottland Ein Pub in Edinburgh, 2007, Rückrundenspiel der ersten schottischen Liga. Es spielten die beiden Glasgower Teams Celtic und Rangers, ewige Rivalen um den ersten Platz. Im Pub herrschte eine explosive Stimmung, angeheizt durch Fangesänge wie „Oh the Rangers are shite“, die Übersetzung erübrigt sich wohl. Mitsingen ist riskant, wer weiß, für wen das Herz das Tresennachbarn schlägt, die Schotten kennen da keinen Spaß.

Urlaub in Schottland ohne Fußball ist unmöglich. Riesige Flachbildschirme haben flächendeckend die Pubs erobert, selbst die ältesten Traditionskneipen im hintersten Winkel des Landes beugen sich dem Sportdiktat, denn Fußball guckt man nicht allein, sondern mit Freunden – und Guinness oder Whisky. In jenem Jahr entschieden die Celtic „Bhoys“ die Meisterschaft knapp für sich. Jutta Zeise

T

Taschenfernseher Als Kind hatte ich mir in den Kopf gesetzt, jedes Spiel anzusehen, das im Free-TV zu sehen war. Meistens bedeutete das müde Länderspiele. Die Prädikat „live und in voller Länge“ machte sie trotzdem wertvoll. Einmal doppelte sich ein solches Highlight mit einem Besuch bei Freunden meines Vaters, die nur einen Taschenfernseher besaßen. Egal. Ich saß die nächsten zwei Stunden da, ein Auge zugekniffen, und verrenkte mich, um das Spiel auf dem streichholzschachtelgroßen Bildschirm zu verfolgen. Seither weiß ich: Dabeisein ist nicht alles. Benjamin Knödler

Z

Zukunft „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte.“ Das Zitat stammt aus Nick Hornbys Roman Fever Pitch. Hornby erzählt von der großen Liebe zu seinem Club Arsenal und, natürlich, vom Erwachsenwerden. Bei 2022 denke ich an meinen Sohn. Wir Erwachsenen tun ja so, als wäre die Katar-WM fast schon nächste Woche. Als lägen dazwischen nicht noch sieben Jahre (und Russland). Die erste WM guckte J., da war er fast so groß wie der Fernseher (Foto: er und Netzer). Die zweite WM guckten wir schon auf dem Sofa. Mit Chips! 2022 wird er 15 sein. Für ihn ist das so real wie die Zeitmaschine. Er wird nicht mehr der Fußballjunge sein, der er jetzt ist. Er wird ein anderer Junge sein, vielleicht noch Herthaner, vielleicht verliebt, vielleicht wird es ihm egal sein, wenn es schneit, vielleicht wird es gar nicht mehr schneien. Katharina Schmitz

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06:00 18.03.2015

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