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Transhumanismus Wir sollten alle Cyborgs werden. Oder lieber doch nicht? Jan Müggenburg befragt die Geschichte der Kybernetik
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Der Kampf um das wahre Gesicht war für Helmut Plessner ein Symptom des sozialen Radikalismus

Foto: ABC Photo Archives/Getty Images

Glaubt man dem Computerpionier Ray Kurzweil, wird die Vernetzung von Mensch und Maschine nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Experte für künstliche Intelligenz und Director of Engineering beim Mediengiganten Google prophezeit, dass der Mensch entweder verschwinden oder eine höhere Daseinsstufe erklimmen wird, sobald sein Gehirn in die Cloud hochgeladen werden kann wie eine PDF-Datei. In jene Datenwolke also, die externen Speicherplatz, Rechenkapazität und Programme bereithält und in die viele schon große Teile dessen, womit sie am Computer sonst so hantieren, ausgelagert haben.

Doch das sind Schreckensvisionen, die Futuristen wie Kurzweil uns als Heilsversprechen verkaufen. „Trotz allen Geredes vom radikalen Islam und vom christlichen Fundamentalismus ist der aus religiöser Sicht interessanteste Ort auf dieser Welt nicht der Islamische Staat oder der Bible Belt, sondern Silicon Valley“, schreibt Yuval Noah Harari in seinem Buch Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen (C. H. Beck 2018). Der israelische Historiker warnt vor den Missionaren der Datenreligion: „Die Wissenschaft konvertiert zu einem allumfassenden Dogma, das behauptet, Organismen seien Algorithmen und Leben sei Datenverarbeitung.“

Wie jede Religion bemüht sich auch der Transhumanismus darum – bis auf ein paar Gründungslegenden aus den Ställen, sprich: Garagen heutiger Internetmilliardäre –, möglichst ahistorisch zu erscheinen. In gewisser Weise heben die Szientisten das Wissen auf, um dem Glauben Platz zu machen und Dogmen zu etablieren. Wer infrage stellt, dass Organismen wie Algorithmen funktionieren, gilt als Fortschrittsfeind. Also als Ketzer.

Dagegen hilft nur das, was schon das Christentum entmystifizierte: Historisierung. Jan Müggenburgs Buch Lebhafte Artefakte erzählt die Geschichte des Biological Computer Laboratory (BCL), das der österreichisch-amerikanische Physiker Heinz von Foerster 1958 an der University of Illinois gründete. Dieses Labor, das 1974 aufgrund fehlender Fördergelder (die vorher überwiegend vom Militär kamen) wieder geschlossen werden musste, trug entschieden dazu bei, die Kybernetik populär zu machen.

Tricks mit der Fernbedienung

Kybernetik, schreibt Müggenburg, war „eine methodisch hoch reflektierte und erkenntniskritische Wissenschaft“. Ihr Gründungsdokument ist das Buch Cybernetics: or Control and Communication in the Animal and the Machine des US-amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener von 1948 (dt. Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine). Kybernetiker erforschen, wie man das Verhalten künstlicher und natürlicher Systeme vorhersagen und manipulieren kann. Der Begriff kommt vom griechischen Wort für „Steuermann“.

Müggenburg hat mit seinem Buch über von Foerster und sein Labor kein Heldenepos verfasst. Ihm geht es auch nicht um eine ideologiekritische Entlarvung der Kybernetik. Sein Buch ist ein luzid geschriebenes, nüchternes Werk über das, was war.

Es beginnt mit einer kuriosen Anekdote: Von Foerster bekam 1965 die Gelegenheit, im Fernsehen einen „biologischen Computer“ zu präsentieren, der rasant alle Gegenstände, die man ihm vorsetzte, zählen konnte. Einem solchen Computer liegt die Prämisse zugrunde, dass sich biologische Prozesse simulieren lassen, sodass künstliche Sinnesorgane oder neuronale Netze erzeugt werden können. Kurz vor der Sendung war diese Wundermaschine plötzlich defekt. Sollte ihr Erschaffer unverrichteter Dinge die Heimreise antreten? Von Foerster, der schon als Kind Zauberer werden wollte, griff zu einem Trick: In der TV-Sendung tat er nur so, als würde die Maschine eigenständig zählen, in Wahrheit steuerte von Foerster die numerische Anzeige mithilfe einer Fernbedienung gesteuert.

Es war also der Mensch, der die Ehre der Maschine rettete. Im Prinzip war das folgerichtig. Denn von Foerster schwebte keineswegs die Abschaffung des Menschen vor: „Im Diskurs der Biokybernetik um 1960 verschwand der Mensch nicht in einer symmetrischen und dezentralisierten Welt aus gleichberechtigten ‚Akteuren‘, sondern er wurde ganz im Gegenteil als ein Vorbild für die Entwicklung von Maschinen gedacht“, schreibt Müggenburg.

Gegenwärtig hat man eher den Eindruck, die Maschine werde zum Vorbild für den Menschen; er soll sich der Logik der Algorithmen anpassen. Von Foerster wurde in den 1960ern zu einem der wichtigsten Vertreter des sogenannten radikalen Konstruktivismus. Der geht davon aus, dass Erkenntnis nicht die passive Abbildung einer äußeren Realität bedeutet, sondern diese Realität immer von einem Beobachter konstruiert wird. Von Foerster baute in seinem Labor an Modellen, die veranschaulichen sollten, dass Computer wie biologische Organismen arbeiten. Seine Kybernetik brachte das menschliche Subjekt beileibe nicht zum Verschwinden.

Im aktuellen Diskurs über Kybernetik und künstliche Intelligenz scheint dies immer mehr vergessen zu werden. Selbstkritik weicht Zukunftsbeschwörungen, die nicht zuletzt die Kurse der auf KI setzenden Aktienkonzerne aus dem Silicon Valley, aus China beflügeln. Heinz von Foersters Kybernetik wird durch eine dogmatische Datenreligion ersetzt. Jan Müggenburg, der sich sonst kritischer Kommentare enthält, ruft dem Leser am Ende seines Buches zu: „Wir Beobachter, nicht die Maschinen selbst, bestimmen darüber, ob diese sich ‚lebhaft‘ verhalten.“

Info

Lebhafte Artefakte. Heinz von Foerster und die Maschinen des Biological Computer Laboratory Jan Müggenburg Konstanz University Press 2018, 380 S., 39,90 €

06:00 27.03.2019

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