Galaktischer Größenwahn

Weltraumtourismus Den Superreichen genügt es nicht, die Erde auszubeuten. Sie wollen sie vom All aus brennen sehen
Milliardär Richard Branson an Bord des Raumflugzeuges Unity 22
Milliardär Richard Branson an Bord des Raumflugzeuges Unity 22

Foto: ZUMA Wire/IMAGO

Im Kalten Krieg waren es wenigstens politische Systeme, die um die Vorherrschaft im All konkurrierten. Heute sind es drei Milliardäre, die darum wetteifern, wer es als Erster mit dem eigenen Privatunternehmen in den Weltraum schafft. Nun hat der Chef von Virgin Galactic, Richard Branson, es vollbracht. Der Mann mit einem geschätzten Vermögen von 5,9 Milliarden US-Dollar ist durch die Musikindustrie, die Raumfahrt und die Eisenbahn reich geworden. So reich, dass er es sich leisten konnte, die anderen reichsten Männer der Welt, Elon Musk und Jeff Bezos, hinter sich zu lassen.

Viele Medien nehmen diese drei Wunderboys und ihr Vorhaben, das All zu bereisen, mit offenen Armen auf. Was wäre diese Welt trüb ohne ein paar galaktische Geschichten, ohne die Story von den Helden, die nahezu Übermenschliches leisten. Passend zu diesen Gelüsten liefern die drei Bilder: Branson stolziert freudig im blauen Weltraumanzug über die Landebahn wie frisch aus einem Blockbuster. Elon Musk besucht barfüßig Branson, und beide lächeln, sich am Arm haltend, in die Kamera. Jede Regung eine Meldung. Sie geben sich als Konkurrenten und haben doch gemeinsame Interessen.

Denn hinter dem Spektakel steckt eine ganz reale Weltraumwirtschaft. Die Expansion ihrer Unternehmen macht an der Erdoberfläche nicht Halt. Zu ihrem übergroßen Ego kommt das profane Interesse, auch in den letzten Winkel des Möglichen vorzudringen und daraus ein Geschäft zu machen. Nicht so sehr, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu befördern – das ist im besten Fall ein Abfallprodukt der Mission –, sondern um auch die staatlichen Gelder der NASA im Namen der Forschung abzugreifen und die eigene Technik weiterzuentwickeln.

Daran ist nichts verwerflich, doch es grenzt schon an Wahnsinn, dass auf der Erde dabei zugesehen wird, wie Wälder verschwinden oder Gletscher schmelzen, aber so viele bewundernd einem Experiment von drei narzisstischen Milliardären beiwohnen, das eigentlich nur der Vermehrung ihres Reichtums dient. Wer da von „Kindheitstraum“, „Weltraumtourismus“ oder „Magie“ spricht, lässt sich blenden und vergisst, dass sich unter der Inszenierung die knallharten Interessen einiger weniger verbergen. Das ist kein Tourismus, wie ihn Oma Erna unternimmt, das ist schierer Größenwahn.

Branson, Musk und Bezos reicht es nicht mehr, nur die Erde auszubeuten. Während Musk also für Elektrowagen von Tesla weiter nach Lithium graben lässt, träumt er schon von der Kolonisierung des Mars. Musks Rakete SpaceX ist also nur ein weiterer Stein in einer langen Kette von privaten Projekten, die in die Zukunft weisen und seinen Reichtum vermehren sollen. Jeff Bezos, der in der Pandemie mit Amazon zum reichsten Mann der Welt mit einem geschätzten Vermögen von über 200 Milliarden US-Dollar aufgestiegen ist, plant, die Erdumlaufbahn zu besiedeln, um der wachsenden Erdbevölkerung den nötigen Raum zu geben.

Das kostet wesentlich mehr Geld, Arbeitskraft und bedeutet ein viel größeres Risiko, als die Erde, auf der wir leben, zu retten. Doch das würde natürlich nicht annähernd den gleichen Ruhm bringen. Zugleich wären es Kosten, die sich für Einzelne nicht rechnen würden. Unsere neuen Kapitalisten im All, sie brauchen nicht mehr zu beweisen, welches System das beste ist. Denn sie haben schon gewonnen. Deshalb geht es auch nicht mehr darum, wer der Erste ist, sondern darum, sich am Ende im Wettlauf durchzusetzen. Und koste es die Erde.

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